Argentinien Süd 2019 – Reisebericht

Am 01.01.2019 sind wir, von Chile kommend, nach Argentinien Süd eingereist. Hier wollten wir von Perito Moreno über die RN 40 bis El Chaltén im Süden radeln, um uns dort für mehrere Tage die spektakulären Berge im Nationalpark Los Glaciers anzusehen: Fitz Roy und Cerro Torre. Anschließend wollten wir über Buenos Aires Richtung Uruguay weiterreisen.

Unsere Route auf OpenStreetMap

 

Dienstag, 01.01.19

Am späten Nachmittag verließen wir Chile über Chile Chico und waren nach den unkomplizierten Aus- und Einreise-Formalitäten wieder in Argentinien.

Schon im ersten keinen Ort hinter der Grenze, Los Antiguos, gab es wieder den gewohnt hochwertigen, preiswerten Spiritus zu kaufen (der Spiritus in Chile war der schlechteste Brennstoff, mit dem wir jemals für unseren Trangia Vorlieb nehmen mussten). Mehr als eine kleine Pfütze hatten wir auch nicht mehr in der Brennstoffflasche. Das war so knapp wie noch nie auf unseren Reisen. Kalte Küche beim Zelten unter kühlen Temperaturen in den Bergen ist schließlich nicht besonders angenehm. Leider fand sich auch nirgendwo hinter Coihaique Nachschub.

Aber auch die Bargeldbeschaffung am ersten und einzigen Geldautomaten im Ort lief wie wir es schon aus unseren bisherigen Aufenthalten in Argentinien kannten: Unsere Karte wurde wieder ausgeworfen und die Aktion blieb erfolglos. Zum Glück hatten wir noch Chilenische Peso und mussten nur bis morgen warten, weil heute wegen Feiertag kein Umtausch möglich war.

Die Bomberos waren zufällig gerade mit einem Häuserbrand im Ort beschäftigt. Da kam unsere Anfrage nach einem Schlafplatz natürlich zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. So suchten wir uns am Ortsrand einen Zeltplatz.

Mittwoch, 02.01.19

Freies WiFi auf der Tankstelle, ein Sitzplatz mit Zugang zum Stromnetz, überall freundliche Menschen, … wie sehr hatten wir das vermisst in den letzten 4 Wochen in Chile. Wenn auch das Internet immer wieder ausfällt und die meisten Steckdosen völlig ausgeleiert sind: Wir haben es schätzen gelernt.

In Chile gab es im Vergleich dazu nicht einen einzigen Tag, an dem wir Zugang zu „brauchbarem“, freien Wifi hatten. Alles läuft dort nur über Verzehrzwang oder in Verbindung mit einer Buchung (Hostel, Hotel, usw.).

So hatten wir auch 4 Wochen lang keinen Kontakt zur Heimat, keine Möglichkeit zur Arbeit an unserer Website, keine E-Mail-Bearbeitung, nichts halt. Besonders über die Feiertage war das natürlich etwas bitter. Selbst Strom zum Laden unserer Akkus war schwer zu organisieren unterwegs.

Wieder zurück in Argentinien, nutzten wir daher gleich einen Tag am Rechner, wenn wir auch nach 2 Stunden von einer WiFi-Quelle zu einer anderen umziehen mussten, weil das Internet an der ersten Quelle plötzlich auf Dauer ausfiel.

Heute klappte es dann auch mit der Übernachtung bei den Bomberos. Die erste heiße Dusche seit 4 Wochen, wie gut das tat nach all den Tagen in den Bergen, wo wir uns mit kaltem Wasser begnügen durften.

Donnerstag, 03.01.19

Wir verließen Los Antiguos und fuhren bis nach Perito Moreno an der RN40. Auf der Suche nach einem Zeltplatz dort fielen uns die unzählig vielen Hunde auf, die nicht nur Alarm schlugen, sondern auch sehr angriffslustig waren. Des Öfteren liefen uns dabei gleich ganze Rudel hinterher. Annett hatte sogar unangenehmen Kontakt mit einem besonders bissigen Exemplar. Das kannten wir in dieser Ausprägung bisher nicht von Argentinien.

Zufällig endete unsere Suche nach einem Zeltplatz in einem leerstehenden Neubau am Rande der Stadt mit der Erlaubnis vom Eigentümer. Allerdings mussten wir unser Schlaflager in den hintersten Raum verlegen, weil der starke Wind durch das fehlende Türfenster freien Zugang zum Betonstaub im Haus hatte und diesen zeitweise ganz ordentlich aufmischte.

Freitag, 04.01.19

Die Suche nach einem Geldautomaten wurde wieder spannend: an der Banco Santa Cruz lag die Obergrenze für eine Transaktion bei lediglich 1000 Peso (23 €) und 200 – 300 Peso Gebühren. Das war völlig inakzeptabel. Auf meine Anfrage gab es dann aber doch eine Filiale der Banco Nacion Argentina mit den gewohnten 3000 Peso Obergrenze und 230 Peso Gebühren. Diese Filiale war uns auf unserer Karten-App Maps.Me gar nicht angezeigt worden, warum auch immer. Mit dieser Bank hatten wir bisher die besten Erfahrungen gemacht, wenn gleich die Gebühren mit fast 8% immer noch relativ hoch lagen. Die erste Transaktion klappte auf Anhieb, bei der zweiten gab es leider keinen Beleg. Aber damit konnte ich leben. Wir hatten wieder Bargeld. Das alleine war wichtig.

Weil uns bewusst war, dass wir auf den kommenden 600 km bis El Chaltén im Süden keine Einkaufsmöglichkeiten mehr vorfinden würden, fuhren wir gleich alle Läden im Ort ab und deckten uns mit Proviant und Spiritus ein, bis unsere Packtaschen an ihre Grenzen stießen.

Mittlerweile hatte auch die Kontaktaufnahme zu einem Warmshowers-Kontakt im Ort funktioniert und so landeten wir spät nachts in dessen Haus. Es gab gleich das Angebot, einige Tage zu bleiben, denn unser Gastgeber wäre für die kommenden 5 Tage selber auf Reisen und da hätten wir das Haus für uns.

Hurra! Das bedeutete: Zeit für die überfällige große Wartung an den Fahrrädern, Reparaturen an Zelt und Kleidung, mentale Begleitung unseres Sohnes bei der Reparatur einer undichten Rohrverbindung an unserer Heizungsanlage daheim, Zahnarzt, Friseur, unser Blog, … es hatte sich wieder so einiges angestaut.

Samstag, 05.01.19 – Mittwoch, 16.01.19

Unser Gastgeber hatte sich verabschiedet und würde erst am Mittwoch wiederkommen. Im Haus hatte er uns vorher noch alles erklärt. Alles war sehr basic und die gesamte Wohnfläche maß gerade einmal 3 x 7 m. Ein echtes Tiny Haus. Keine Waschmaschine, kein Kühlschrank, nur ein Schlafraum, ein Bad, eine kleine Küche, das war’s.

Besonders spannend war die Dusche: Ein 10 Liter-Behälter aus Plastik mit elektrischem Heizelement und einem Brausenkopf aus Plastik hing an der Wand und wurde für eine warme Dusche manuell Liter für Liter mit Wasser befüllt und aufgeheizt. Die Temperatur war Gefühlssache. Kein Thermostat, keine Regelung oder andere technische Raffinessen. Aber mit ein wenig Übung sollte es uns gelingen, ohne Verbrennungen zu duschen.

Unser Gastgeber hatte auch kein WiFi im Haus. Kein Problem. Dann nutzen wir eben das freie WiFi am Busterminal 100 m vom Haus entfernt. Hier war die Qualität der Verbindung allerdings extrem stark schwankend. Mit jedem Bus stürmten 30 Personen mit ihren Smartphones das Netz und drückten die Datenraten in den Keller.

Wir schrieben für unsere Website, erledigten weitere Besorgungen und Annett machte große Wäsche in unserer Faltschüssel.

Abends war dann plötzlich Stromausfall, doch nach einer Stunde war der Strom wieder da. Kurze Zeit später kam kein Wasser mehr aus der Leitung. Es musste am Haustank liegen, denn die Nachbarn hatten Wasser.

