Reisen verändert – ein Erfahrungsbericht

Reisen verändert uns. Und zwar stärker, als wir denken. Das bemerken wir erst, wenn wir intensiver über uns selber nachdenken. Denn die Veränderung ist nicht immer sprunghaft, sondern oft ein schleichender Prozess über viele Reisen. Ein spannendes Thema, mit dem wir uns eingehend auseinander gesetzt haben.

Sabine von ferngeweht.de hat diesem Thema nun eine Blogparade gewidmet, an der wir mit unserem Beitrag teilnehmen:

Reisen verändert – ein Erfahrungsbericht

Reisen verändert uns. Denn Reisen ist immer wie ein spannender Blick über den Tellerrand. Wir erleben fremde Kulturen, außergewöhnliche Landschaften, ein völlig anderes Klima, Tiere oder Pfanzen, von deren Existenz wir bis dato nichts wussten, … Aber wir erleben auch Armut, Gefahr, Missstände oder Komplikationen in unserem Reisemanagement.

Je beeindruckender die Erlebnisse, desto stärker beeinflusst es uns. Wir hinterfragen plötzlich unseren heimischen Lebensstandard, vergleichen unsere Lebensart mit anderen Kulturen oder denken sogar über größere Änderungen in unserem zukünftigen Leben nach.

Wie stark hat uns persönlich das Reisen verändert? Eine Reflexion über uns selbst.

Unsere Reiseart

In aller Regel unternehmen wir selbstorganisierte Radreisen und schlafen im Zelt oder in alternativen Unterkünften abseits der teuren Hotels. Komfort und Gourmetküche sind uns nicht wichtig. Wir suchen stattdessen außergewöhnliche Erfahrungen und spannende Erlebnisse.

Daher befahren wir bewusst Routen abseits der Touristenstraßen und lassen uns gerne von ungeplanten Ereignissen überraschen. Das können unerwartete Sehenswürdigkeiten, authentische Begegnungen mit den Einheimischen, extremes Wetter oder auch abenteuerliche Erlebnisse sein.

Ganz besonders intensiv erleben wir in dieser Hinsicht seit 2015 eine größere Radreise über mehrere Kontinente. Auf dieser Reise erlebten wir Armut, extreme Bürokratie und tropische Krankheiten, wurden beraubt und festgenommen, verloren beihnahe die Tasche mit den Wertsachen, verpassten einen Flug, mussten Strafe bezahlen für einen Overstay, wurden in einige Unfälle verwickelt und kamen mehrmals nur knapp mit dem Leben davon.

Unsere Art zu Reisen und die Auswahl unserer Reiseziele gewährleisten ohne Zweifel ein großes Überraschungspotenzial und fordern sehr viel Flexibilität im Reisealltag. Und sie garantieren unvergessliche Erfahrungen, an denen wir wachsen und die uns verändert haben:

Der Anspruch in der Reiseplanung

Wir haben die Planung und Organisation unserer Reisen immer gerne selber in die Hand genommen. So mussten wir nie Kompromisse in der Route oder beim Besichtigungsprogramm eingehen. Wir hatten hierbei viel Routine und der Aufwand hielt sich stets in Grenzen.

Doch die Planung und Vorbereitung für unsere aktuelle Langzeit-Radreise hatte eine völlig andere Dimension. Wir verknüpften Reiseländer, Sehenswürdigkeiten, Klimatabellen, Infrastruktur und Einreisevorschriften zu einem Langzeit-Trip, organisierten einen anderthalb-jährigen Impf-Marathon, und haben uns vor der Reise autodidaktisch sämtliche Reparaturarbeiten an unseren Fahrrädern beigebracht, inklusive dem Einspeichen von Laufrädern.

Es gleicht im Anspruch einem komplexen Projektmanagement und hält uns auch während der Reise noch weiter auf Trab: so buchen wir unsere Flüge selber, beschaffen uns unterwegs die erforderlichen Visa und organisieren größere Routenänderungen über mehrere Länder, wenn plötzlich der Bedarf dazu entsteht.

Wir halten unsere Planung aber immer sehr grob, um für notwendige Anpassungen und unvorhersehbare Ereignisse im Tagesverlauf genügend Spielraum zu haben. Das hatten uns schon die vielen kleineren Radreisen in den Vorjahren gelehrt.

