Argentinien Nordwest 2018 – Reisebericht

Am 24.07.2018 sind wir, von Paraguay kommend, nach Argentinien Nordwest eingereist. Hier wollten wir von Posadas aus in den Westen des Landes Richtung der Anden fahren, um dann entlang der Anden bis nach Patagonien zu radeln. Unser Programm für die nächsten Monate.

Unsere Route durch Argentinien Nordwest auf OSM

© OpenStreetMap-Mitwirkende

 

 

Dienstag, 24.07.18

Um 14 Uhr waren wir in der Stadt Posadas in Argentinien angekommen. Es waren zwar nur 3 km Strecke von Encarnacion in Paraguay über den Rio Paraná nach Posadas, aber wir hatten dafür tatsächlich 2 Stunden benötigt, weil sie auf argentinischer Seite alle Fahrzeuge akribisch nach Drogen absuchen. Aber egal. Wir waren jedenfalls froh, dass uns ein Autofahrer samt der Fahrräder hinüber kutschierte, denn für Fahrräder ist die Brücke gesperrt. Ohne die Mitnahme in einem Auto hätten wir uns in Posadas um einen Bustransfer kümmern müssen.

Die ungeplante Verzögerung bei der Überfahrt brachte allerdings unseren Tagesplan etwas durcheinander. Ursprünglich wollten wir Posadas direkt über die RN12 verlassen und Richtung Yacyreta weiterfahren. Doch dazu war es jetzt schon zu spät, denn da würden wir auf halber Strecke in die Dunkelheit geraten. So verschoben wir die Weiterfahrt auf morgen und fuhren zu den Bomberos in der Hoffnung auf einen Schlafplatz. Die Station der Bomberos entpuppte sich als kleine Holzbaracke ohne Fahrzeuge, keine 50 m² groß. Natürlich hatten die auch keinen Platz für 2 Reiseradler, so leid es ihnen auch tat. So empfahlen sie uns weiter an die nahegelegene Kirche.

Dort suchten wir vergeblich nach dem Padre, wurden aber von einer Gruppe von Gläubigen spontan auf einen kleinen Imbiss in die Kirche eingeladen. Sie feierten einen Gedenktag und hatten ein kleines Buffet mit hausgemachten Spezialitäten aufgebaut. Natürlich war unsere Reisegeschichte dabei wieder sehr begehrt. Sie integrierten uns dann auch in eine Verlosung in der Gruppe und Annett zog promt eine Marien-Statue als Gewinn. Für eine Übernachung gab es allerdings kein grünes Licht vom Padre, sondern lediglich den Tipp, im Krankenhaus 2 km weiter anzufragen. Dort müsste es klappen.

Mittlerweile hatte der angekündigte Regen eingesetzt und so fuhren wir durch die ungemütliche Nacht zum Hospital. Hoffentlich klappt es jetzt im Hospital, denn der Zeltaufbau bei Regen und Dunkelheit macht nicht wirklich Spaß.

Dort durchliefen wir 3 Instanzen und nach einer halben Stunde gab es eine Zusage. Wir hatten einen Schlafplatz im Gebäude und waren sehr erleichtert. Jetzt konnte es die Nacht durchregnen.

Mittwoch, 25.07.18

Unser Tag begann mit Radeln im Regen, wobei der Regen weniger störte, als der heftige, kalte Gegenwind. Dazu kamen die vielen Höhenmeter dieser Landschaft. Das war auf Dauer sehr unangenehm und zehrte an den Kräften. Es war jetzt durch die vernebelte Sicht auch noch ein Stück gefährlicher auf der Straße. Es gab, wie fast immer, keinen Seitenstreifen und die Fahrbahn hatte in beiden Richtungen nur eine Spur. Vor allem die LKW´s und Busse machten uns da wieder Sorgen, zwangen sie uns doch fast immer per Hupe auf den unbefestigten Straßenrand. Bremsen für Radler kam gar nicht in Frage.

Bis zur nächsten Stadt waren es 65 km. Das kann ja heiter werden, dachte ich bei mir. Ich hob wieder bei jedem überholenden Pickup den Arm, machte mir aber wenig Hoffnung auf Erfolg. Doch dann, nach 15 km, hielt doch ein Pickup und nahm uns mit. Wir waren erleichtert.

Zufällig fuhr er bis Ituzaingó, wo wir wegen dem Regen die Fahrt für heute auch gleich beenden wollten. Bei den Bomberos sollten wir allerdings erst einmal abwarten. Der Kommandant käme um 19 Uhr und der entscheidet, ob wir über Nacht bleiben könnten.

Kein Problem. Wir vertrieben uns die Zeit bis dahin in dem Städtchen und fuhren dann in der Dunkelheit ziemlich unterkühlt zu den Bomberos zuruck. Der Kommandant sprach etwas deutsch und wir bekamen ohne zu zögern sein O.K.. Unser Schlafplatz war im Außengelände unter dem Blechdach zwischen den Fahrzeugen. Na, wenn uns das mal nicht zu kalt und feucht wird in der Nacht.