Wir kontaktierten unseren Gastgeber, doch der meinte, das läge nur am zu niedrigen Druck, wenn zeitgleich zu viele Menschen in der Stadt Wasser zapfen würden. Nach einigen Stunden hätten wir wieder Wasser. Doch das Wasser blieb aus.

Ich lief fortan mit unseren Wasserbeuteln los und holte Wasser beim Nachbarn und später an der Tankstelle in 100 m Entfernung. Dort würden wir ab jetzt auch die Toilette nutzen, wenn es tatsächlich auf Dauer kein Wasser gäbe.

Wir organisierten unser Wasser-Management so effizient wie nur möglich, um keinen Tropfen zu verschwenden. Letztendlich kamen wir mit ca. 16 Litern Wasser pro Tag aus. Am dritten Tag kam dann die Nachbarin vorbei und signalisierte, dass jetzt tatsächlich mehrere Häuser in der näheren Umgebung kein Wasser mehr hätten. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, da kam ein Tankwagen der städtischen Wasserversorgung (nennen wir es mal so) vorbei und lieferte Wasser in eines der benachbarten Häuser. Ich kontaktierte sofort den Fahrer und arrangierte sofort eine Lieferung für unser Haus. Es waren zwar nur noch 100 Liter im Tankwagen, aber damit hatten wir erst einmal wieder Wasser.

Der Fahrer wollte einen Tag später wieder kommen, doch er kam nicht. So hielt der gelieferte Vorrat gerade einmal 2 Tage und das Spiel mit den Flaschen und Wasserbeuteln begann von Neuem. Diesmal konnten wir allerdings an der Wasserleitung im Garten Wasser zapfen. Der Wasserdruck in der Stadt musste also noch ausreichend hoch sein diesmal. Das war vor 2 Tagen nicht der Fall.

Wirklich verstanden haben wir das Zusammenspiel von städtischem Wasserdruck und häuslichem Wassertank nicht wirklich. Und unser Gastgeber konnte es uns auch nicht erklären. Abenteuerlich.

Das Trocknen der gewaschenen Wäsche war übrigens auch nicht ganz einfach. Wir spannten eine Leine neben dem Haus, doch der stürmische Wind, der hier seit unserer Ankunft ohne Unterbrechung wehte, riss immer wieder Wäsche samt der Klammern von der Leine. Eine Hose landete 10 m weiter im Gartenzaun (Glück gehabt), ein anderes Teil flog noch weiter und landete in diesen fiesen Pflanzen mit den kleinen Widerhaken, die man dann mühsam und zeitintensiv mit der Pinzette Stück für Stück wieder herausziehen kann. Das hatten wir vor einer Woche schon in Chile über uns ergehen lassen müssen.

Die zunehmenden Zahnschmerzen nahm ich am Dienstag zum Anlass, erneut einen Zahnarzt aufzusuchen. Die Füllung, die sie mir vor einigen Monaten in Resistencia in der argentinischen Provinz Chaco verpasst hatten, war vor einigen Wochen wieder herausgebrochen und seitdem lebte ich mit einem Loch im Backenzahn. Das konnte auf Dauer natürlich nicht gutgehen. Dafür esse ich zu viele verbotene Dinge. Alleine der Schmerz bei kalten oder heißen Speisen und Getränken war schon unangenehm genug.

Mir graute es aber vor dem erneuten Zahnarzt-Besuch: lange Warteschlangen, der Aufwand mit dem Ziehen der Nümmerchen und die Befürchtung, dass es wieder so ein Drama in mehreren Akten gibt (in Resistencia gelang die Füllung erst im 3. Versuch!). Daher hatte ich eine erneute Behandlung so weit wie erträglich in die Zukunft verschoben.

Zu meiner großen Verwunderung lief das hier beim Zahnarzt in Perito Moreno völlig anders ab als in der Zahnklinik in Resistencia:

Die Dame am PC nannte mir die zu erwartenden Kosten, mit 2 Patienten Wartezeit war ich nach nur 15 min schon im Behandlungsraum und die gesamte Behandlung incl. Verständigung, Anamnese und Reparatur verlief sehr effizient und die Reparatur quasi minimal-invasiv. Der Arzt erschien mir souverän. Ich verließ die Praxis dann auch mit einem guten Gefühl.

Nach der Recherche im Internet zu dem verwendeten Füllmaterial (Glasionomer) war meine Stimmung allerdings wieder etwas gedämpft. Die Haltbarkeit war wohl deutlich geringer als bei einer Kunststofffüllung. Das Material wird gerne in der dritten Welt eingesetzt und eignet sich vor allem für die weniger belasteten Bereiche. Für meinen Backenzahn auf der Kaufläche also etwas unterdimensioniert. Da war ich mal gespannt, wie lange diese Füllung halten wird ….

… 3 Tage später bekam ich plötzlich heftige Zahnschmerzen, die mich auch bis tief in die nächste Nacht quälten. Ich beschloss, erneut den Zahnarzt zu konsultieren und seinem Rat zu folgen, den Zahn ziehen zu lassen. Doch ausgerechnet an diesem Mittwoch hatte die Praxis geschlossen und der Arzt war telefonisch nicht zu erreichen. Ich versuchte es am nächsten Tag, doch die Praxis war immer noch geschlossen und keiner wusste Bescheid. Länger warten wollten wir nicht, also verwarf ich die Idee mit dem Zahn ziehen. Die Schmerzen waren ja auch plötzlich wieder wie weggeblasen.

Donnerstag, 17.01.19 – Freitag, 18.01.19

Am Donnerstag verließen wir Perito Moreno bei Sonnenschein und mit Rückenwind. Allerdings drehte der Wind nach wenigen km schon und blies uns dann nur noch mit voller Kraft entgegen. Radeln war nicht mehr möglich. Wir mussten absteigen und gegen den Wind schieben. Dabei schob Annett in meinem Windschatten, so kamen wir schneller voran. Wir schafften in einer Stunde ganze 4 km Strecke. Wow! Das kann ja spannend werden.

Uns wurde auch schnell bewusst, dass wir möglicherweise zu wenig Trinkwasser dabei hatten, denn direkt hinter dem Stadtende begann eine trostlose Steinwüste ohne Zivilisation. Hier gab es auch keinen Fluss und keine Quelle, kein Haus und keine Tankstelle. Nur 350 km Straße durch die endlose Weite von Patagonien.

Bei dem spärlichen Verkehr waren unsere Chancen aufs Trampen äußerst gering. Aber wir versuchten es trotzdem. Und dann hielt irgendwann tatsächlich ein Fahrzeug und der Fahrer nahm uns mit bis nach Gobernador Gregores, der einzigen Stadt auf den 600 km zwischen Perito Moreno und El Chaltén. Da hatten wir sagenhaftes Glück.

Die Schlafplatzsuche in Gregores war allerdings etwas mühsam. Die Bomberos lehnten ab, der Campingplatz war uns zu teuer und am Ende landeten wir um Mitternacht mit der Empfehlung der Anwohner in einem Park am Stadtrand.

Gregores ist ein schönes Städtchen mit gepflegten Parks und viel Kunst entlang der Hauptstraße. Wir nutzten die WiFi-Quelle in der Tankstelle gleich, um auf die aktuelle Preiserhöhung von unserem Gas- und Strom-Lieferanten in der Heimat zu reagieren. Allerdings konnte ich mich wieder einmal nicht einloggen, weil unser Anbieter offensichtlich IP-Adressen aus Südamerika nicht zulässt. So kontaktierten wir unseren Sohn in der Heimat und nutzten seine Unterstützung. Mit Erfolg, denn nach 4 Stunden war alles erledigt. Ohne große Diskussionen stellte unser Lieferant unsere Verträge auf einen deutlich preiswerteren Tarif um. Das ersparte uns mal eben 250 Euro für 2019.

Das ist einer der großen Unterschiede zwischen einer gewöhnlichen 3-wöchigen Urlaubsreise und einer Langzeitreise: Man darf sich aus der Ferne immer wieder um Dinge kümmern, die man sonst gerne aufschiebt, bis man wieder daheim ist.