Wir reisen unbefangen

Wir ignorieren Vorurteile und mittlerweile auch überzogene Sicherheitswarnungen. Wir bereisen alle Länder unvoreingenommen und verschaffen uns lieber selbst vor Ort einen Eindruck von Land und Leuten. Wir vertrauen aber nicht den Empfehlungen von nur einem Ortskundigen, sondern hören uns immer mehrere Meinungen an. Die wirklich gefährlichen Länder, wie z.B. Irak, Pakistan oder Venezuela bereisen wir natürlich nicht. So weit geht unser Streben nach Abenteuer dann doch nicht. Aber wir sind über unsere Reisen eindeutig mutiger geworden bei der Auswahl unserer Reiseländer.

Reisen bereichert unser Wissen

All unsere Reisen bereichern unser Wissen über die Welt, in der wir leben. Es ist spannender als jeder Frontalunterricht in der Schule und es umfasst alle nur denkbaren Wissensgebiete: Pflanzen, Tiere, Religionen, Sitten und Bräuche, Landschaftsformen, Naturphänomene, Evolution, Geschichte, politische Zusammenhänge, den Umweltschutz und vieles mehr.

Unsere Neugier und die Begeisterung der Einheimischen, von ihrer Heimat zu erzählen, hat in uns auch den Sinn für Wissensgebiete geweckt, denen wir seinerzeit in der Schule immer zu gerne den Rücken zugewendet haben. Das Reisen hat uns hier tatsächlich empfänglich und wissbegierig gemacht.

Wir erlernen Fremdsprachen

Natürlich erlernen wir auch immer ein Basis-Repertoire aus der betreffenden Landessprache. Wenngleich unser Aufenthalt im Land für ein ausgiebiges Studium einer Sprache bei Weitem nicht ausreicht, so bleiben manche Begriffe und Vokabeln aber doch auf Dauer abrufbar. Und es ist interessant, zu erfahren, in wie vielen Ländern ein deutscher Begriff (wie z. B. das Wort Kindergarten) ohne Übersetzung übernommen wurde.

Unser Englisch ist auf alle Fälle ein Stück besser geworden und alleine für unsere Grundkenntnisse in Spanisch hat sich die Reise nach Südamerika gelohnt.

Sehenswürdigkeiten und andere Highlights

Bei der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten sind wir mittlerweile etwas wählerisch geworden: so akzeptieren wir keine überzogenen Eintrittspreise mehr, sondern warten mit Zuversicht geduldig auf die Gelegenheit, ein ähnliches Highlight zu einem angemessenen Preis in einem anderen Land erleben zu dürfen. Unsere Erfahrung hierbei: fast alle Highlights gibt es an mehreren Orten auf der Welt in ganz ähnlicher Ausprägung.

Die Begegnung mit den Einheimischen ist uns mittlerweile jedoch viel wichtiger als manche Sehenswürdigkeit. Dabei sind gerade die Begegnungen abseits der Touristenpfade sehr authentisch und nicht künstlich inszentiert. Nicht selten erleben wir auch erst durch die Empfehlungen und Einladungen dieser Einheimischen die spannendsten Momente auf unseren Reisen: z.B. eine Übernachtung im Bushcamp eines australischen Aborigine, die Teilnahme an Zeremonien und Feierlichkeiten im hinduistischen Indien oder ein Angelausflug auf hoher See vor der australischen Küste.

Gelassenheit, Toleranz und Zuversicht

Wir sind toleranter geworden gegenüber anders Denkenden, gegenüber Missständen oder Unzulänglichkeiten im Reiseland. Wir sind auch gelassener geworden und unser Anspruch ist gesunken. Wir arrangieren uns heute mit dem, was wir vorfinden und akzeptieren die Zustände, wie sie sind. So haben Warteschlangen, übermäßige Bürokratie oder Schlitzohrigkeit an der Supermarktkasse an Wutpotenzial verloren.

Ebenso entspannt gehen wir an unsere Schlafplatzsuche. In der Regel wissen wir morgens noch nicht, wo wir am Abend das Zelt aufbauen werden. Diese tägliche Ungewissheit ist gewichen. Stattdessen verleben wir den Reisetag ganz entspannt in der Zuversicht, dass sich schon irgendwie etwas finden wird. Auch in Ländern wie dem Iran oder Usbekistan.

