Argentinien Nord 2019 – Reisebericht

Am 04.05.2019 erreichten wir, von Uruguay kommend, Argentinien bei Paysandú und hatten Argentinien Nord auf dem Plan. Hier wollten wir über Cordoba, Tucuman und Salta bis La Quiaca fahren und das Land Richtung Bolivien wieder verlassen. Die weiten Überland-Strecken wollten wir bewußt per Trampen überbrücken. Von Paysandú bis Salta waren es schließlich 1500 km Strecke durch überwiegend wenig interessante Landschaft.

Unser Haupt-Augenmerk lag auf den landschaftlichen Highlights in Cordoba und Jujuy im Norden: die Felsschluchten, baumhohe Kakteen und die Farbenvielfalt der Berge bei Humahuaca.

Unsere Erlebnisse in Argentinien Nord:

Samstag, 04.05.19

Völlig unerwartet erreichten wir heute schon die Grenze, nachdem uns ein Pickup-Fahrer in Uruguay in seinem Fahrzeug mitgenommen hatte. So blieb uns nicht nur der heutige, heftige Regen erspart, sondern wir erreichten auch schon 2 Tage früher als geplant die Grenze.

Die Einreiseabwicklung war einfach und schnell erledigt. Nach 3 min hatten wir unseren Stempel im Pass und waren wieder in Argentinien angekommen. Unser Fahrer fuhr uns bis nach Rosario und verhalf uns somit zu einer Tagesstrecke von über 500 km, worüber wir uns riesig freuten.

Er half uns noch bei der Suche nach einem Schlafplatz. Zumindest versuchte er sein Bestes. Doch es hagelte nur Ablehnungen: bei den Bomberos, bei der Polizei und auch bei allen weiteren Versuchen. Am Ende nahmen wir die Suche nach dem Abschied selber in die Hand, suchten uns WiFi und fanden nach ca. 20 erfolglosen Anfragen bei Warmshowers-Mitgliedern tatsächlich doch noch eine Bleibe für die anstehende Nacht: eine Anfrage auf Couchsurfing wurde innerhalb weniger Minuten mit einer Zusage beantwortet und so hatte die Suche dann ein Ende.

Natürlich hätten wir auch per Zelt übernachten können, doch Rosario ist mindestens genauso gefährlich wie Buenos Aires und da wollten wir auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Rosario gilt als größter Drogen-Umschlagplatz in Argentinien und ist ein heißes Pflaster. Die Einheimischen hatten uns mehrfach gewarnt. Ursprünglich wollten wir auch einen großen Bogen um diese Stadt machen. Doch die heutige Mitfahrgelegenheit hatte unsere Route verändert.

Sonntag, 05.05.19 – Montag, 06.05.19

Auch am Sonntag regnete es immer wieder. So nahmen wir das Angebot an, eine weitere Nacht zu bleiben. Am Montag fuhren wir weiter, nachdem wir uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt angesehen hatten: eine nette Basilika und ein paar Monumentalbauten. Der Rio Paraná trennt wie eine scharfe Linie die städtische Bebauung im Westen (Rosario) von einer ausgedehnten Sumpf- und Lagunen-Landschaft (Paranacito) im Osten. Das ist außergewöhnlich.

In Canada de Gomez suchten wir gleich über Warmshowers nach einem Schlafplatz, weil wir bei den Bomberos mit einer Absage rechneten. Doch ausgerechnet hier klappte es bei den Bomberos dann doch, nachdem unsere Bemühungen bei Warmshowers erfolglos waren.

Am späten Abend meldete sich doch noch einer der Warmshowers-Kontakte zurück und kam uns dann am Abend bei den Bomberos besuchen. So tauschten wir uns über unsere Radreisen aus und wurden am Ende noch auf ein Interview für die Lokalpresse eingeladen.

Dienstag, 07.05.19

Es war ungemütlich kalt am Vormittag. Wir verabschiedeten uns und freuten uns über den Rückenwind. Das tröstete uns ein wenig darüber hinweg, dass das Trampen hier auf der Route 9 zu schlecht lief. Am liebsten wäre uns eine Mitfahrgelegenheit bis Cordoba gewesen, doch das erschien uns utopisch. Die meisten Fahrer nehmen hier wohl keine Anhalter mit. Alle wissen halt, dass es ein gefährliches Pflaster ist. Als es am Nachmittag zu regnen begann, klappte es dann zum Glück doch. Ein LKW nahm uns mit bis Bell Ville.

5 km vor unserem Ziel ging plötzlich der Motor aus. Unser Fahrer fluchte, denn das passte ihm überhaupt nicht in den Plan. Er kontaktierte seine Kollegen per Handy und organisierte eine Abschlepp-Aktion. Aus den angekündigten 5 min Wartezeit wurde dann am Ende fast eine Stunde. Da wären wir besser vorher ausgestiegen. Wussten wir aber eben nicht.

Die Bomberos in Bell Ville erlauben den Reiseradlern keine Übernachtung mehr, seit ein Reisender etwas gestohlen hatte. Uns fehlten die Worte. Wie kann man die Großzügigkeit und das Vertrauen dieser Freiwilligen Feuerwehr nur derart enttäuschen?! Da wundert es uns nicht, wenn sie irgendwann diese sichere Übernachtungsmöglichkeit für Reiseradler kategorisch ablehnen.

Sie organisierten uns aber noch einen alternativen Schlafplatz in einer Kindertagesstätte in der Nachbarschaft, wo wir aber am Ende bis 21:30 im kalten Nieselregen vor der verschlossenen Türe warten mussten, bis die Dame mit dem Schlüssel auftauchte und uns rein ließ.

Eine schwere Geburt war das heute. Noch dazu bei diesem ungemütlichen Wetter. Aber ein sicherer Schlafplatz war uns wichtig. Eine Übernachtung per Zelt wollten wir in den Städten im Einzugsgebiet von Rosario auf jeden Fall vermeiden.

Mittwoch, 08.05.19

Weiter ging unsere Fahrt bei Regen und Wind bis Villa Maria. Die Bomberos erlaubten zwar keine Übernachtung, aber sie luden uns auf einen Kaffee ein. So verbrachten wir den Rest des Tages bei den Bomberos. Am Abend klappte dann auch der Kontakt zu einem Warmshowers-Kontakt in einer Musiker-WG. An den Marihuana-Dunst in unserem Schlafraum mussten wir uns erst gewöhnen.

Nachts schlugen die beiden Hunde des Hauses dann plötzlich Alarm und keine 5 Sekunden später rannten unsere Gastgeber raus in den Garten und mussten einige kriminelle Jugendliche vertreiben, die es auf die wertvollen Musikinstrumente abgesehen hatten. Diese Kids hatten es wohl schon häufiger versucht.

Donnerstag, 09.05.19

Es war immer noch dicht bewölkt und nasskalt. Etwas Nieselregen war auch dabei. So langsam konnten wir keinen Regen mehr sehen. Aber da müssten wir uns laut Wettervorhersage noch einen Tag gedulden.

Wir versuchten zu trampen, doch das lief wieder ganz schlecht. Lediglich ein Kleinlaster nahm uns gerade einmal 10 km mit. Doch alleine dafür waren wir schon dankbar, denn bei diesem heftigen Gegenwind zählte jeder km für uns. Wegen Platzmangel im Fahrerhaus saß ich dabei wieder auf der Ladefläche und Annett durfte sich zwischen dem Steuerknüppel und dem korpulenten Beifahrer „dünnmachen“. Das war es aber auch schon zum Thema Trampen.

Bis Cordoba waren es jetzt noch 140 km Strecke. Gegen den heftigen Gegenwind würden wir dafür 3 Tage benötigen. Also radelten wir so dahin in der Erwartung besseren Wetters. Die Landschaft gab derweil nicht viel Interessantes her, lediglich der Verkehr sorgte mal wieder für etwas Abwechselung: ein entgegenkommender LKW fuhr, nicht überhörbar, mit einem geplatzten Reifen an uns vorbei und verlor genau auf Höhe von Annett die letzten Fetzen des Reifens. Da waren wir froh, dass ihr die Reifenteile nicht noch um die Ohren flogen.

Wir fanden uns damit ab, dass uns keiner mehr mitnehmen würde und radelten bis James Craik, wo wir nach einer Pause auf die parallel verlaufende Autopista wechselten, in der Hoffnung auf mehr Verkehr und höhere Mitnahme-Chancen. Doch es blieb frustrierend. Hier gab es nicht viel mehr Verkehr als auf der Nebenstrecke. Zumindest hatte die Autobahn einen Seitenstreifen. Das reduzierte schon mal die Gefahr, von irgendeinem LKW bei Tempo 130 km/h erfasst zu werden (ja, die LKWs fahren hier tatsächlich so schnell).