Viel zu spät und bei heftigem Gegenwind verließen wir die Stadt am Freitag und radelten weiter durch die Steinwüste. Als der Wind dann wieder zu heftig wurde, schoben wir unsere Fahrräder erneut bis in den späten Abend und sahen uns gezwungen, direkt neben der Straße im Sand das Zelt aufzustellen.

Kurz davor entdeckten wir noch ein Gürteltier, welches sich in aller Ruhe und fast ohne Scheu beobachten ließ. Ein schönes Erlebnis. Später erfuhren wir, dass diese Tiere vor allem auf Lautstärke und starke Vibration im Erdboden reagieren und nicht auf sichtbare Gefahren (wegen ihrer schlechten Augen). Da haben wir Reiseradler wohl tatsächlich die größten Chancen zur Beobachtung dieser scheuen Spezies.

Unser Video auf Youtube: Gürteltier in Patagonien

 

Weil wir viel zu wenig Wasser für eine Zeltnacht neben der Straße dabei hatten, hielten wir die wenigen Autofahrer an und signalisierten Trinkwassermangel. Die Hilfsbereitschaft war unglaublich. Nach wenigen Autos hatten wir tatsächlich 8 Liter Wasser zusammen. Genug fürs Kochen, Waschen und Trinken.

In der Nacht wurde aus dem heftigen Wind ein handfester Sturm mit Starkwind Böen. Weil der Wind gedreht hatte, stand unser Zelt nun nicht mehr parallel zum Wind und so blies der Wind immer in die Seite. Wir hatten beide Sorge um die Zeltstangen, trotz der Seitenabspannung war der Druck aufs Zelt ungewöhnlich groß. Der Wind drückte sich dabei auch mit viel Druck unter die Bodenplane und hob Annetts Schlafmatte am Fußende immer wieder in die Höhe.

Samstag, 19.01.19

Das Zelt stand noch und der Sturm blies unverändert stark. Unsere Fahrräder hatte der Sturm umgeworfen, der Ständer von Annett war aus der Halterung am Rahmen gerissen. Auf der Windseite waren am Zelt auch alle Häringen aus dem Sandboden gerissen. Ein Wunder, dass das Zelt noch stand. Wir verzichteten aufs Frühstück und bauten so schnell wie nur möglich das Zelt ab, um die Stangen nicht unnötig zu belasten. Dabei war es ungeheuer schwer, das Zelt im Wind überhaupt kontrolliert zu falten, weil der permanente Wind ständig alles durcheinander wirbelte.

Unser Video auf Youtube: Zelten im Wind

 

Trampen erschien uns lächerlich, weil gerade einmal 5 Autos pro Stunde vorbeikamen. So schoben wir gegen den Wind und brauchten für den ersten Kilometer 20 min. Jede Windböe drückte das Fahrrad mit einem heftigen Ruck aus der Bahn und wir hatten Schwierigkeiten, die Balance zu halten. Es war fast sinnlos, zu schieben. Es war auch unmöglich, das Fahrrad mal eben am Straßenrand abzustellen. Die erste Windböe riss den Lenker sofort herum und das Fahrrad kippte um. Auch an ein Frühstück war nicht zu denken. Es gab nirgendwo Windschatten und stattdessen hätte es uns den Sand in die offenen Packtaschen geweht.

So war es ein Segen, dass sich nach über einer Stunde doch eine Mitfahrgelegenheit fand. Diesmal war es ein Anhänger mit offener Metallpritsche. Wir legten die Fahrräder flach und spannten 2 Gurte. Unseren Packsack mit den Schlafsäcken legten wir als Puffer unter den Rahmen. Unser gesamtes sonstiges Gepäck verstauten wir im Auto.

Bis auf unsere Ortlieb-Faltschüssel. Die riss mir der Wind aus den Händen und trieb sie wie einen Fußball quer über die Straße Richtung Zaun. Ich rannte hinterher in der Hoffnung, sie noch zu erwischen. Es war tatsächlich ein Sprint über mehr als 100 Meter. Kurz vor dem Zaun hatte ich die Faltschüssel eingeholt und konnte sie greifen. Da hatte ich noch einmal Glück gehabt. Die Faltschüssel ist schließlich eines unserer wichtigsten Dinge.

Nach 10 km folgten 73 km Schotter. Es war Schotter der übelsten Sorte. Ein Segen, dass uns das erspart blieb durch die Mitnahme im Auto. Plötzlich hielt unsere Fahrer an: Der Packsack mit unseren Schlafsäcken war weg. Der Schotter hatte alles losgerüttelt und der Wind hatte den Packsack von der Ladefläche geweht. Wir drehten sofort um und suchten das Gelände entlang der Straße ab.

Nach nicht allzu viel Strecke fand sich der Packsack dann tatsächlich im Straßengraben wieder. Schon wieder Glück gehabt.

Ansonsten hielten sich die Schäden an unserem Equipment in Grenzen: von einem unserer XXL-Flaschenhalter war nur noch die untere Hälfte vorhanden, mein Schaltwerk hatte gelitten und der Lack am Oberrohr ebenfalls. Der Schaumstoffschutz an meinem Oberrohr hatte wohl noch schlimmeres verhindert.

Martin, unser Fahrer, fuhr uns bis zum Abzweig El Chaltén. So waren es nur noch 90 km bis zu unserem Ziel. Nach einem stark verspäteten Frühstück im permanenten Windzug (es war 15 Uhr und wir hatten heute noch nichts gegessen) setzten wir unsere Fahrrad-Schieberei dann fort. Es ergab sich wieder die gleiche Mischung: 2-3 km Schieben gegen den heftigen Wind und dann hielt doch ein Wagen und konnte uns mitnehmen.

So hatten wir in ganzen 3 Tagen 600 km Strecke zurückgelegt und unser Ziel El Chaltén erreicht. Es hätte schlechter laufen können. Wir waren froh um jeden km, den sie uns mitgenommen hatten.

Nach einem eher enttäuschenden Besuch in der Touristen Info (keiner sprach dort Englisch und die Hälfte unserer Fragen konnten sie uns nicht wirklich beantworten) fuhren wir zum Casa de Bicicletas, wo wir im kleinen Garten unser Zelt aufbauten.

Sonntag, 20.01.19

Wie vorhergesagt, regnete es und die umliegende Bergwelt lag in einer dicken Wolkenschicht. Einerseits schade, weil wir heute mit unserem Wanderprogramm starten wollten. Andererseits wäre dieses Wetter auf der langen Strecke in der Steinwüste zwischen Gobernador Gregores und El Chaltén auch nicht so angenehm geworden.

So legten wir einen Pausentag ein. Der Kampf gegen den heftigen Wind und die schlaflose letzte Nacht hatten uns ja zudem mächtig zugesetzt. Da war das schlechte Wetter gar nicht so dramatisch.

Im Übrigen war das gemeinsame Kochen mit den anderen Reiseradlern in unserer Unterkunft eine schöne Abwechslung. Das hatte WG-Charakter. So legten wir zusammen, kochten Locro, einen deftigen argentinischen Eintopf, und planten den morgigen Tag.

Montag, 21.01.19

6 Uhr aufstehen, 7 Uhr Aufbruch zum Cerro Torrre, einem der Highlights hier im Parque Nacional Los Glaciares. Die Sonne schien immer wieder zwischen den Wolken hindurch. Das wird ein guter Tag!

… dachten wir.

Doch als wir nach dem ersten Aufstieg in der Ferne unser Zielgebiet komplett in dichte Wolken eingehüllt sahen, waren wir uns nicht mehr so sicher. Je näher wir dem Cerro Torre und den anderen Bergen kamen, desto stärker nieselte es. Dazu blies uns ein ziemlich kalter Wind ins Gesicht. Die ersten Wanderer kehrten schon um. Hat wohl keinen Sinn; das Wetter wäre zu schlecht. Wir hielten trotzdem durch und liefen weiter, denn das frühe Aufstehen sollte ja nicht umsonst gewesen sein. Vielleicht reißt ja gleich auch die Wolkendecke auf.