Wir wachsen an den Herausforderungen

Wir gehen heute entspannter mit Katastrophen um. Über all die abenteuerlichen Ereignisse auf unseren Reisen haben wir gelernt, dass es immer eine Lösung gibt, dass einem am Ende immer noch jemand hilft, selbst wenn es noch so aussichtslos scheint. Unser Selbstvertrauen und die Kreativitität in der Bewältigung scheinbar unlösbarer Herausforderungen sind gewachsen. Ganz gleich, was auch passiert: wir atmen tief durch und suchen beherzt eine passende Lösung.

Reparatur statt Neukauf

Unser Umgang mit verschlissener Ausrüstung hat sich über die Reisejahre ebenfalls verändert. Wir reparieren die Dinge, anstatt gleich alles neu zu kaufen, denn in vielen Ländern ist nicht immer zeitnah eine gleichwertige Neubeschaffung möglich. Dabei wurden wir immer kreativer und reizen heute wirklich alles aus, was geht. So nutzen wir die Gegenstände, bis sie tatsächlich „zerfallen“.

Und dann verwerten wir sie noch für andere Zwecke: alte T-Shirts werden zu Putzlappen und aus einem zerstörten Fahrradschlauch schneiden wir neue Schlauchflicken.

In vielen Reiseländern erlebten wir in dieser Hinsicht eine unglaubliche Kreativität. So entstehen aus alten Reifen, Mofafelgen, Reststoffen oder Verpackungsmüll neue Nutzgegenstände wie Müllbehälter, Blumenkübel, Sitzmöbel oder kunstvolle Skulpturen. Das inspirierte uns natürlich.

So basteln wir heute ebenfalls aus „Verpackungsmüll“ nützliche Dinge für unseren Reisealltag: z.B. einen Becherwärmer oder ein Sitzpad.

Wie Reisen unser Wertesystem auf den Kopf stellt

Wir haben auf unseren Reisen viel Armut erlebt. Aber die Menschen waren glücklich und zufrieden, auch ganz ohne Reichtum und Wohlstand. Und sie haben ohne Zögern ihre Hütte, ihr Essen und ihr letztes Hemd mit anderen geteilt. Diese Menschen sind in vielen Ländern auch keine Randgruppe, sondern ein anerkannter Teil der Gesellschaft.

Das machte uns nachdenklich über die materielle Welt in unserer Heimat. Wir hinterfragten unser Wertesystem. Und uns wurde bewusst, wie wenig es tatsächlich braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Auch die Bedeutung von „Heimat“ kam auf den Prüfstand.

Wir wurden genügsam und sind heute schon für kleinste Annehmlichkeiten dankbar. So haben wir den Komfort einer warmen Dusche schätzen gelernt und freuen wir uns über fließendes Wasser, tolerieren aber klaglos, wenn wir in einem Reiseland mit Eimern zum einzigen Brunnen im Dorf laufen müssen.

Wir haben auch gesehen, wie unkompliziert das Leben doch sein kann. Weniger Regeln und Verbote, mehr Toleranz bei der Polizei, Verzicht auf Perfektionismus am Haus oder im Job, all diese Erleichterungen erhöhen die Lebensqualität. Da zeigen uns die Menschen in vielen anderen Ländern, dass es auch viel entspannter geht.

Wir erlebten grenzenloses Vertrauen

Immer wieder trafen wir auf der Straße Menschen, die uns spontan zu sich eingeladen haben, uns ohne Zögern WiFi und den Haustürschlüssel anboten und uns dann für mehrere Tage in ihrem Haus alleine ließen. Dieses unglaubliche Vertrauen in fremde Menschen hat uns beeindruckt und in uns die Offenheit und Bereitschaft zu ebensolcher Gastfreundlichkeit geweckt.

Ja, Reisen hat uns verändert – unser Fazit

Liest man die vielen Erfahrungsberichte, dann lässt es sich auf einen kleinen, gemeinsamen Nenner verdichten:

Reisen bildet, erweitert deinen Blickwinkel, stellt dein Wertesystem auf den Kopf, fördert neue Fähigkeiten und erhöht deine Belastungsgrenze.

Reisen ist also sehr viel mehr als die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten, das Erleben atemberaubender Landschaft und das Eintauchen in fremde Kulturen. Es prägt und verändert dich. Und es ist in jeder Hinsicht eine Bereicherung.

 

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