Am späten Nachmittag passierte dann die unglaubliche Wendung: ein Pickup hielt und nahm uns mit. Er musste nach Rio Ceballos, 20 km nördlich von Cordoba. Zufällig war das auch unser Ziel, denn dort beginnt der Camino del Cuadrado, eine 30 km lange Panoramastraße durch sehenswerte Landschaft.

So kamen wir durch Zufall an unseren Zielort, ohne uns per Fahrrad durch die Metropole Cordoba kämpfen zu müssen.

Während der Fahrt organisierte der Fahrer für uns dann auch noch eine Übernachtung bei den Bomberos unweit von Rio Ceballos. Dafür kontaktierte er sogar seinen Kumpel, den Bürgermeister, der dann mit dem Chef der Feuerwehr alles regelte.

Die Bomberos luden uns am Abend dann zum Pizzaessen ein und sie boten uns ihr WiFi an. Was für ein Tag war das geworden.

Freitag, 10.05.19

Weit kamen wir heute nicht. Wir genossen die erste Sonne nach 4 Tagen und erklommen die ersten Höhenmeter Richtung Camino del Cuadrado. Ab hier sollte es nun 650 m bergauf gehen. Normalerweise nimmt uns ein Aufstieg nicht so stark mit, doch durch das Wetter der letzten Tage waren wir ziemlich früh müde.

Da kam die Einladung eines Anwohners zur Übernachtung sehr gelegen. Wir wollten früh schlafen gehen und unseren Weg morgen fortsetzen.

Samstag, 11.05.19 – Sonntag, 12.05.19

Wir standen recht früh auf, auch wenn mir garnicht danach war. Mich hatten die nasskalten letzten Tage derart stark mitgenommen, dass bei mir in der Nacht eine handfeste Erkältung ausgebrochen war. Mein Hals war entzündet und ich hatte Kopfschmerzen.

Doch wirklich früh starten konnten wir dann doch nicht: Annett suchte einen ihrer Schuhe. Den hatte sich offensichtlich der Hund unter den Nagel gerissen und jetzt irgendwo in dem großen Garten hinter dem Haus in sein „Versteck“ geschleppt. So suchten wir eine Stunde lang, fanden ihn dann aber zum Glück in einer der hintersten Ecken. Der Hund musste ordentlich auf dem Schuh herumgekaut haben, so mitgenommen sah er nun aus.

Nach dem Abschied ging es hoch in die Berglandschaft Richtung La Falda. Das waren 40 km Strecke, bis auf wenige km relativ steile Anstiege.

Leider war die Straße sehr knapp bemessen und es gab keinen brauchbaren Seitenstreifen. Und so bretterten die vielen, vielen Motorradfahrer und der gesamte Autoverkehr den ganzen Tag mit „Tuchfühlung“ an uns vorbei. Das trübte die Befahrung dieser sehenswerten Panoramastrecke etwas.

Plötzlich gab es laute schabende Geräusche beim Bremsen an Annetts Fahrrad. Einer der Bremsbeläge war unerwartet schnell abgefahren bis auf den Metallschuh; ein Resultat der verregneten letzten Tage. Da half nur sofort anhalten und den Bremsschuh auswechseln. Dabei setzte uns der kalte Wind über die gesamte Reparaturzeit aber ziemlich stark zu. Das war natürlich Gift für meine Genesung.

Kaum saßen wir wieder auf den Rädern, gab ein Pedal an Annetts Fahrrad mahlende Geräusche von sich. Nach kurzer Prüfung stand fest: eine große Wartung an den Pedalen war fällig. Das war allerdings keine 10 – Minuten – Aktion, sondern das Programm für einen Pausentag. Heute war tatsächlich der Wurm drin.

Zum Abend hin klagte Annett dann auch noch über Knieschmerzen. Jetzt reichte es uns tatsächlich für heute.

Unseren Zielort La Falda erreichten wir gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit. Glücklicherweise konnten wir bei den Bomberos schlafen, wenn auch in getrennten Räumen in unterschiedlichen Gebäuden, streng nach Geschlecht getrennt. Aber das war ok. Nach den insgesamt 1000 Höhenmetern heute waren wir ordentlich geschafft.

Für die anstehende Reparatur an den Pedalen gewährten die Bomberos uns sogar eine weitere Nacht. So konnte ich am Sonntag in aller Ruhe an den Fahrrädern schrauben.

Das war auch bitter nötig, wie sich im Laufe des Tages herausstellte:

tatsächlich waren die Kugellager aller 4 Pedale reif für eine Generalüberholung und auch die Kugellager in meinem Tretlager brauchten neues Fett. Da hatten die letzten Regentage doch mehr Schaden angerichtet als wir vermutet hatten.

Der Pausentag war natürlich auch die passende Ruhezeit für Annetts Knieschmerzen. So fühlten wir uns nach erfolgreicher Reparatur und meiner Genesung fit genug, für einen Abstecher in den Süden zum Camino de las Altas Cumbres, bevor wir unsere Fahrt weiter Richtung Tucuman und Salta im Norden fortsetzen würden.

Montag, 13.05.19

Der Camino de las Altas Cumbres ist eine Panoramastraße in den Bergen der Sierras de la Cordoba südwestlich der Stadt. Wir suchten uns in Villa Carlos Paz am Fuße der Berge einen Warmshowers-Kontakt und machten uns auf den Weg.

Die gesamte Stecke war extrem hügelig und sehr stark befahren. So kam uns der motorisierte Verkehr wieder einmal viel zu nahe. Wie unfallträchtig diese Straßen sind, bewies uns auch gleich noch ein frischer Unfall zwischen Motorrad und Auto auf halber Strecke. Aber auch sonst zeugten die vielen Kreuze und Gedenkstätten am Straßenrand von den vielen Unfällen.

Dienstag, 14.05.19 – Samstag, 18.05.19

Unser Warmshowers-Kontakt organisierte für uns bei den Bomberos im Ort noch einen Abstellplatz für all unser überflüssiges Gepäck, was wir nicht für die kommenden 2 Tage über 1000 Höhenmeter mit in die Berge schleppen wollten.

So fuhren wir zu den Bomberos, dünnten unser Gepäck aus und konnten im Fuhrpark hinter den großen Löschfahrzeugen unser Schlaflager für die nächste Nacht auf dem Boden einrichten. Einzig unangenehm waren die Dieselabgase der schweren Fahrzeuge, die sie abends dicht an dicht in die große Halle rangierten. Da dauerte es seine Zeit, bis die Luft an unserem Schlafplatz wieder zum Atmen geeignet war.

Durch die kalte Zugluft in der Halle holte sich Annett aber noch Verspannungen im Nacken. Dafür waren die Knieschmerzen abgeklungen.

Wir brachen früh auf und machten uns an den Aufstieg. Hinter dem letzten Ort, Villa Icho Cruz, gab es schlagartig keinen Verkehr mehr. Das war auf der einen Seite sehr angenehm zum Radeln. Auf der anderen Seite wurde uns aber gleich bewusst, dass wir hier in den Bergen jetzt völlig auf uns gestellt wären, wenn irgendetwas schief läuft. Es gab nirgendwo Trinkwasser, keine Dörfer oder Häuser, keine Funkverbindung, nur diese Straße und uns. Im Tagesverlauf begegneten uns gerade einmal 4 Autos.

Die stärker befahrene Straße ist die Südroute, denn sie ist durchgehend asphaltiert. Wir wählten natürlich die ruhigere Nordroute, die auf halber Strecke in Schotter übergeht. Weil wir jedoch wieder nach Carlos Paz zurück radeln mussten (es war für uns ja lediglich ein Abstecher und keine Durchgangsroute), wählten wir lediglich die „kleinere Runde“. Trotzdem kamen wir am Ende des Tages mal wieder auf 1000 Höhenmeter.

Die beiden Straßen führen noch über 800 Höhenmeter weiter den Berg hinauf bis Las Ensenadas / El Cóndor und dabei kommen noch einmal 27 km Strecke hinzu. Das war uns dann doch zuviel mit den immer noch 25 kg Gepäck am Fahrrad. Die bessere Alternative ist sicherlich, ganz ohne Gepäck per Mountainbike von Icho Cruz aus zu starten und am Abend dorthin zurück zu kehren. So kommt man aber auch auf 95 km Strecke und 1800 Höhenmeter.

Unser Video auf Youtube: Camino de Altas Cumbres

Die Nacht war kalt und das Zelt am Morgen pitschnass, obwohl wir bewusst schon eine tiefere Lage auf dem Rückweg als Zeltplatz gewählt hatten. Dafür ging der Rückweg bis Carlos Paz rasant schnell. Es ging ja überwiegend nur bergab.