Wir liefen eisern bis zur Laguna Torre und genossen den Anblick des Gletschers am hinteren Ende des Sees und die Eisberge im Wasser. Kalben hörten wir den Gletscher jedoch nicht. Auch den Bergkamm direkt hinter der Laguna mitsamt dem Cerro Torre sahen wir nicht. Hing alles in einer dicken Wolkenschicht. Schade.

Wir traten sehr schnell wieder den Rückweg an. Es war eisig kalt geworden durch den Regen und unsere Hosen nahmen immer mehr Wasser auf, weil es mittlerweile stärker regnete. Da hätten wir doch besser mal unsere Regenhosen mitgenommen. Doch so erreichten wir El Chaltén völlig durchnässt und leicht unterkühlt.

Zum Glück gab es dann in unserer Unterkunft noch heißes Wasser in der Dusche. Das ist nicht selbstverständlich, wenn sich hier bei voller Belegung 15-20 Personen diese eine Dusche teilen dürfen.

Übrigens: kaum waren wir zu Hause, riss die Wolkendecke auf und die Sonne schien. Unglaublich! Es blieb zwar wechselhaft und kalt, aber da hatten wir wohl das übelste Zeitfenster für unseren Ausflug gewählt.

Mit der Sonne frischte auch gleich wieder der Wind auf und blies mit Sturmstärke durch all die Zelte im Hinterhof. Bei uns riss der Winddruck gleich 3 Häringe aus dem Boden und wirbelte uns ordentlich Sand durch alle Ritzen im Zelt. Alles versandete in kurzer Zeit. In der Hoffnung auf besseres Wetter ließen wir den Tag dann noch in der warmen, trockenen Küche des Hauses ausklingen.

Dienstag, 22.01.19

Nach eingehendem Studium aller möglichen Wetter-Vorhersagen für die kommenden Tage war heute wohl der einzige Tag mit „gutem“ Wetter. Also waren wir wieder zeitig auf Tour. Diesmal war der Cerro Fitz Roy samt der vorgelagerten Laguna De Los Tres unser Ziel. 10 km Weg und viele Höhenmeter, ein Tagesprogramm.

Doch auch diesmal wurde unser Ausflug eine Zitterpartie: aus der Ferne hing der Fitz Roy in dicken Wolken. Da kostet es schon etwas Überwindung, trotzdem weiterzulaufen. Vor allem nach dem üblen Wetter-Szenario vom Vortag.

Unterwegs kam uns dann auch noch die Bergrettung mit einem Verletzten entgegen: Ein Wanderer war im Berg abgestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Dann erfuhren wir von den Locals, wie viele Wanderer und Kletterer hier in den Bergen jährlich den Tod finden. Gerade erst letzte Woche waren 3 Kletterer in den Tod gestürzt. Das Wetter und die Felsen werden schnell unterschätzt hier unten.

Auf den letzten Kilometern geht es auch tatsächlich deutlich steiler in den Berg hinauf. Da ist volle Konzentration oberste Pflicht, denn stellenweise schreitet man nur über losen Schotter. Wir erreichten den Bergrand und wurden förmlich erschlagen von dem sagenhaften Anblick der gesamten Landschaft: im Vordergrund die Laguna Los Tres, malerisch eingebettet inmitten der umliegenden Berge, direkt dahinter die schroffe Felsformation mit dem Cerro Fitz Roy und dem Aguja Poincenot. Und das Allerbeste: die Wolken hatten sich ganz plötzlich aufgelöst und die Berge waren nun voll sichtbar bei schönstem Sonnenschein. Alles passte jetzt perfekt zusammen.

Unser Video auf Youtube: Fitz Roy in Patagonien

Wir genossen diesen atemberaubenden Anblick für eine ausgedehnte Pause und feilten derweil an unserem Programm für den Rest des Tages: vielleicht war der Cerro Torre jetzt auch wolkenfrei. Ansich sind Cerro Torre und Fitz Roy separate Tageswanderungen. Doch es gibt einen Verbindungsweg, der einem einige km Strecke erspart.

Wir wollten es wagen und machten uns auf den Weg. Als wir dann am späten Nachmittag auf dem Wanderweg zum Cerro Torre ankamen, spürten wir die zurückgelegten km schon sehr intensiv in unseren Beinen. Es waren jetzt noch 4 km bis zur Laguna Torre, doch die Beine wurden immer schwerer.

Annett hatte Schmerzen im Oberschenkel und brach ab, doch ich lief noch weiter bis zum Cerro Torre.

Die Laguna Torre glänzte zwar heute im Sonnenlicht, doch die Bergkette mit dem Cerro Torre, dem Aguja Egger und dem Aguja Standhardt lag immer noch komplett in dicken Wolken. Schade. Es war umsonst.

Warten kam auch nicht infrage, dafür war der Wind viel zu kalt und vor allem war es schon zu spät. Ich lief zurück und holte Annett kurz vor El Chaltén ein. Auch ich hatte jetzt Schmerzen im rechten Knie. Das Schritttempo wurde immer langsamer. Wir liefen wie alte Leute und stöhnten bei jeder Felsstufe, die wir am Morgen noch im Sprung genommen hatten.

So erreichten wir El Chaltén um 21 Uhr und hatten in Summe heute über 40 km Tagesstrecke und mehrere hundert Höhenmeter gemeistert. Insbesondere nach dem gestrigen nasskalten Ausflug waren wir damit beide am Limit angekommen. Aber wir waren glücklich über unsere Erlebnisse und stolz auf unser Durchhaltevermögen.

Mittwoch, 23.01.19 – Donnerstag, 24.01.19

Der nächtliche Sturm hatte wieder einige Häringe aus dem Boden gerissen und diesmal war sogar die hintere Abspannleine abgerissen. Dieser Winddruck war unglaublich. Jede Windböe schlug mit einer derartigen Wucht auf das Zelt auf, wie wenn jemand mit einer Holzlatte zuschlägt. Ich wunderte mich, dass unser Zelt dem tatsächlich standhielt.

Unsere Beine waren noch bleischwer und alle Bewegungen etwas träge. Wir packten und verabschiedeten uns aus El Chaltén. Vor uns lag der Rückweg Richtung Norden. Zurück auf die Ruta 40 Richtung Perito Moreno und weiter über die Ruta 3 Richtung Buenos Aires.

Je weiter wir uns von El Chaltén entfernten, desto größer traten die Berge dahinter in Erscheinung. Das lag auf unserer Anreise alles in einer dichten Wolkenschicht und war nicht zu erkennen. Jetzt sahen wir nicht nur den Fitz Roy samt Nachbargipfeln, sondern auch den Cerro Torre endlich einmal fast wolkenfrei. Wir waren offensichtlich einen Tag zu früh abgereist. Und wir wussten nun, was wir von der Wettervorhersage zu halten hatten: gar nichts!

Zumindest für die ersten 90 km bis zur RN 40 versprach der heftige Rückenwind ordentlichen Schub, doch viele Böen kamen seitlich und rissen unsere Fahrräder mit vollem Druck aus der Fahrspur. Das war nicht ungefährlich. Ich kam relativ gut zurecht mit diesen Bedingungen, doch Annett fand es zu gefährlich. So beschlossen wir, doch zu trampen.

Es war wenig Verkehr: vielleicht 5 Autos pro Stunde. Doch wir hatten Glück. Soviel Glück, dass wir mit 3 Fahrzeugen zurück auf die RN 40 und sogar bis nach Perito Moreno kamen. Es ersparte uns die gesamten 600 km Strecke durch trockene Steppe, darunter insgesamt 140 km übler Schotter, und den aussichtslosen Kampf gegen den extremen Gegenwind.

Unser letzter Lift, ein deutsches Pärchen mit Wohnmobil, ermöglichte uns zudem noch den Besuch der Cueva de las Manos, eine Felswand mit 9300 Jahren alten, prähistorischen Felsmalereien der Tehuelche (Ureinwohner Patagoniens) in einer malerischen Schlucht des Rio Pinturas. Dieses Weltkulturerbe liegt 30 km östlich der RN40 in den Bergen. Für uns mit den Reiserädern wären hier alleine Hin- und Rückfahrt ein Programm für 2 Tage gewesen. Doch mit dem Wohnmobil genossen wir eine bequeme Anfahrt und zu viert eine unvergessliche Besichtigung.