Donnerstag, 26.07.18

Endlich kam mal wieder die Sonne hervor, wenn auch nur zeitweise. Aber das hob sofort die Stimmung. Unsere Schlafsäcke waren nicht so feucht, wie wir es befürchtet hatten. Wir waren zeitig wieder auf der Straße und radelten weiter Richtung Corrientes. Den ganzen Weg radeln wollten wir allerdings nicht. Dafür war uns die Straße immer noch viel zu gefährlich.

Also positionierten wir uns nach den ersten 30 km direkt hinter einer Straßenkontrolle. Hier mussten sie alle anhalten. Das gab uns die Chance, die Fahrer direkt anzusprechen. Trotzdem dauerte es dann immer noch 2 Stunden, bis sich ein Pickup fand, der uns mitnahm. Die Beamten von der Straßenkontrolle wollten uns zwar bei der Suche unterstützen, doch letztendlich hatte ich die Sache dann doch selber klar gemacht.

Tatsächlich hatten wir auch gleich einen Treffer: unser Fahrer musste bis nach Corrientes fahren. Das ersparte uns ganze 200 km gefährliche Straße ohne Seitenstreifen. In Corrientes wollten wir für die Übernachtung einen Warmshowers-Kollegen aufsuchen, den wir schon vor Tagen kontaktiert hatten. Doch zufällig war es ausgerechnet heute ungünstig. So fiel der Kontakt aus. Auf Couchsurfing kurzfristig zu suchen, machte wenig Sinn und die Bomberos waren 16 bzw. 19 km weit entfernt und lagen abseits der Hauptstraße in kleinen Vororten. Das wollten wir uns nicht antun. Damit hatte sich Corrientes erledigt.

Also kontaktierte ich die Warmshowers-Kollegen in der nächsten Stadt, Resistencia. Die liegt ja nur einige km entfernt auf der anderen Seite des Rio Paraná. Bis ich da alles per WhatsApp geklärt hatte, war es dunkel, aber wir hatten eine Bleibe.

Wir fuhren durch die nasskalte Abendluft und den dichten Feierabendverkehr und kamen bis zur Brückenauffahrt. Dann hielt uns die Gendarmerie an. Jetzt kommt betsimmt die Ansage „diese Brücke ist für Fahrräder gesperrt!“, dachten wir bei uns.

Doch tatsächlich wollten die 3 Beamten lediglich alles über unsere Reise wissen. Sie waren begeistert und wünschten uns dann noch viel Erfolg. Ach ja: und aufpassen sollten wir. Der Verkehr wäre nämlich sehr gefährlich hier in Argentinien. Wir bedankten uns herzlich und mussten schmunzeln.

Es waren dann tatsächlich noch 19 km zu fahren in der Dunkelheit. Die Fahrt über die Brücke war dabei sehr gefährlich. Die beiden Fahrbahnen sind viel zu schmal und es fließt ununterbrochen Verkehr in beiden Richtungen. Irgendwann ergab sich dann durch eine Lücke in der seitlichen Leitplanke die Gelegenheit, auf den Seitenstreifen zu flüchten. Annett atmete auf.

Wir fanden die Adresse und bekamen gleich das Angebot, so lange zu bleiben, wie wir wollten. Unsere Bleibe war ein altes Haus, an dem gerade eine Grundsanierung stattfand. Unser Schlafraum war im 2. Stock; Wasser und Toilette gab es nur im Erdgeschoss in einem Raum ohne Fenster und ohne Licht. Es zog stets ein kalter Wind durchs Haus, weil in fast allen Räumen die alten Fenster entfernt, die neuen aber noch nicht eingebaut waren. Aber wir hatten dort einen Gaskocher, Licht und Strom in unserem Raum und einen kleinen mobilen Heizstrahler, der zumindest optisch einen wärmenden Eindruck vermittelte. Um die unangenehm nass-kalten Tage zu überbrücken, war es ausreichend.

Freitag, 27.07.18 – Freitag, 12.10.18

Es dauerte seine Zeit, bis wir uns im Haus so organisiert hatten, dass nicht alles mit Baustaub in Kontakt kam. Doch schon nach dem ersten Ausflugstag war uns klar, dass wir uns richtig entschieden hatten, hier in der Stadt für einige Tage zu bleiben:

Resistencia ist ein einziges Kulturzentrum, ein Freilichtmuseum. Es steht an fast jeder Kreuzung eine Skulptur. Nachdem wir den Central Plaza im Nordwesten der Stadt besucht hatten, war uns auch klar, woher all diese Skulpturen stammen.

Seit 1998 veranstaltet man an diesem Platz mit der Biennale einen regelmäßigen Kunstwettbewerb, auf dem namhafte Künstler aus aller Welt vor den Augen der Öffentlichkeit zeigen, was sie können. Die Veranstaltung steht auch unter der Aufsicht der UNESCO. Nach Ende einer jeden Biennale platzieren sie die erschaffenen Kunstwerke dann an passenden Stellen in der Stadt. Somit wuchs die ganze Stadt über die letzten 20 Jahre zu einem Freilicht-Museum. Man nennt Resistencia hier daher auch „die Stadt der Skulpturen“. Es gibt mittlerweile mehr als 600 Skulpturen hier zu entdecken.