Nach einer weiteren Nacht bei den Bomberos brachen wir Richtung Cordoba Stadt auf, um von hier Richtung Tucuman unsere Reise fortzusetzen. Vor Tucuman wollten wir auf die RN40 im Westen wechseln und über Cafayate weiter bis nach Salta reisen.

Die Straßen in Carlos Paz sind sehr unangenehm für Radler: der Randstreifen ist ein einziges Trümmerfeld und der Verkehr hat keinen Platz für einen ausreichenden Sicherheitsabstand. Trampen klappte auch nicht und auf der breiten Autopista ließ uns die Polizei-Kontrolle nicht fahren.

So wählten wir die hügelige Parallelstraße und stellten uns auf mühsame 35 km und einen kräftigen Gegenwind ein. Wir waren noch keinen km weit gefahren, da hielt ein Pickup-Fahrer, der unser Fahrmanöver von der Autopista auf die Nebenstrecke verfolgt hatte und bot uns die Mitnahme an. So wählte er nur für uns die Parallelstrecke und wir kamen in den Genuss, in einem 75 Jahre alten Chevrolet Oldtimer mit offener Ladefläche ohne Klappe mitfahren zu dürfen. Wenn wir auch in ständiger Sorge um den Verlust einzelner Packtaschen auf der offenen Ladefläche waren, so war es dennoch ein Erlebnis der besonderen Art.

In Cordoba genossen wir eine kleine Stadtrundfahrt vom Auto aus und kamen beim Abladen mit dem Fahrer eines Lieferwagens gleich neben uns ins Gespräch. Er fuhr zufällig in unsere Richtung und so war nach 5 Minuten all unser Gepäck samt der Fahrräder in seinem Wagen verstaut und wir fuhren völlig stressfrei aus dem hügeligen Cordoba bis nach Jesús Maria im Norden.

Auf unserem weiteren Weg wurde die nette Art der argentinischen Straßenarbeiter für Annett fast zum Verhängnis: Sie wurde während der Fahrt von einem Bauarbeitertrupp auf der anderen Straßenseite so intensiv und zahlreich gegrüßt, dass ihr in der fehlenden Aufmerksamkeit für die Straße fast ein ungesichertes, tiefes Loch in den Betonplatten auf der Fahrbahn entgangen war. Sie machte im letzten Moment eine Vollbremsung und kam exakt 0 cm vor dem tiefen Loch zum Stillstand. Puh! Das hätte böse enden können.

Sonntag, 19.05.19

Entgegen der Vorhersage von gestern war kein Regen in Sicht. Das motivierte uns zum frühen Aufbruch. Noch dazu hatten wir Rückenwind und so erreichten wir den nächsten Ort Villa de Maria nach 60 km früh am Nachmittag.

Nach einer Pause fuhren wir weiter. Es war ja noch früh. Gleich hinter Ville de Maria ging es jedoch hoch in eine Hügellandschaft mit vielen Höhenmetern. Da ahnte Annett schon, dass wir das nächste Dorf in 40 km Entfernung nicht mehr vor der Dunkelheit erreichen würden. Zusätzlich hatten wir auch viel zu wenig Wasser für eine Übernachtung in der trockenen Steppe dabei. Also versuchten wir irgendwann zu trampen.

Tatsächlich hielt dann ein Pickup und nahm uns mit. Das war nicht selbstverständlich. Denn heute, am Sonntag, waren außer den vielen LKWs nur wenige hier auf der Überlandstrecke unterwegs.

Wir wären schon dankbar gewesen für die geplanten 40 km. Doch unser Fahrer war auf dem Weg nach Salta weit im Norden und so brachte er uns völlig unerwartet bis kurz vor Santiago del Estero. So hatten wir heute in Summe tatsächlich 320 km Strecke geschafft.

Auch bei der Schlafplatzsuche erlebten wir eine Überraschung:

Auf halbem Weg zu den Bomberos (unsere erste Adresse auf der Suche nach einem sicheren Schlafplatz in jedem Ort) hielten wir an einer Kirche und fragten uns zum Pfarrer durch. Schaden kann es ja nicht, dachten wir uns. Der Pfarrer gewährte uns dann gleich eine Übernachtung im Pfarrheim und lud uns in die bevorstehende Messe ein. Am Ende dieser Messe stellte er seine Gäste, also uns, als weitgereiste Radler vor und so wurden wir im Anschluss an diese Messe von nahezu der gesamten Glaubensgemeinschaft in die Arme genommen und bekamen so viele Glückwünsche mit auf unseren Weg, wie noch nie zuvor. Wir waren gerührt. Das war unglaublich.

Montag, 20.05.19 – Samstag, 25.05.19

Der Pfarrer arrangierte für uns noch die Übernachtung in einer Herberge im 50 km weit entfernten Ort Thermas de Rio Hondo. Danach fuhren wir weiter nach Santiago del Estero, wo wir einige Tage bei einem Couchsurfing-Kontakt unterkamen. Dadurch blieben uns zwei Regentage und zwei weitere ziemlich kalte Tage erspart und wir erhielten Tipps für unsere weitere Route.

Annett buk einen Kuchen mit Orangen, Bananen und Kumquats sowie Vollkornbrot und nutzte unseren Aufenthalt noch für eine Konsultation beim Zahnarzt. Sie hatte sich zwar den Weg erklären lassen, doch das Navi auf dem Smartphone versagte ausgerechnet auf diesem Weg den Dienst. So fragte sich Annett auf der Straße bei den Passanten durch und wurde von 4 Personen in 4 verschiedene Richtungen geschickt. Agerechnet an diesem Tag regnete es zudem noch in Strömen.

Sonntag, 26.05.19 – Montag, 27.05.19

Am Sonntag fuhren wir weiter Richtung Thermas de Rio Hondo und waren nach wenigen km gleich wieder geneigt, einen Pickup für die Weiterfahrt zu suchen, um nicht unter die Räder der rücksichtlosen Auto- und Busfahrer zu geraten.

Als uns ein Transporter mitnahm, erfuhren wir auch, warum das Trampen hier so schlecht lief: es gab einige Polizeikontrollen im weiteren Verlauf der Straße und da käme ein Sitzplatz auf der Ladefläche natürlich nicht gut an. Für unseren Fahrer war das kein Problem. Wir kauerten neben unseren Fahrrädern im Laderaum und sollten uns ruhig verhalten bei den Polizeikontrollen.

So wurden wir tatsächlich 5 mal angehalten und es gab immer viel Palawer mit den Beamten. Wir dachten jedesmal, jetzt ist unsere Fahrt zu Ende. Annett musste sich auch immer tief ducken, weil sie sonst durch die Frontscheibe gesehen worden wäre. Es war uns ein Rätsel, warum bei all den Kontrollen nie der Laderaum geöffnet wurde.

Ein weiterer Tramp-Versuch klappte dann schneller, weil die Polizeikontrollen ja hinter uns lagen. Unser Fahrer lud uns in seiner Begeisterung über unserer Radreise gleich in sein Ferienhaus nach Tafi del Valle ein und gab uns die Kontaktdaten der Haushälterin. Unglaublich! Damit hatten wir die Aussicht auf einen angenehmen Schlafplatz in dem einzigen Städtchen auf dem 120 km langen Weg über die 5.500 Meter hohe Sierra Aconouija. Tafi del Valle liegt dabei auf über 2000 Metern Höhe und bietet an Schlechtwettertagen in dieser Jahreszeit gerne Temperaturen um den Gefrierpunkt. Da wäre Zelten keine angenehme Alternative für uns.

In Thermas kamen wir bei den Bomberos unter, hätten aber als Alternative auch die Herberge ansteuern können, die uns der Pfarrer vor einigen Tagen angeboten hatte.

Am folgenden Tag verlief unsere Schlafplatzsuche dann aber nicht so glatt: Wir erreichten abends Acheral am Fuße der Sierra Aconouija, fanden dort aber keine passende Unterkunft. Erst im 7 km entfernten Ort (abseits unserer Route) gab es im Rahmen unserer Suche dann gleich wieder zwei Angebote. Manchmal ist es halt verhext.

Am Ende schliefen wir in einem Raum in der Sporthalle. Auf dem Gang zur Toilette wurde man lediglich von den drei Hunden belagert, die zum Inventar des Sportzentrums gehörten.

Dienstag, 28.05.19

Wir fuhren die 7 km zurück auf unsere Straße und begaben uns in den Aufstieg. Vor uns lagen 2700 Meter Aufstieg bis auf 3000 Meter Passhöhe und dahinter 1200 Meter Abfahrt bis zur RN40 auf 1800 Metern Höhe.

Ganz allmählich schraubt sich die Straße hier in den ersten Berghang. Die gesamte Gebirgskette lag in einer dichten Wolkenschicht vor uns. Da befürchteten wir schon ein unangenehm kaltes, feuchtes Klima mit Sicht unter 50 Metern weiter oben im Berg.