Übernachtet hatten wir auf halber Strecke direkt neben dem Wohnmobil, mit dem wir nach dem Frühstück die Reise auch fortsetzten bis Perito Moreno. Eine glückliche Fügung war im Finale dann noch die Kontaktaufnahme mit unserem Warmshowers-Kontakt von vor einer Woche. Er war gerade in Urlaub und so konnten wir für die kommenden Tage in seiner Hütte schlafen und unser Programm für die weitere Reise bis Buenos Aires vorbereiten.

Unser Trip nach El Chaltén war zu Ende. Wir hatten die schroffe Bergwelt im südlichsten Zipfel unserer Welt gesehen, die gefürchteten, extremen Winde auf uns wirken lassen und in der Steppe unzählige Guanacos, Wildpferde, Gürteltiere, Emus und den Zorro gris erlebt. Lediglich Puma und Huemul (der seltene Südandenhirsch) fehlten uns jetzt noch in der Sammlung.

Freitag, 25.01.19 – Freitag, 15.02.19

Im Haus gab es immer noch kein Wasser aus der Leitung. Wie vor einer Woche. Also befüllten wir zunächst einmal wieder alle Behälter mit Wasser aus dem Wasseranschluss im Garten. Unser Wasser-Management der letzten Woche war uns ja noch geläufig.

In der ersten Nacht weckte uns dann plötzlich das Plätschern von Wasser im Haus. Annett lief sofort in die Küche und sah Wasser aus der Leitung laufen. Wir hatten wieder Wasser!

Der letzte Reiseradler vor einigen Tagen hatte tatsächlich selber vergessen, den Wasserhahn zuzudrehen. Was für ein Glück, dass wir nun zufällig im Haus waren. So gab es wenigstens keine Überschwemmung, denn durch den verstopften Siphon im Waschbecken bildete sich sofort ein Rückstau.

Einen Tag später gab es dann nur noch im Haus Wasser, nicht aber aus der Leitung im Garten. Und 2 Tage später versiegte auch im Haus wieder der Wasserdruck. Dafür gab es dann einen Tag später wieder Wasser im Garten. Im Laufe der nächsten Tage hörten wir auch Wasser auf dem Dachboden plätschern. Also befüllte sich der 500 Liter-Tank im Haus bei ausreichend hohem Druck automatisch über eine städtische Leitung. Verstanden hatten wir das technische System der Wasserversorgung in diesem Haus allerdings nicht.

Ebenso wenig verstand ich, warum meine Zahnschmerzen plötzlich von einem Tag auf den anderen wie weggeblasen waren. Vielleicht lag es ja an der Mondphase. Die Freude hielt aber nicht lange, denn kurze Zeit später brach die frische Füllung wieder aus dem Zahn.

Ansonsten machten wir unsere Hausaufgaben (Fotos bearbeiten, Texte für die Website schreiben, usw.) und erfreuten uns an dem häuslichen Schutz vor dem ungnädigen Wind. An die fast täglichen Stromausfälle und Internet-Aussetzer in der Tankstelle nebenan hatten wir uns schnell gewöhnt.

Dann kam Tag X. Da war es plötzlich totenstill. Kein Wind! Kein Wind? Das konnten wir uns gar nicht mehr vorstellen. Seit Wochen fegte der Wind mit Sturmstärke und mischte uns immer gehörig auf. Und jetzt war es plötzlich still. So still, dass es uns schon unheimlich vorkam. Einen ganzen Tag hielt sich diese Stille. Dann blies der Wind wieder wie gewohnt.

Unser Gastgeber war zwischendurch lediglich für 3 Tage im Haus. Danach war er wieder für einige Tage auf Arbeit außerhalb der Stadt. So störte unser verlängerter Aufenthalt nicht. Im Gegenteil: In der gemeinsamen Zeit erweiterten wir gegenseitig unsere Sprachkenntnisse: Er lernte Deutsch, wir lernten weiter Spanisch.

Nebenbei erfuhren wir, dass sich in der Region El Bolson, südlich von Bariloche, in diesen Tagen wohl das Hanta-Virus ausbreitete. Es gab mittlerweile schon 9 Sterbefälle. Erst vor wenigen Wochen waren wir dort auf unserem Weg Richtung Chile entlang geradelt. Wieder hatten wir Glück gehabt. Heute müssten wir dieses Gebiet wohl weiträumig umfahren.

Am Freitag, 15.02. verließen wir Perito Moreno und radelten weiter Richtung Comodoro Rivadavia an der Ostküste. Dabei half uns zwar anfangs der Rückenwind, doch die Böen kamen so schlagartig, dass Annett immer wieder vom Rad stieg und es vorzog, zu schieben.

Nach den ersten 20 km hielt ein Pickup und die beiden Fahrer nahmen uns mit. Allerdings war nach 3 km gleich wieder Schluss. Vor uns lag eine Polizeikontrolle, die es nicht gerne sehen würde, dass einer der beiden Fahrer und ich auf der offenen Ladefläche saßen während der Fahrt. Sie schlugen vor, uns hier wieder abzusetzen und gleich hinter der Polizeikontrolle wieder aufzugabeln.

Der Plan gefiel uns und so drehte der Fahrer um, um uns außer Sichtweite der Gendarmerie wieder von der Ladefläche zu lassen. Dabei rutschte er in den Seitenstreifen und verlor im losen Schotter die Kontrolle über das Fahrzeug. Wir rutschten seitwärts die tiefe Böschung hinunter. In der folgenden drei Sekunden spielte sich in unserer Vorstellung schon ein Horror-Szenario ab, doch mit dem Restschwung schaffte der Fahrer es dann doch noch, in der Talsohle stabil in Fahrt zu bleiben. So erreichten wir nach ca. 100 Metern wieder die asphaltierte Straße. Glück gehabt. Das hätte böse enden können.

Die beiden setzten uns ab, wir hängten unser Gepäck wieder ans Fahrrad und dann fuhren wir getrennt durch die Polizeikontrolle. Hinter der ersten Kurve warteten sie dann tatsächlich auf uns und so setzten wir gemeinsam unsere Fahrt fort: 130 km ohne weitere Unterbrechung bis nach Las Heras.

Ab da radelten wir weiter und waren erstaunt über den dichten Verkehr, mit dem wir plötzlich konfrontiert wurden. Hier boomt die Erdöl-Förderung. Unzählig viele Ölförderpumpen säumten ab hier unseren Weg durch die trockene, monotone Steppe. Der überwiegende Teil der Bevölkerung hier arbeitet in der Ölförderung und somit ist es auf den Straßen sehr geschäftig. So geschäftig, dass schwere Laster uns gleich wieder von der Straße hupten, weil der Gegenverkehr keinen Seitenabstand beim Überholen zuließ. Also trampten wir wieder.

Diesmal klappte es schneller: Ein Arbeiter mit Pickup nahm uns mit und holte gleich seinen Kollegen samt zweitem Pickup herbei, weil er nur einen freien Sitzplatz hatte. So fuhren wir die folgenden 80 km bis Pico Truncado verteilt auf 2 Fahrzeuge. Sie setzten uns auch gleich bei den Bomberos ab, wo wir allerdings vergebens nach einem Übernachtungsplatz fragten. Doch statt der dann üblichen Abweisung organisierten uns die Feuerwehrleute alternativ einen Schlafplatz in einer Herberge unweit in der Stadt. Wenn wir zunächst auch erst 2 Stunden bei den Bomberos abwarten sollten, wurde es trotzdem noch ein entspannter Abend in der Herberge mit heißer Dusche und einem richtigen Bett.

Samstag, 16.02.19

Die Nacht wurde dagegen eine echte Belastungsprobe für Nerven und Gemüt: bis morgens um 4 Uhr lieferten sich unzählig viele Auto-Poser regelrechte Straßenrennen in unmittelbarer Nachbarschaft. An diese Auto-Poser hatten wir uns in Argentinien Süd schon gewöhnt, aber in dieser Dichte hatten wir das noch nie ertragen müssen.