Die Straße windet sich über viele km zwischen den steilen Berghängen hindurch. Alles ist dicht bedeckt mit tropischem Dschungel. An den vielen Moosflechten an den Baumstämmen und in den Baumkronen war zu erahnen, wie selten hier die Sonne ihren Weg durch die Wolkendecke findet. Also waren die Wolken wohl obligatorisch. Doch irgendwann später riss dann die Wolkendecke zufällig auf und die Sonne kam hervor. Da hatten wir wohl tatsächlich einen glücklichen Tag für den Aufstieg bis Tafi del Valle erwischt. Trotzdem war Schieben der Fahrräder angesagt, weil die Straße zum Fahren viel zu steil war.

Eine traumhafte Gebirgskulisse als 360-Grad-Panorama, der Lago La Angostura, dazu der strahlende Sonnenschein und die unerwartet warmen 18 °C machten unseren Aufenthalt im Stadtzentrum von Tafi zu einem echten Highlight.

Es ist sehr touristisch hier und man sieht sehr viele Nachfahren der Ureinwohner, der Diaguitas.

Die versprochene Unterkunft war schnell gefunden, wenn ich auch die Anfahrt aus dem Stadtzentrum heraus völlig unterschätzt hatte: auf 1500 Metern Straße bis zum Haus kamen 130 Höhenmeter. Das waren Verhältnisse wie vor anderthalb Jahren im neuseeländischen Dunedin. In ebenem Gelände eine Sache von 5 Minuten mit unseren Rädern. Doch hier wurde es jetzt ein schweißtreibendes Unterfangen über fast eine Stunde. Weil Annett ihr Knie schonen musste, half ich ihr beim Schieben. So waren es für mich am Ende noch deutlich mehr Höhenmeter bis zum Haus.

Dafür belohnte uns die grandiose Aussicht über die nächsten drei Tage vom Haus in die Talsenke von Tafi del Valle. Immer wieder sorgten vor allem die unter uns durchs Tal ziehenden Wolken für spektakuläre Szenarien.

Auch der Sternenhimmel war traumhaft. „Jetzt noch Stromausfall“, sagte Annett, „dann könnten wir den Sternenhimmel noch besser sehen“. Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, fiel tatsächlich der Strom aus. Das passte mir überhaupt nicht, denn ich hatte gerade just vor wenigen Minuten die Ladekabel für mehrere unserer Verbraucher angeschlossen. Aber zum Glück dauerte es nicht lange, da war der Strom wieder da.

Am Freitag setzten wir unseren Aufstieg fort. Die Knieschmerzen waren abgeklungen und wir fühlten uns bereit für die verbleibenden 1000 Höhenmeter bis nach El Infiernillo auf 3000 m Höhe. Wir spürten die Höhe. Das Schieben war anstrengender als im Tal und es dauerte viel länger, bis der Puls in einer kurzen Pause wieder auf Normaltempo absank.

Ab El Infiernillo ging es wieder bergab. Dabei war die Straße hinunter bis ins Tal extrem schlecht: Bruchasphalt mit Waschbrettprofil und oft nur noch ein holpriges Flickwerk. Das Radeln war auf dieser Piste sehr schwierig, es fuhr sich so grob wie Kopfsteinpflaster. An eine entspannte, rasante Abfahrt war da gar nicht zu denken. Ich versuchte es zweimal, doch es hob mir schon nach wenigen Metern die vorderen Packtaschen aus der Halterung. Also polterten wir im Schritttempo und stetig bremsend talwärts, so gerne wir auch mal wieder eine angenehme Abfahrt genossen hätten.

Dafür entschädigte uns das Panorama: um uns herum schroffe Felsen, sanfte Hügel, Steppengras und vor allem haushohe Kakteen, so weit das Auge blickte. Manche Exemplare hatten einen Stammdurchmesser von 70 cm.

Am Abend erreichten wir Amaicha del Valle, wo wir nach längerer Suche einen sicheren Schlafplatz in einem Gebäude fanden.

Samstag, 01.06.19

Es war frisch auf dem Fahrrad heute Morgen. Wir waren schließlich immer noch auf ca. 1800 m Höhe und der Winter stand vor der Tür. Aber wir wollten nicht klagen, schließlich erwartete uns auf den kommenden 500 km Strecke kein nenneswerter Niederschlag.

Im Gegenteil: die Strecke über Cafayate und Salta führte durch trockene Steppe mit Kakteen und viel Sand.

Landschaftlich weiterhin ein absolutes Highlight: im Westen die Sierra de Quilmes, im Osten die Cumbres Calchaquies, zwei interessante Höhenzüge.

So radelten wir mit leichtem Gefälle durch die wüstenartige Ebene zwischen den Bergen Richtung Cafayate. In Cololao del Valle war unsere Suche nach einem Schlafplatz sehr mühsam und endete im Pfarrsaal um 20 Uhr.

Sonntag, 02.06.19

Wir radelten weiter bis Cafayate und machten Pause in der Tankstelle. Eigentlich mussten wir dringend neuen Brennstoff für unseren Kocher kaufen, doch alle Läden hatten geschlossen bis nachmittags um 17 Uhr. Siesta! Nach einer Absage bei den Bomberos beschlossen wir, weiter zu fahren und verzichteten auch auf den Brennstoff-Kauf. Das sollte sich allerdings als fataler Fehler herausstellen.

Ein heftiger Gegenwind machte das Radeln extrem schwer in den kommenden Stunden. So landeten wir kurz vor der Dunkelheit 15 km hinter Cafayate in der unbewohnten Steppe und hatten unsere Mühe, einen Platz fürs Zelt zu finden. Der Boden bestand überall aus lockerem Sand und es gab viele Pflanzen mit gefährlichen Dornen.

Am Ende bauten wir das Zelt neben dem einzigen Privathaus weit und breit auf und konnten hier sogar unsere Akkus laden.

Montag, 03.06.19

Frostig kalt war es heute morgen. Auf dem Sattel lag Rauhreif, doch das Zelt war trocken.

Nach nur einem km begann unser Highlight der Woche: die Quebrada de las Conchas, eine traumhafte Felsenschlucht. Roter Sandstein zeigte sich hier über viele km sehr zerklüftet und in den unterschiedlichsten Farbnuancen. Wir genossen es in vollen Zügen und ließen uns den ganzen Tag lang durch diese traumhafte Kulisse treiben.

Unser Video auf Youtube: Quebrada de las Conchas

Etwas besorgt war ich nur, weil uns langsam der Brennstoff ausging. Auch die Beschaffung von Trinkwasser würde wieder einmal nicht einfach werden. Laut Karte war das nächste Dorf über 50 km entfernt. Zu viel für den Rest des Tages.

Da beschlossen wir, bis zum nächsten Dorf zu trampen. Das klappte auch überraschend schnell. Unser Fahrer brachte uns 50 km weit und bot uns am Ende die Übernachtung per Zelt im Garten seiner Unterkunft an, einer Farm 8 km von der Straße entfernt mitten in der Natur. Der gesamte Stichweg war ein waschechter Offroad-Schotterpfad mit insgesamt 5 Toren. An jedem dieser Tore musste man erst aussteigen, den Strom abschalten, das Tor öffnen und natürlich hinter der Durchfahrt wieder schließen. Während dieser Fahrt wurden unsere Räder auf der Ladefläche ganz schön durchgewirbelt.

Das freilaufende Pferd im Garten war dann das K.O. für die Übernachtung per Zelt. Und so landeten wir in einem leerstehenden Raum im Haus der Farm, wo wir dann noch einen gemeinsamen Abend verbrachten.

Um 24 Uhr wurde dann der Stromgenerator im Garten ausgestellt und alle Lichter im Haus gingen aus.

Dienstag, 04.06.19

Unser Fahrer wollte uns per Auto wieder an die Hauptstraße zurück bringen. Einzige Bedingung: um 7:30 Uhr musste das Auto wieder fertig gepackt sein. So standen wir um 6 Uhr auf und organisierten uns beim Packen ausschließlich mit der Stirnlampe, weil der Stromgenerator erst um 7 Uhr angeworfen wurde. Doch es war allemal angenehmer als ein Morgen im Zelt. Denn mit 5 °C war es auch heute morgen wieder viel zu kühl. Die Sonne kam erst um die Mittagszeit zum Vorschein. Bis dahin blieb es ungemütlich kalt.

In El Carril konnten wir endlich den knappen Brennstoff-Vorrat wieder auffüllen. Es hatte doch gereicht. Aber nur, weil wir am Vorabend im Haus zum gemeinsamen Dinner den Herd nutzen konnten. Sonst wären wir gestern schon leer gelaufen. Bei einer Nacht im Zelt bei frostigen Temperaturen keine angenehme Sache.