Natürlich kam noch hinzu, das gerade Wochenende war. Da saß bestimmt auch jede Menge Alkohol am Steuer.

Bevor wir die Stadt verlassen wollten, fragte sich Annett im Zentrum auf der Suche nach einer Bäckerei durch und landete zufällig bei der richtigen Person: Sie wurde nicht nur per Auto zum Bäcker gelotst, sondern wir erhielten auch gleich das Angebot, die 135 km bis nach Comodoro Rivadavia im Pickup mitzufahren. Unser Fahrer war Mitglied in einem lokalen Bikeclub und da war sein Angebot für ihn obligatorisch.

Dass unsere Zusage eine gute Entscheidung war, merkten wir schon auf den ersten km im Auto: Die Straße war völlig ramponiert und wies endlos viele Schlaglöcher auf. Da hätten wir als Radler auf der engen Fahrbahn mit dem dichten Verkehr mächtig gestört.

Die Fahrt wurde auch gleich ein tagesfüllendes Programm, denn es gab einen längeren Zwischenstopp auf halber Strecke in Caleta Olivia. Die Tochter unseres Fahrers war dort auf der Suche nach einem Haus und so fuhren wir im Konvoi mit einem Immobilienmakler die einzelnen Objekte im ganzen Stadtgebiet ab. Für uns kam es einer Stadtbesichtigung gleich.

Sehr interessant war in diesem Rahmen die bolivianisch anmutende Pueblo-artige Bebauung bis hoch in den Berghang. Tatsächlich arbeiten und leben wohl sehr viele Bolivianer hier.

Am späten Nachmittag erreichten wir dann Comodoro Rivadavia, wo wir bei den Bomberos gleich eine Übernachtungs-Zusage erhielten. Auch in dieser Stadt begeisterte uns die ungeheure Gastfreundschaft der Menschen:

Am Supermarkt brachte eine Passantin ihre Begeisterung über unsere Radreise zum Ausdruck, organisierte uns gleich eine Übernachtung in unserer nächsten Stadt und bot uns für heute ihr Haus hier in Comodoro Rivadavia als Nachtlager an. Also hätten wir eine Alternative gehabt, wenn es bei den Bomberos auch heute nicht geklappt hätte.

Und die Kollegen bei der Feuerwehr informierten uns gleich über alle Sehenswürdigkeiten in der Stadt bzw. an der Küste und luden uns zu einer nächtlichen Spritztour per Auto ein. So erlebten wir Comodoro Rivadavia bei Nacht und sahen einige historische Gebäude aus der Kolonialzeit. In der Feuerwehrstation boten sie uns sogar WiFi an.

Sonntag, 17.02.19

Was wir gestern Abend nicht besichtigt hatten, stand für heute auf dem Programm:

Der Leuchtturm Faro San Jorge und ein interessanter Vogelfelsen vor der Küste (Farallón de Comodoro Rivadavia). Für diesen Ausflug stellten wir unser Gepäck bei einer anderen Station der Bomberos nahe der Küste unter. Damit wurden Hin- und Rückfahrt wesentlich leichter, zumal der Weg teilweise aus grobem Schotter bestand und uns auf dem Rückweg ein heftiger Gegenwind ins Gesicht blies.

Als wir um 19 Uhr wieder bei den Bomberos eintrafen, boten sie uns noch Dusche und Küche an. Schlafräume hatten sie zwar nicht, aber ein Platz für unsere Schlafmatten auf dem Fliesenboden reichte uns für die Nacht ja vollkommen aus. Somit war auch hier die Übernachtung kein Problem und das ersparte uns eine Zeltplatzsuche in der Dunkelheit.

Sie boten uns später sogar die Benutzung der Waschmaschine an. So sehr uns dieses Angebot erfreute (denn es war bitter nötig), so ernüchternd verlief Annetts Versuch, die Maschine ans Laufen zu bekommen. Das Wasser spritzte nach allen Seiten aus dem Schlauch, nur nicht in die Maschine. Da wollten wir uns gar nicht vorstellen, wie unsere Wäsche nach dem Waschgang aussehen würde, wenn schon die Befüllung mit Wasser nicht möglich war. Also brachen wir die Aktion enttäuscht wieder ab.

Auch das Angebot, den Kühlschrank in unserem Raum zu nutzen, schlugen wir aus. Denn das betreffende Gerät fabrizierte einen Höllenlärm, der uns bestimmt eine schlaflose Nacht beschert hätte.

Montag, 18.02.19 – Mittwoch, 20.02.19

Pünktlich zum Frühstück regnete es. Gleichzeitig kühlte sich die Luft auf 14 °C ab. Wir beschlossen, den Regen abzuwarten. So kamen wir erst um 14 Uhr auf die Straße. Vor uns lagen wieder 370 km endlose Steppe ohne Ortschaft und ohne Wasser bis nach Trelew. Die enge Straße war wieder sehr gefährlich für Radler: Es gab kein Seitenstreifen und die Fahrer hielten keinen Sicherheitsabstand beim Überholen.

Annett verlagerte ihre Fahrt schon nach wenigen km auf den Schotterstreifen neben der Straße. Doch weil Radeln auf diesem groben Schotter gar nicht möglich war, schob sie. So kamen wir natürlich nicht gut voran.

Da war ich schon sehr erleichtert, dass uns kurz vor der Dämmerung noch ein LKW-Fahrer mitnahm. Als wir die Fahrerkabine bestiegen, kochte auf einer Gasflamme gleich neben dem Fahrersitz schon das Wasser für den Mate-Aufguss. So tranken wir erst einmal eine Runde Mate und unterhielten uns über alles Mögliche. Sprachlich war es etwas schwierig, weil unser Fahrer kein einziges Wort Englisch sprach und wir seinen spanischen Slang mehr schlecht als Recht verstanden. So blieb uns auch zunächst verborgen, wie weit er uns denn überhaupt mitnehmen könne.

Sehr beeindruckt hatte uns unterdessen, dass die LKW-Fahrer hier in Argentinien sogar den Beifahrersitz ausbauen, um Platz für die große 11 kg – Gasflasche für den Mate-Aufguss zu haben. Und es wunderte uns, dass so etwas hier offensichtlich alle Polizei- und Gendarmerie-Kontrollen übersteht. Wenn so eine Flasche mal hochgeht, möchten wir dann doch lieber nicht in der Fahrerkabine sitzen.

Er fuhr jedenfalls in die Nacht hinein und überließ uns seine Schlafpritsche als Nachtlager. Auch für seine 4 Stunden Pflicht-Ruhezeit sollte sich das nicht ändern. Er legte sich mit seinem Schlafsack auf ein Stück Pappe in den Bereich, wo normalerweise der Beifahrersitz steht.

Um 4 Uhr in der Frühe fuhr er weiter. Bis San Antonio Oeste nahm er uns mit: ganze 620 km. Nach einer kleinen Frühstückspause radelten wir dann weiter. Nach wenigen km bemerkte Annett plötzlich, dass sie wohl ihre Regenhose im LKW liegen gelassen hatte. Der Fahrer hatte am Morgen seine Jacke darauf gelegt und so war sie aus unserem Sichtfeld verschwunden. Leider hatten wir keine Kontaktdaten vom Fahrer. Ich wusste lediglich noch das Kennzeichen des LKWs. Aber wir machten uns keine großen Hoffnungen. Das war dumm gelaufen. Ohne Regenhose würden die nächsten Regentage schließlich ganz schön unangenehm werden.

Dafür klappte es mit dem Trampen nach kurzer Zeit wieder: Ein Pickup konnte uns mitnehmen und es wurden auch gleich wieder 400 km am Stück. Allerdings wurde diese Fahrt tatsächlich eine Belastungsprobe: Wir saßen beide neben unseren Fahrrädern auf der offenen Pritsche und durften 3 Stunden lang den mächtigen Fahrtwind ertragen. Der Fahrer fuhr ohne Unterbrechung schätzungsweise Tempo 150 km/h und der Winddruck auf Helm und Nacken war enorm. Auch das ohrenbetäubende Rauschen in den Ohren war an der Grenze des Erträglichen.