Die Bomberos unterhielten zwar nur ein kleines Gebäude in El Carril, doch hier konnten wir unser Zelt im Garten hinter dem Gebäude ausstellen.

Mittwoch, 05.06.19

Nach einem herzlichen Abschied von den Bomberos nutzten wir in der Tankstelle WiFi und kümmerten uns um eine Bleibe in Salta für mehrere Nächte, wo wir für die geplanten Besichtigungstouren auch unser Gepäck abstellen könnten.

Doch am Ende wurde dies ein tagfüllendes Programm mit vielen Absagen und vielen überteuren Angeboten. Die vielen Warmshowers- und Couchsurfing-Mitglieder waren entweder nicht erreichbar oder waren selber auf Reise. Auf die Bomberos wollten wir gar nicht erst bauen (in großen Touristen-Zentren wie Salta hagelt es da meist Absagen).

Die Ausbeute beschränkte sich auf einen Zeltplatz im Garten und eine Unterkunft mit Fragezeichen.

Über unsere Bemühungen wurde es Abend und so bauten wir bei den Bomberos in El Carril ein zweites Mal das Zelt auf.

Als wir dann dort von unserer erfolglosen Suche nach einem Schlafplatz in Salta erzählten, kontaktierten sie spontan die Kollegen in Salta und organisierten für uns die Übernachtung bei den Bomberos. Wir waren begeistert.

Donnerstag, 06.06.19 – Sonntag, 09.06.19

Am Nachmittag erreichten wir Salta und durften tatsächlich für einige Nächte bei den Bomberos bleiben. Allerdings fiel der Freitag als Besichtigungstag wegen Regen gleich ins Wasser. Weil Samstag als einziger Schönwettertag aus der Wettervorhersage für die kommenden Tage hervorging, packten wir unser gesamtes Besichtigungsprogramm in diesen einen Tag und schauten uns Salta an:

Parks im Zentrum, die Iglesia San Francisco, die Basilika von Salta, einige sehenswerte Kolonialbauten und den Touristenrummel in der Fußgängerzone.

Im Stadtzentrum trafen wir dann zufällig drei Bomberos aus der argentinischen Stadt Conception del Uruguay, wo wir vor einem Jahr übernachtet hatten. Die drei hatten uns sofort wiedererkannt und die Wiedersehensfreude war groß.

Am Sonntag verließen wir Salta Richtung Norden und erlebten kurz hinter der Stadtgrenze ein Open-Air-Folklore-Festival: es gab Life-Musik von mehreren Bands, Tanz und unendlich viele Imbiss-Stände, wo Torten, Empanadas, Asado, Alfajor, Api und viele andere Spezialitäten des Landes angeboten wurden.

Auf diesem Festival blieben wir natürlich bis in den Abend hängen und suchten uns erst kurz vor der Dunkelheit einen Schlafplatz. Auf unserer Suche nach dem Pfarrer der nahegelegenen Kirche lud uns eine Mitarbeiterin der Kirche spontan zur Übernachtung zu sich nach Hause ein.

Montag, 10.06.19 – Donnerstag, 13.06.19

Weil wir im Norden von Salta viele Höhenmeter auf dem Plan stehen hatten, waren wir um 9:30 Uhr schon zur Abfahrt bereit. Aber mit 6 °C war es eigentlich noch viel zu kalt zum Radeln. Der dichte Frühnebel machte es auch nicht gerade angenehmer. So dauerte es ganze 3 Stunden, bis die Sonne durchkam und die Temperatur allmählich auf angenehme 20 °C gestiegen war.

Nach einigen hundet Metern Aufstieg führte die Straße mit vielen Kurven durch ein kleines Gebirge mit dichtem tropischen Regenwald: wir fuhren auf dem Camino de Cornisa. Die gesamte Strecke war traumhaft schön und fast ohne Verkehr. Ausnahmsweise hatte diese Straße noch dazu eine sehr gute Asphaltdecke. So machte auch die 30 km lange Abfahrt auf der anderen Seite der Bergkette richtig Spaß.

Neben der außergewöhnlichen Botanik (viele Bromelien) gaben auch die zahlreichen Schmettelinge mit ihren bunten Flügeln immer wieder Anlaß zum Anhalten.

Am Abend erreichten wir El Carmen, wo wir dann in der Sporthalle einen Schlafplatz fanden. Gleichzeitig hatten wir heute auch die 34.000 km geradelte Strecke seit unserem Start in Deutschland vor knapp 4 Jahren erreicht. Das feierten wir natürlich mit einem Becher Rotwein.

Am Dienstag organisierten wir uns eine Übernachtung in San Salvador de Jujuy und brachten die 26 km hinter uns. Durch den dichten Verkehr und den gewohnt gefährlichen Fahrstil war das wieder nicht sehr angenehm. Da waren wir froh, heile am Nachmittag in San Salvador einzutreffen.

Wir blieben 2 Nächte in San Salvador und besuchten den Parque Botanico im Norden der Stadt. Eigentlich ist das kein Botanischer Park sondern eher ein mit dichtem Dschungel bewachsener Hügel mit 250 m Höhe. Auf dem höchstern Punkt steht ein Aussichtsturm, der allerdings nicht mehr begehbar ist. Sie haben die untere Hälfte der Treppe wohl aus Sicherheitsgründen entfernt. Was mich jedoch nicht von einer Besteigung abhielt. Wir haben ja Klettern gelernt. Tatsächlich gab es von dort oben eine grandiose Aussicht auf die Stadt und die umliegende Bergwelt. Allerdings bietet die Stadt keine herausragenden architektonischen Highlights, die den Blick aus der Vogelperspektive zu einem unvergesslichen Erlebnis aufwerten würden. Nett war es trotzdem. Schon alleine wegen der verbotenen Kletterei.

Durch San Salvador schlängelt sich der Rio Xibi Xibi, den sie zu beiden Seiten mit einem netten Freizeitpark umsäumt haben. Dort bieten sie sogar Leihfahrräder an.

Kulturprogramm gab es auch in der Stadt: so besuchte Annett eine Aufführung der Sängerin Eugenia Mur samt Band. Sie ist in Argentinien eine bekannte Persönlichkeit und spielt auf dem Charango, einem argentinisches Saiteninstrument.

Nur die Straßen im gesamten Stadtgebiet waren wieder einmal eine einzige Zumutung. Sie bestanden fast ausschließlich aus Waschbeton-Platten mit 4 x 4 m Größe, deren Übergänge sich stets wie kleine Bordsteinkanten anfühlten. Immer wieder lagen ganze Platten in Trümmern und zwangen uns zum Bremsen, weil der Verkehr ein Ausweichen nicht zuließ. Manches Mal führte uns unser Navi aber auch in eine Schotterstraße. Dann staubte uns der Verkehr auch noch zu.

Wir holten uns von den Einheimischen noch Tipps für unsere weitere Streckenplanung bis nach Bolivien. So integrierten wir San Pedro de Atacama in Chile in unsere Route und strichen den Grenzgang Argentinien-Bolivien in La Quiaca. So könnten wir noch einige Highlight im Norden von Chile mitnehmen, die uns sonst entgehen würden.

Also würden wir in den nächsten Tagen die gesamte Quebrada de Humahuaca über Tilcara bis nach Humahuaca befahren und von dort zurückfahren bis zum Abzweig Purmamarca, dann weiter durch die Salina Grande bis nach San Pedro in Chile und von dort weiter nach Bolivien zur Salar de Uyuni.

Am Donnerstag fuhren wir bis an die Stadtgrenze, wo wir mit relativ wenig Aufwand einen Schlafplatz in einer Ferienhütte fanden. Es gab hier sogar Licht und Strom für uns.

Freitag, 14.06.19 – Samstag, 15.06.19

Am Freitag begaben wir uns in den Aufstieg Richtung Purmamarca. Auf den ersten 10 km gab es lediglich die Autobahn, die für Radfahrer verboten ist. Wir befuhren sie trotzdem, in der Hoffnung, dass wir nicht schon wieder von einer Polizeikontrolle zurück gepfiffen würden.

Es ging gut. Und es war gar nicht mal gefährlich für uns Radler, denn ausnahmsweise gab es hier einen 3 Meter breiten asphaltierten Seitenstreifen. Da sind die für Radfahrer zugelassenen Straßen deutlich gefährlicher. Wie paradox die Vorschriften manchmal doch sind.

Ab dem Ende der Autobahn war es auch gleich wieder vorbei mit dem Seitenstreifen. Dann hatte uns der gefährliche Verkehr wieder: LKWs und Busse bretterten ohne Seitenabstand mit Tempo 120! km/h an uns vorbei und wir hatten unsere liebe Mühe, gute Laune zu behalten.

Irgendwann waren wir diese permanente Gefahr dann doch satt und wir zogen es vor, wieder zu trampen. Ein Pickup hielt nach kurzer Zeit und nahm uns bis Tilcara mit. Dabei ersparte uns die Fahrt gleichzeitig auch um die 500 Höhenmeter Aufstieg.

Tilcara wirkt wie ein bolivianisches Dorf mit engen Gassen und verschachtelten Häusern. Hier dominiert der Hausbau aus Lehmziegeln und die Bebauung zieht sich bis weit nach oben in die angrenzenden Berghänge. Im Sonnenlicht erstrahlen die schroffen Felsen rings herum in den schillerndsten Farben und geben einen Vorgeschmack auf das, was uns in Humahuaca und Purmamarca erwartet.

Auf der Suche nach einem Schlafplatz landeten wir mit unserem Zelt in einem halboffenen Garagen-Provisorium aus Bambusstangen und Plastikplane. Damit war uns ein trockenes Zelt morgen früh sicher. Da ahnten wir allerdings noch nicht, dass unser Zelt jetzt irgendeinem größeren Vogel wohl mitten in seiner gewohnten Flugbahn stand:

Des nachts gab es einen Knall, wie wenn jemand mit einer Dachlatte auf unser Zelt schlägt und am Morgen sahen wir die Bescherung: ein 10 x 10 cm großer Riss schmückte nun unser Außenzelt. Jetzt wussten wir auch, was wir von den Rippstop-Eigenschaften und der Reißfestigkeit dieser hochgepriesenen Zeltstoffe zu halten hatten: die Reißfestigkeit geht mit der Zeit in den Keller. Die Herstellerangaben gelten nur für das unbenutzte Gewebe.

Unglücklicher Weise befand sich der Riss nah an der höchsten Stelle im Zeltdach und bot eine große Angriffsfläche für den nächsten Regen. Wir reparierten das Loch provisorisch mit unserem Isolier-Klebeband und wollten uns bei Gelegenheit mit der Reparaturanleitung von Hilleberg beschäftigen. Ein kleines Stück Zeltgewebe hatten wir ja als Ersatzteil mit im Gepäck.

Highlights in Tilcara sind die historischen Gebäude der Ureinwohner im Pucará de Tilcara sowie der Blick in die Berge im Westen der Stadt. Hierfür muss man allerdings die höheren Lagen der Stadt erklimmen. Im Zentrum gibt es noch einen liebevoll angelegten kleinen Park. Hier trifft sich das Dorf und hier reiht sich ein Restaurant an das andere.

Nach unserer Besichtigungsrunde brachen wir am Samstag auf Richtung Humahuaca im Norden, kamen allerdings nur sehr langsam voran. Es ging größtenteils bergauf und wir hatten ordentlichen Gegenwind, der im Laufe des Nachmittags viel Sand und Staub aufwirbelte und uns in die Augen blies. Es knirschte auch immer wieder zwischen den Zähnen. Irgendwann begann es auch noch zu regnen.

Äußerst unangenehm für uns Radler waren die massiven Trennsteine auf dem Mittelstreifen der engen Fahrbahn. Sie sollen die Einhaltung des Überholverbots sicherstellen und machten es den Fahrern unmöglich, einen Sicherheitsabstand einzuhalten, wenn sie uns überholen wollten. So hupten uns alle Fahrer von der Straße in den unangenehmen Schotterstreifen. Die Geschwindigkeit zu drosseln, kam ja gar nicht in Frage.

Etwas zermürbt durch Gegenwind, Regen, Steigung, die hupenden Fahrer und den Sand in den Augen erreichten wir am späten Nachmittag lediglich Huacalera, wo wir uns einen Übernachtungsplatz suchen wollten. Denn Humahuaca würden wir nicht mehr bei Tageslicht erreichen.

Viel Hoffnung auf etwas angenehmeres als einen Zeltplatz im Staub am Dorfrand machten wir uns nicht. Auch unser Abendessen würden wir wieder auf etwas trockenes Brot und das mittlerweile lauwarme Wasser aus unserer Thermoskanne beschränken, wie schon gestern in Tilcara. Denn uns fehlte die Motivation, bei diesem Wind auch noch ausgiebig zu kochen.

Doch dann passierte etwas unglaubliches:

Ein Mann lief vor mir über die Straße und wir grüßten uns freundlich. Ich hielt am Straßenrand hinter ihm, um mir die Jacke anzuziehen, denn der Wind wurde zum Abend hin kühler. Der Mann drehte um und kam zu mir zurück. Er stellte mir Fragen über unsere Reise und fragte, ob wir einen Platz für die Nacht bräuchten, denn wir schauten wohl ziemlich mitgenommen drein. Wie recht er hatte.

Wir erzählten von unserem Malheur mit dem Riss im Zelt und nach 2 Minuten waren wir spontan auf eine Übernachtung im besten Hotel im Ort eingeladen.

Eine Stunde später hatten wir ein Zimmer im 4-Sterne-Hotel, waren zum Dinner und auch zum Frühstück eingeladen. Ein traumhafter Tagesabschluß.

Beim Dinner nahmen wir aus sicherer Distanz und bei Barmusik und Schummerlicht durch die Panoramafenster den weiterhin stürmischen Wind wahr. Ein unvergesslicher Abend.

Sonntag, 16.06.19

Ab 7 Uhr in der Frühe war Stromausfall in der gesamten Region. Dagegen ist auch ein 4-Sterne-Hotel machtlos in Argentinien. Auf das opulente Frühstück hatte das allerdings keine gravierenden Auswirkungen. Wir nahmen es gelassen hin.

Beim Abschied aus dem Hotel vermittelte unser Gastgeber uns noch die kostenfreie Übernachtung im Hostel eines Kollegen in Tilcara, wo wir ja in wenigen Tagen wieder eintreffen würden. Die gesamte Begegnung war unglaublich und hatte uns in jeder Hinsicht beeindruckt.

Völlig entspannt und regeneriert machten wir uns auf den Weg Richtung Humahuaca. 26 km Weg und ca. 350 Meter Höhenunterschied lagen vor uns. Das klingt nach einem kurzen, einfachen Ritt. Doch tatsächlich wurde es auch heute wieder ein Kampf: der Gegenwind war in Böen so heftig, wie vor ein paar Monaten in Patagonien und mit dem ständigen Auf und Ab kamen deutlich mehr Höhenmeter zusammen, als wir erwartet hatten.

Vor allem die dünne Luft hier oben auf knapp unter 3000 Metern Höhe machte uns zu schaffen. Ich bekam des öfteren Atemnot und Herzrasen, später auch noch leichte Kopfschmerzen. Die Höhenanpassung ab 2000 Metern Höhe hatten wir in den letzten Tagen nicht so konsequent vollzogen, wie vor 3 Jahren auf dem Pamir-Highway in Tadschikistan. Das rächte sich jetzt.

Die trockenen Lippen und die blutigen Nasenschleimhäute machten mir ebenfalls zu schaffen. Das trockene Klima nagte seit einigen Tagen an meiner Gesundheit.

Auch der Verkehr wurde wieder zu einer gefährlichen Belastungsprobe. Unzählig viele Doppeldeckerbusse zogen mit Tempo 130 km/h an uns vorbei, viele ohne Seitenabstand. Sie alle waren voll besetzt mit Touristen auf dem Weg zum „Mirador del Hornocal 14 Colores“ im Osten von Humahuaca. Aber auch die anderen Fahrzeuge waren nicht weniger gefährlich.

Trampen kam nicht in Frage. Denn die Landschaft war ein absolutes Highlight: schroffe Felsen in schillernden Farben, wie schon gestern, säumten auf der gesamten Strecke unseren Weg. Dabei hatten wir nach den vielen trüben Tagen heute endlich wieder Sonnenschein. Da kamen die Farben natürlich voll zur Geltung.

Unser Video auf Youtube: Quebrada de Humahuaca

Während ich einen der vielen steileren Anstiege gegen die heftigen Windböen hochschob, hielt plötzlich ein Fahrzeug neben mir und ein junger Reiseradler drückte mir eine frische Empanada in die Hand. Er selber war auf Radreise von Ushuaia Richtung Alaska und musste wegen defekter Schaltung im Augenblick trampen. Die Empanada hob sofort wieder die Stimmung. Nette Begegnung.

Am Nachmittag erreichten wir Humahuaca und nutzten die letzten Stunden für eine ausgiebige Stadtbesichtigung. Es ist ein nettes kleines Städtchen mit einigen Gebäuden aus der Kolonialzeit, engen Gassen mit sehr grobem Natursteinpflaster und vielen Häusern aus Lehmziegeln.