Doch irgendwann geht schließlich jede Fahrt zu Ende und wir waren ja dankbar um jeden km, den wir heute nicht gegen den Wind ankämpfen mussten.

So hatten wir nach anderthalb Tagen 1100 km hinter uns gebracht und steuerten die Bomberos in Bahia Blanca in der Hoffnung auf einen Schlafplatz an. Doch die lehnten gleich ab. Geht nicht!
Danach riefen wir alle Kollegen an, die wir auf Warmshowers fanden. Auch hier war Fehlanzeige auf der ganzen Linie: verzogen, nicht erreichbar, kein Platz! Zuallerletzt fiel mir noch eine weitere Station der Bomberos ein, die sich in 20 km Entfernung vor der Stadt befand. Wir ließen die Bomberos in der Stadt per Anruf nachfragen, damit wir die 20 km nicht umsonst zurück radeln würden. Es war schließlich schon 21 Uhr und es wurde gerade dunkel.

Wir bekamen grünes Licht. „Alles klar! Sie warten schon auf euch!“ Also machten wir uns auf den nächtlichen Weg und erreichten um 22:30 Uhr die erwähnte Bomberos-Station. Dort erlebten wir dann eine wahre Überraschung: Wir wurden empfangen wie berühmte Ehrengäste. Jeder aus der Station kam heraus gelaufen und sie alle begrüßten uns per Handschlag. Und es waren mindestens 25 Personen, denn hier liefen gerade die großen Vorbereitungen für den bevorstehenden Karneval.

Weil es am Mittwoch extrem heiß werden sollte, arrangierten wir eine zweite Übernachtung, was hier überhaupt kein Problem war. Abends waren wir dann zu einem Ausflug per Fahrrad zur Puerto Cuatreros eingeladen. Diese historische Pier führt ca. 2 km weit ins Meer hinaus und ist über eine rustikale Schotterpiste befahrbar. Im Anschluss daran gab es eine Runde Pizza und jede Menge Fragen zu unserer Reise.

Donnerstag, 21.02.19 – Freitag, 22.02.19

Wir verabschiedeten uns und fuhren weiter Richtung Buenos Aires. Und ich durfte gleich wieder einen Plattfuß reparieren. Annett hatte sich einen Dorn in den Reifen gefahren.

Am Stadtende von Bahia Blanka hielt plötzlich ein Autofahrer vor uns und warnte uns vor der gefährlichen Vorstadtzone. Dort gäbe es wohl viele Kriminelle, die immer wieder gerne LKW-Fahrer und auch Touristen berauben. Wir beherzigten diese Ratschläge natürlich und hielten die Augen offen. Und tatsächlich empfanden wir die Gegend sehr riskant.

Kurz vor der Dunkelheit erreichten wir Coronel Dorrego. Bei den Bomberos durften wir zwar übernachten, doch hier war das Sicherheitsbedürfnis ungewöhnlich hoch: Sie machten eine Kopie von unserem Reisepass, schickten uns zur Polizeistation zur Registrierung und wir mussten uns abschließend noch in ein Logbuch eintragen. Doch wir ließen alles geduldig über uns ergehen.

Am Freitag schafften wir es bis Las Flores, wo wir einen Warmshowers-Kontakt arrangiert hatten. Dort trafen wir auf zwei Reiseradler aus Brasilien und so tauschten unserer Reisegeschichten aus.

Samstag, 23.02.19

Die Brasilianer machten sich auf den Weg nach Patagonien und wir blieben noch einen Tag und halfen bei den Vorbereitungen für eine anstehende Party. Unser Gastgeber hatte Geburtstag und feierte heute mit 40 Gästen im Garten.

Neben der Party erlebten wir hier auch den Kinderkarneval im Stadtzentrum an diesem Abend: Der gesamte Nachwuchs der Stadt war auf den Beinen und zog mit fantasievoll gestalteten Wagen einen Parcours ab. Statt der Kamellen gab es Konfetti in allen Farben. Dazu erschallte laute Musik und es gab landestypische Küche entlang der Straße.

Sonntag, 24.02.19 – Dienstag, 19.03.19

Am Sonntag fuhren wir weiter in der Hoffnung auf weniger Verkehr und ein entspannteres Radeln auf der RN3. Doch da hatten wir uns verschätzt. Die Gefährlichkeit war kein bisschen geringer, wenn auch etwas weniger LKWs und Reisebusse an uns vorbeizogen. Doch so langsam kamen wir in das Einzugsgebiet der Hauptstadt. So setzten wir unsere Tramp Tour fort und erreichten am Nachmittag Canuelas, das letzte Städtchen vor Buenos Aires.

Hier blieben wir 3 Nächte und organisierten den anstehenden Aufenthalt in Buenos Aires. Auch diesmal war es ausgesprochen schwierig, eine Unterkunft über Warmshowers zu arrangieren. Sehr viele Mitglieder waren nicht erreichbar oder konnten gerade nicht hosten. Dafür ging unser Treffer dann um so herzlicher mit uns um: Wir erfuhren massive Unterstützung bei der Suche nach den richtigen Krankenhäusern für eine überfällige Untersuchung bei Annett und erhielten das Angebot, solange zu bleiben, bis die komplette Behandlung abgeschlossen sei.

Doch da ahnten wir noch nicht, dass dieses Thema eine Odyssee werden sollte und uns tatsächlich über 2 Wochen in der Hauptstadt festhalten würde:

Für die Überweisung mussten wir zunächst einmal das Wochenende und die Karnevalstage abwarten. Das waren schon einmal 5 Tage. In dieser „Karnevalswoche“ gab es tatsächlich nur einen einzigen Tag für Konsultationen beim zuständigen Arzt: der Mittwoch. Doch ausgerechnet am Mittwoch herrschte im Krankenhaus Ausnahmezustand: Die Haupteingangstür lag in Trümmern (wahrscheinlich Vandalismus), das Computersystem im gesamten Krankenhaus war ausgefallen, überall standen lange Warteschlangen und immer wieder versuchten die Ärzte, die aufgebrachten Massen zu beruhigen und Anweisungen zu verteilen. Uns vertrösteten sie jetzt auf Freitag.

Am Freitag durften wir dann (wie alle anderen ca. 150 Patienten) erst dreimal Schlange stehen und wurden dabei mehrfach durchs gesamte Krankenhausgelände geschickt. Besonders ärgerlich war in diesem Zusammenhang eine falsche Info, sodass wir an einer Instanz völlig umsonst gewartet hatten. Am Nachmittag erhielten wir dann endlich die Überweisung für die Untersuchung, doch diese wäre frühestens in 14 Tagen möglich.

So lange wollten wir nicht warten und so entschieden wir uns doch für eine (teure) Privatklinik, wo wir nur 4 Tage warten mussten. Aus diesen 4 Tagen wurden dann letztendlich auch wieder 6 Tage, weil zum vereinbarten Termin auch hier die Technik in der Praxis ausgefallen war.

Insgesamt war es ein zermürbendes Programm, das uns tatsächlich 18 Tage gekostet hat. Dabei wanderten wir 7 mal die 2,5 km von unserer Bleibe bis zum Hospital, 2 mal bei strömendem Regen. Das ist nicht angenehm, völlig durchnässt und mit Wasser in den Schuhen stundenlang im kalten Windzug der Klimaanlage im Krankenhaus ausharren zu müssen. Annett traf es dabei besonders hart, weil sie ihre Regenhose ja vor einigen Tagen im LKW hatte liegen lassen. Hätten wir nicht zweimal etwas energisch mit den Angestellten und Ärzten in der Klinik diskutiert, hätte es noch länger gedauert.

Was für einen Spießrutenlauf hätten wir da wohl erlebt, wenn uns nicht unser Warmshowers-Kontakt im Vorfeld bei der Auswahl der Kliniken geholfen hätte.

Natürlich nutzten wir die Wartezeit zwischen den Behandlungsterminen für Besichtigungen, Arbeiten am Blog oder den kulturellen Austausch mit 2 Mitbewohnerinnen aus Venezuela bzw. Kolumbien. Es war wie in einer internationalen WG. Annett buk mehrere Kuchen und Brot nach heimischen Rezepten und unternahm mit den beiden Frauen mehrere Ausflüge. Unter anderem nahmen sie auch an der Groß-Demonstration zum internationalen Frauentag am 08.03. teil. Die Teilnehmerinnen waren aus allen möglichen Provinzen Argentiniens angereist und verwandelten Buenos Aires für einen Tag in eine riesige Bühne für die Durchsetzung ihrer Anliegen.

Ein kulturelles Highlight war in jedem Fall auch das Tango-Programm im Centro Cultural Kirchner (CCK) in Buenos Aires. So erlebten wir dort live Musik und Tanz in den verschiedensten Varianten. Aber auch das Gebäude an sich ist schon einen Besuch wert. Ursprünglich war es das Postgebäude von Buenos Aires. Heute zählt es zu den größten Kulturzentren dieser Art weltweit.

Auch Annetts Geburtstag feierten wir während der Tage hier. Kurios war die Tatsache, dass wir im Rahmen unserer Radreise sämtliche Geburtstage von Annett in Städten gefeiert haben, die mit B beginnen:

  • 2016 in Batumi, Georgien
  • 2017 in Battambang, Kambodscha
  • 2018 in Brisbane, Australien
  • 2019 in Buenos Aires, Argentinien.

Zufällig war die Partnerin unseres Warmshowers-Gastgebers Zahnärztin und so bekam ich vor der Abfahrt noch eine fundierte Diagnose zu meinem immer noch nervenden Backenzahn. Allerdings waren die Aussichten für eine dauerhafte Reparatur alles andere als passend für den Zeitraum unserer Reise:

Es lohnt sich wohl, den Zahn zu erhalten, doch eine Füllung würde schnell wieder herausbrechen. Die beste Lösung wäre:

  1. Nerv ziehen
  2. Krone anfertigen.

Weil unsere Auslands-Krankenversicherung lediglich die Kosten für eine schmerzstillende Behandlung bei öffentlichen Ärzten übernimmt, müsste ich hier das volle Programm und den Privatarzt selber bezahlen und wäre über einige Wochen an einen Behandlungsort gebunden. Es waren zu viele K.O.-Kriterien. Ich beschloss, bis zu unserer Rückkehr auszuharren und hoffte auf schmerzarme Zeiten bis dahin.

Mittwoch, 20.03.19 – Di, 26.03.19

Auf unserem Weg aus Buenos Aires schauten wir uns noch den Botanischen Garten an. Danach verließen wir die Hauptstadt Richtung Norden. Unser nächstes Ziel war Uruguay. Über Straße sind es von Buenos Aires bis zur Grenze hinter Gualeguaychu 300 km. So rechneten wir mit einigen Tagen Fahrt und hofften, noch rechtzeitig vor dem Auslauf unserer 90 Tage Aufenthaltserlaubnis am 31.03. die Grenze zu erreichen. Doch schon am Donnerstag erlebten wir eine Überraschung, da hatten wir das Stadtgebiet der Hauptstadt noch gar nicht richtig verlassen:

Ein Auto hielt neben uns und der Fahrer bot uns eine Übernachtung in seinem Haus an. Weil es schon später Nachmittag war, sagten wir zu und nach einer Stunde saßen wir im Kreis der Familie. Er selber war Übungsleiter im ACA, der American Canoe Association, da hatten wir natürlich sofort ein gemeinsames Thema.

Noch am selben Abend entwickelte unser Gastgeber einen Plan für die nächsten Tage: von Freitag bis Montag sei er als Übungsleiter auf Tour. Am Dienstag würde er uns mit dem Auto bis nach Gualeguaychu fahren. Bis zu seiner Rückkehr könnten wir im Haus bleiben und im Kreis der Familie die Ruhe genießen. Er bot uns auch die Waschmaschine und seine Werkstatt samt Werkzeug an, falls wir an den Fahrrädern etwas zu reparieren hätten. Wir waren baff!

Und so geschah es. Wir blieben und freuten uns auf 4 entspannte Tage. Doch gleich am ersten Tag fiel mir auf, dass unsere Waschschüssel fehlte. Wir hatten sie in Buenos Aires vergessen. So ein Mist! Jetzt durfte ich tatsächlich per Fahrrad und Bahn zurückfahren, nur um unsere Waschschüssel zu holen. Damit war der Freitag für mich schon mal verplant.

Unser Gastgeber gab mir spontan seine Abokarte für das öffentliche Verkehrsnetz und beschrieb mir den Weg zur Bahnstation. Und es lief tatsächlich reibungslos. Im Zug (Linea General Belgrano) haben sie ein kleines Abteil, wo sperrige Gegenstände wie z. B. Fahrräder abgestellt werden können. Nach den ersten 10 min wusste ich auch, dass sich hier immer die Marihuana-Raucher, Kartenspieler und Biertrinker trafen. Und es herrschte Basarstimmung: Einer verkaufte einem anderen Fahrgast seine Baseballkappe, ein anderer verkaufte Snacks. Mir wollten sie dann auch noch Drogen verkaufen.

Das Handling der Fahrräder war unterdessen sehr grob. Neben meinem Rad sammelten sich nach und nach bis zu 7 Räder an. Und an jeder Station wurde eines der Räder rabiat aus dem Knäuel herausgezogen und ein neues Rad kam hinzu. Ich war froh, dass bei meinem Rad am Ende noch alles heile war.

Trotz der Bahnfahrt kam ich immer noch auf 30 km per Fahrrad für die ganze Aktion und es war tatsächlich ein volles Tagesprogramm. Aber wir hatten unsere Siebensachen am Ende des Tages wieder beisammen.

Am Dienstag ging es dann per Auto wie geplant bis nach Gualeguaychu und nach einer kleinen Stadtbesichtigung sogar noch weiter Richtung Uruguay. Denn die Befahrung der Brücke über den Rio Parana vor der Grenze zu Uruguay ist für Fahrräder verboten. Also fuhr uns unser Fahrer noch die 30 km samt der Brücke bis zur Grenze Argentinien – Uruguay.

Die Grenzabwicklung war hier allerdings etwas verwirrend. Es gab nur einen Schalter, an dem in einer Amtshandlung zeitgleich die Ausreise aus Argentinien und die Einreise nach Uruguay vollzogen wird. Dabei gibt es lediglich einen einzigen Stempel in den Pass.

Das wollten wir zunächst nicht glauben und fragten deshalb zweimal nach. Doch es war tatsächlich korrekt. Uns war das natürlich recht, spart es doch Platz im Reisepass, der ja mittlerweile ziemlich voll war nach fast 4 Jahren Radreise.

Eine Kontrolle auf verbotene Lebensmittel fand zu unserer Verwunderung auch nicht statt, obwohl das überall so beschrieben steht. Vielleicht hatten sie das aber auch nur vergessen über unsere Fragerei. Es war jedenfalls alles reibungslos gelaufen und so hatten wir an diesem Tag 270 km Strecke hinter uns gebracht und waren in Uruguay angekommen.

Weiter geht es mit Reisebericht über Uruguay 2019.

Resümee Argentinien Süd

Es war nicht unser erster Aufenthalt in Argentinien. Seit Mai 2018 waren wir mittlerweile schon zum 4. Mal in diesem riesigen Land mit dem Reiserad unterwegs. Und diesmal stand Patagonien und der Süden des Kontinents auf dem Plan.

Wir erlebten in Argentinien Süd die schroffe Bergwelt im tiefen Süden, den gefürchteten Wind und eine einzigartige Tierwelt. Auch die endlose wüstenartige Steppe war wieder eine Herausforderung mit Fahrrad und vollem Gepäck.

Nach unserem Aufenthalt in Uruguay würden wir wieder nach Argentinien einreisen und den letzten Bereich dieses gewaltig großen Landes erkunden: den Norden inklusive der Berge in Cordoba, Salta und Jujuy.

 

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