Die Besichtigung des „Mirador del Hornocal 14 Colores“ verschoben wir auf morgen, denn die 25 km Schotterpiste mit 1400 Höhenmetern bis auf 4300 m Höhe würden wir heute nicht mehr schaffen.

Auf der Suche nach den Bomberos schickten uns die Bewohner mehrmals in verschiedene Richtungen und so wurde die Suche nach unserem Schlafplatz eine zweistündige Odyssee, die am Ende aber doch erfolgreich war. Zufällig feierte Argentinien heute Vatertag und so war auch die Station der Bomberos nicht besetzt. Wir mussten erst beim Chef der Kompanie vorbei fahren und uns den Schlüssel organisieren.

Dafür könnten wir morgen über den Tag aber unser Gepäck in der Feuerwehr stehen lassen, wenn wir per Fahrrad zum Mirador del Hornocal 14 Colores fahren. Damit stand unserem Programm für morgen nichts mehr im Wege.

Montag, 17.06.19

Strahlender Sonnenschein. Beste Voraussetzungen für unseren anstrengenden Ausflug zum Mirador del Hornocal. Wir machten uns früh morgens auf den Weg, weil es zu dieser Zeit noch nicht so viel Verkehr auf der Piste gibt. Das bedeutete weniger Staub für uns.

Schotter und Verkehr waren auch nicht das Problem. Doch das Waschbrettprofil zermürbte uns. Wir wurden permanent durchgeschüttelt, die Unterarme zitterten regelrecht nach, wenn wir mal kurze Pause machten. Die dünne Luft ließ den Puls in die Höhe schnellen und wenn die Steigung zu stark wurde, mussten wir beide absteigen und schieben.

Irgendwann machte sich bei Annett auch noch die kranke Schulter bemerkbar. Wir rechneten hoch, wie lange wir für die 25 km benötigen würden und dachten an Abbruch. Da hielten plötzlich 2 Pickups und die Fahrer boten uns die Mitnahme bis zum Aussichtspunkt an.

Wir zögerten nicht lange und 5 Minuten später saß ich zwischen den beiden Fahrrädern auf der Ladefläche und Annett stieg vorne zu. Normalerweise ist eine solche Mitnahme im Pickup nichts außergewöhnliches mehr für uns. Doch heute war das anders:

Das Waschbrettprofil schlug durch bis in meine 4 Buchstaben. Unser Fahrer war nicht zimperlich mit dem Gaspedal und so driftete der Wagen bei jeder Spitzkehre aus der Bahn. Ich hatte Mühe, die Räder unter Kontrolle zu halten. Auf gerader Strecke konnte ich mich dann immer wieder sortieren bis zur nächsten Kehre. Auf dem letzten Drittel wurde die Piste dann immer rauer. Es gab regelrechte Sprungschanzen, die unser Fahrer natürlich im Flug nahm. Für mich bedeutete das Abheben-Schweben-Aufschlag. Mir ging blitzschnell durch den Kopf, wie und wo ich denn hier oben in der einsamen Provinz Jujuy Knochenbrüche behandeln lassen könnte. Doch am Ende kam ich relativ unversehrt an.

Ich hatte ein paar Prellungen und bei meinem Fahrrad war die Ganganzeige am linken Schalthebel zerbrochen. Erst, als ich von der Ladefläche sprang, wurde mir der kalte Wind bewusst. Den hatte ich vor lauter Konzentration auf die Fahrräder und meine Knochen während der Fahrt gar nicht wahrgenommen.

Immerhin waren wir hier auf 4300 m Höhe und es wehte ein ordentlicher Wind.

Doch all die Anstrengung und die Schmerzen waren schnell vergessen, als wir dann den Blick auf die Farb-Vielfalt im Gebirgsmassiv vor uns sahen. Es ist eine gewaltig große Panorama-Fläche in schillernden Farben. Die Ablagerungen aus 600 Mio Jahren Erdgeschichte lagen hier offen wie ein Bilderbuch.

Unser Video auf Youtube: Mirador del Hornocal 

Doch lange hielten wir es dort oben nicht aus. Der kalte unaufhörliche Wind kühlte uns schnell aus. Unser Fahrer hatte uns beim Aussteigen gleich angeboten, unsere Fahrräder auf dem Pickup zu lassen und uns nach der Besichtigung gleich wieder nach Humahuaca zurück zu fahren.

Diesmal legten wir die Fahrräder flach und verkeilten sie so stark ineinander, dass sie sich keinen mm mehr bewegen konnten. Ich nahm jetzt auch vorne Platz und war dankbar dafür. Denn der Verkehr hatte zugenommen und die gesamte Piste lag in einer dichten Staubwolke. Da hätten wir ganz schön viel Sand geschluckt auf der Heimfahrt per Fahrrad.

Weil wir nun früher als erwartet wieder bei unserem Gepäck eingetroffen waren, blieb noch ausreichend Zeit für unsere Abreise aus Humahuaca zurück Richtung Tilcara. Wir hatten Rückenwind und bis Tilcara ging es 500 m runter. Kinderspiel!

Von wegen! Nach 25 km bemerkte ich am Hinterrad Druckverlust. Ich hatte einen Plattfuß. Weil ich per Augenprüfung von außen keine Ursache ausmachen konnte, baute ich den Schlauch aus und organisierte mir Wasser für die Lochsuche im Wasserbad. Doch so sehr ich mich auch bemühte, es dauerte eine geschlagene halbe Stunde, bis ich in der Nachbarschaft Wasser auftreiben konnte. Ebenso unbefriedigend endete die Suche nach dem Loch: keine Luftblase war zu sehen. Ich konnte kein Loch finden. Es war wie verhext. Als ich dann mein Fahrrad wieder startklar hatte, brach schon die Dämmerung herein.

Da mussten wir dann im Finale noch einmal richtig Gas geben, um Tilcara noch vor der Dunkelheit zu erreichen. Nachtfahrten sind in Argentinien schließlich noch gefährlicher als es schon bei Tag der Fall ist.

In Tilcara angekommen, suchten wir gleich das Hostel, in dem uns unser 4-Sterne-Hotel-Gastgeber vor drei Tagen eine kostenlose Übernachtung organisiert hatte. Und ich hoffte, dass der Hostelbesitzer tatsächlich zugegen ist und Bescheid weiß.

Kaum ging mir dieser Gedanke durch den Kopf, sprach uns ein Mann auf der Straße an. Ob wir die beiden deutschen Reiseradler wären und vorgestern in dem Hotel in Huacalera übernachtet hatten. Es war der Hostelbesitzer und er hatte schon nach uns Ausschau gehalten. Wir waren erleichtert. Alles lief wie geschmiert.

Ich nutzte in der Nacht die Gelegenheit, unsere Filmaufnahmen und Fotos von den Speicherkarten unserer Kameras auf die externe Festplatte zu übertragen, denn zwei SD-Karten waren jetzt rappelvoll. Allerdings musste ich dafür im Freien sitzen, weil der Gemeinschaftsraum ab 23 Uhr geschlossen war. So saß ich bis um 2 Uhr nachts im eiskalten Windzug bei Schummerlicht und ertrug geduldig die endlos langen Übertragungs-Zeitfenster an unserem mittlerweile sehr trägen Netbook.

Dienstag, 18.06.19

Es war tatsächlich -2°C am frühen Morgen. Doch bis zum Mittag schaffte die Sonne wieder unerträgliche Temperaturen. Die Temperaturunterschiede in diesen Höhenlagen sind extrem. Nicht nur der Unterschied zwischen Tag und Nacht war ungewöhnlich groß, sondern auch der Unterschied zwischen dem kalten Wind am Tag und der Sonnenstrahlung im Windschatten.

In der Kälte der letzten Nacht hatte ich mir aber wohl eine Erkältung zugezogen.

Ich bemühte mich am Vormittag, nach dem passenden Reparatur-Kleber für unser Außenzelt zu suchen, doch es blieb erfolglos. Es gab keine Outdoor-Shops mit europäischem Equipment, sondern lediglich eine typische Ferreteria und viel Achselzucken: „keine Ahnung“. Vielleicht haben wir ja in Purmamarca mehr Glück.

Mittwoch, 19.06.19

Nach einer Nacht in einer leerstehenden Baracke (natürlich mit Erlaubnis) südlich von Tilcara hatten wir ein Problem mehr: Annetts Schlafmatte hatte vermutlich ein Loch. Die Matte war am Morgen fast platt. Irgend einen spitzen Gegenstand hatten wir wohl übersehen beim Aufbau unseres Schlaflagers.

Mittlerweile hatten sich eine ganze Reihe von Schäden an unserer Ausrüstung angesammelt:

  • Beide Schlafmatten waren jetzt undicht (das Loch in meiner Matte hatte ich ja auch noch nicht gefunden)
  • Das Zelt hatte einen Riß im Außenzelt
  • Mein Hinterrad verlor immer noch Luft
  • An unseren Packtaschen war mittlerweile an 6 Schnellverschlüssen jeweils eine Klipsnase abgebrochen; zwei waren sogar ganz hinüber
  • Meine Lenkertasche war undicht im Deckel
  • Unsere Waschschüssel war ebenfalls undicht
  • Unser Packsack für die Matten war an vielen Stellen undicht
  • Zwei unserer Packtaschen hatten größere Löcher
  • An meiner Schaltung war die Ganganzeige links beschädigt
  • Wir hatten ständig Probleme mit Wackelkontakten bei unserer Beleuchtungsanlage
  • Mein Schlafsack wärmte nicht mehr im Oberkörperbereich, weil die Federn mittlerweile verklumpt waren
  • Die Stütze für meine Lenkertasche war gebrochen (die vielen Schotterwege)
  • Beide Fahrradständer lagen in den letzten Zügen und waren ausgeleiert
  • Unsere Windjacken waren mittlerweile durch Verschleiß nur noch schrottreif.
  • Meine Hose hatte zwei Löcher durch übereifrige Hunde.

Ausgerechnet hier oben in Jujuy gab es nicht wirklich viele Geschäfte und Werkstätten, um all diese Baustellen zu beseitigen. Auch boten sich keine Unterkünfte an, wo wir mal einen Pausentag für die Reparaturen hätten einplanen können. So bekam unsere Situation eine gewisse Dramatik.

Dieser Reparaturstau belastete mich natürlich. Zudem war auch unser heutiges Tagesprogramm kein Spaziergang: bis Purmamarca waren es 25 km Kampf gegen den heftigen Gegenwind. Selbst bei den Abfahrten mussten wir mitstrampeln, um von der Stelle zu kommen. So benötigten wir tatsächlich 3 Stunden reine Fahrzeit für die Strecke, obwohl sie 300 Meter Gefälle beinhaltet.

Aber wir kamen noch rechtzeitig zur Besichtigung der grandiosen Felskulisse von Purmamarca: der Cerro de 7 Colores und seine Nachbarn erstrahlten im Sonnenlicht in voller Farbenpracht.

Wir bestiegen den Berghügel auf der nördlichen Flussseite und genossen einen traumhaften Ausblick auf die Stadt samt der bunden Felsen.

Unser Video auf Youtube: Purmamarca

Dafür wurde die abendliche Suche nach einem kostenfreien Schlafplatz anstrengend. Am Ende landeten wir wieder in einer leerstehenden Baracke abseits der Stadt, wo wir den Boden vorsorglich mit Pappe auslegten, um unser Tarp und die Matten zu schonen.

Donnerstag, 20.06.19

Jetzt waren wir uns sicher: Annetts Matte war undicht. Ich versuchte mich zu erinnern, wo ich die Reparatur-Klebepads von Thermarest in meinen Packtaschen deponiert hatte. Doch es wollte mir beim besten Willen nicht einfallen.

Mir blieb nichts anderes übrig, als die in Frage kommenden Taschen auszuräumen und zu suchen. Das war auf dem staubigen Sandboden in der Baracke nicht ganz einfach, denn wegen fehlender Beleuchtung und fehlendem Fenster in ausreichender Größe musste ich mit meiner Stirnlampe auf dem sandigen Boden alles ausbreiten und von links nach rechts räumen. Noch nie hatte ich nach so kurzer Zeit so viel Chaos und Staub in meinem Gepäck. Gefunden hatte ich die Klebepads dann aber doch nicht. Etwas frustriert brach ich die Aktion ab und wollte irgendwann später weitersuchen. Für die bevorstehende Lochsuche brauchte es ja erst einmal kein Reparaturmaterial.

Erst heute wurde uns richtig bewusst, dass wir für den geplanten Umweg über Chile zweimal die Anden überqueren (Argentinien-Chile und Chile-Bolivien) und dabei auf mehreren hundert km Strecke keine Zivilisation und kein Wasser, aber bis zu 4810 m Höhe ertragen müssten. Das war per Fahrrad eigentlich nicht machbar, denn die Höhenanpassung erfordert die Beschränkung auf 300 Metern Aufstieg pro Tag, wobei aber Trinkwasser und Proviant nicht für so viele Tage als Vorrat mitgenommen werden kann neben all unserem Gepäck.

Wir beschlossen also, gezielt nach einem LKW zu suchen, der die volle Strecke von Purmamarca bis San Pedro in Chile an einem Tag zu fahren hatte und uns mitnehen könnte. Damit wäre die Höhe kein Problem mehr, denn San Pedro liegt lediglich auf 2400 Metern Höhe.

Doch es gab hier hinter Purmamarca so gut wie keinen Verkehr mehr. Alle Pickups fuhren tatsächlich nur bis zur Salina Grande. Das war uns zu gefährlich. Denn von 2200 Metern auf 3450 Metern Höhe an nur einem Tag aufzusteigen und auf dieser Höhe zu übernachten hätte mit Sicherheit heftige gesundheitliche Probleme verursacht. Die wenigen LKWs ließen uns dagegen stehen. Keiner konnte oder wollte uns mitnehmen. Nach einigen Stunden vergeblicher Suche nach einer Mitnahmemöglichkeit brachen wir unser Vorhaben ab und entschieden uns doch wieder für den ursprünglichen Weg über La Quiaca nach Bolivien.

So landeten wir am Abend wieder auf der RN9 Richtung Tilcara und fanden im Hospital in Maimará einen Schlafplatz. Das passte sogar zu unserem Gesundheitszustand, denn ich hatte mir in der kalten Nacht in Tilcara ja eine dicke Erkältung zugezogen und Annett wohl mittlerweile angesteckt. So tat uns beiden eine Nacht in einem beheizten Raum gut. Bei Annett wurde sogar noch Blutdruck und Puls gemessen.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit suchte ich noch das Loch in Annetts Matte und konnte noch meinen Hinterradschlauch reparieren. Das Loch war hier tatsächlich so klein, dass unter Wasser nur alle 10 Sekunden ein kleines Luftbläschen zu sehen war. Und das, obwohl ich den Schlauch ziemlich prall aufgepumpt hatte (was ich sonst immer gerne vermeide). Sehr tückisch!

Freitag, 21.06.19

Weil wir die Quebrada de Humahuaca bis Humahuaca schon per Fahrrad erlebt hatten, wollten wir bis dahin trampen und uns dann weiter bis nach La Quiaca an der Grenze zu Bolivien durchschlagen. Da standen uns 160 km endlose Weite mit wenigen landschaftlichen Highlights und ein Aufstieg bis auf 3800 Metern bevor.

Ein Pickup fand sich schnell und zufällig fuhr das Pärchen bis nach La Quiaca. Da zögerten wir nicht lange, sondern nahmen das Angebot sofort an, uns bis zur Grenze nach Bolivien in La Quiaca mitnehmen zu lassen.

Spannend würde lediglich der weitere Verlauf des Tages, denn nach dem Grenzgang in La Quiaca müssten wir bis zum Abend auf jeden Fall wieder dieses Hochplateau mit seinen 3600 Metern Höhe verlassen und runter auf eine Höhe um die 2500 – 3000 Metern, um nicht in der kommenden Nacht mit Symptomen der Höhenkrankheit konfrontiert zu werden. Schließlich hatten wir in der letzten Nacht lediglich eine Höhe von 2200 Metern.

An der Grenzstation mussten wir uns zunächst einmal in einer langen Warteschlange einreihen. Das hatten wir bisher noch nicht erlebt. Es war wohl ein stark frequentierter Grenzübergang. Allerdings war nur ein Schalter besetzt und dementsprechend dauerte es halt lange, bis wir dran waren.

Dann gab es erst einmal Diskussionen hinter den Kulissen, weil wir mit Fahrrädern reisen. Ob da nicht Gebühren fällig würden, usw. Doch am Ende gab es grünes Licht für uns und wir bekamen die Stempel in den Pass.

Weiter geht es im Artikel „Bolivien 2019 – Reisebericht“ (noch in Arbeit).

Resume Argentinien Nord

Wir hatten traumhafte Landschaften und einige sehenswerte Städte  gesehen:

Cordoba, Salta, Cafayate, Tilcara, Humahuaca, die Quebrada de las Conchas, die Quebrada de Humahuaca, die riesigen Kakteen und die alten Lehmziegelbauten im Norden.

Ab San Salvador verließen wir die tieferen Lagen und stiegen kontinuierlich hoch in Richtung Altiplano, wo wir an der Grenze zu Bolivien die 4000 Meter Höhe erreichten.

Die dünne Luft und die Kälte dort oben waren schon ein Vorgeschmack auf das, was und in den nächsten Wochen in Bolivien und Peru erwarten würde.

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