Im krassen Gegensatz zum kulturellen Wert der Stadt steht der Zustand der meisten Straßen. Alte Betonplatten mit Kratern und mehreren cm Versatz an den Übergängen machen das Radeln hier sehr unangenehm. Am schlimmsten sind die Haupt-Verkehrsadern betroffen.

Geschockt hatte uns über die Tage die Meldung in den Nachrichten, dass am 29.07.18 auf dem Pamir-Highway in Tadschikistan ein Anschlag von IS-Sympathisanten für 4 Reiseradler tödlich endete. Wir waren im Sommer 2016 ebenfalls auf dieser Straße mit unseren Fahrrädern unterwegs.

Bei unserer Gastfamilie im Haus nebenan waren wir mehrfach eingeladen, unter anderem zu einem Asado und zum Geburtstag der Großmutter mit ihren stolzen 93 Jahren. Auch hier bestätigten uns die Einheimischen, dass es in diesem Winter ungewöhnlich kalt sei. Bis zu 3 °C hatten sie gemessen. Da waren wir froh, über die kalten Tage hier ausharren zu können. Zu tun hatten wir genug. Es gab sogar WiFi im Haus, obwohl die Verbindung wegen der Entfernung zum Router immer ein Lotteriespiel war: an 2 Tagen lief so gut wie gar nichts, an anderen Tagen wechselten die On- und Offline-Phasen regelmäßig ab. Sehr abenteuerlich.

Wie gefährlich das Radeln auch hier in der Stadt ist, erfuhr Annett gleich beim Einkauf: direkt an der ersten Kreuzung wurde sie Zeuge eines Unfalls zwischen einem Auto und einem Motorroller-Fahrer. Unsere Gastgeber erzählten uns dann später, wieviele Menschen auf dieser Straße jährlich sterben. Es ist erschreckend und gilt nicht nur für Argentinien Nordwest.

Irgenwann kamen wir während unseres Aufenthaltes in Kontakt mit der Nachbarin auf der anderen Seite des gemeinsamen Gartens und prompt wurden wir von ihr eingeladen auf ein gemeinsames Dinner mit ein paar weiteren Freunden. An diesem Abend lud auch sie uns ein, einige Tage in ihrem Haus zu bleiben. Was wir dann auch kurze Zeit später in die Tat umsetzten, um die Arbeiter bei der Renovierung in unserer bisherigen Bleibe nicht noch in irgendeiner Form zu behindern.

Nach dem Umzug bekamen wir auch hier WiFi angeboten, doch tatsächlich funktionierte da nichts. Egal. Wir konnten auch ohne Internet weiter arbeiten. Doch das ließ unserer Gastgeberin keine Ruhe. Sie kontaktierte ihre Freundin ein Haus weiter und organisierte eine Internet-Verbindung für sich und uns über die Freundin. Allerdings war die Verbindung nur nutzbar, wenn man vor dem Haus saß. Bis wir dort mit provisorischen Mitteln eine Art Arbeitsplatz aufgebaut und eine 10 m lange Stromverbindung aus der gegenüber liegenden Kfz-Werkstatt gelegt hatten, waren anderhalb Stunden vergangen. Dabei war das gesamte Konstrukt sehr abenteuerlich: sobald ich den „Schreibtisch“ verließ, turnten 2 Katzen auf dem Tisch herum und alles drohte einzustürzen.

Ich wollte die Aktion immer wieder abbrechen, weil unser Warmshowers-Kontakt uns ja weiterhin sein WiFi angeboten hatte in dem Baustellenhaus, doch das wollte unsere Gastgeberin auf keinen Fall zulassen. Eine Frage der Ehre. Ok.

Als ich dann endlich meine Arbeit am Rechner fortsetzen wollte, kam der Vermieter vorbei und erfuhr von der fehlerhaften Internet-Verbindung. Er verschwand sofort für ein paar Minuten und kam mit der Botschaft zurück, dass alles wieder funktionieren würde. Internet funktionierte wohl wieder. Wie schön!

Also bauten wir alles wieder ab ich verschwand im Haus zum Arbeiten. Internet war jetzt tatsächlich verfügbar. Mich störte lediglich, dass in regelmäßigen Abständen kleine weiße Flocken auf mich niederschwebten. Der Putz an der Decke über mir war ziemlich porös und sanierungsfällig. So löste sich mit jedem Windzug immer ein kleines bisschen von der Deckensubstanz und rieselte herunter. Da hoffte ich mal, dass nicht auch größere Brocken herunter fallen würden, … (was dann einige Tage später tatsächlich über Nacht in der Küche passierte).

In diesem Haus gab es sogar eine warme Dusche. Das war sehr angenehm nach den letzten Wochen. Aber auch diese Dusche hatte wieder eine Besonderheit: man musste zuerst den Wasserhahn aufdrehen, dann auf dem Rand der Badewanne emporklettern und am Brausenkopf die Stromzufuhr einschalten. In eingeschaltetem Zustand stand das Wasserleitungssystem an der Dusche samt der Armaturen dann unter Strom und durfte auf keinen Fall berührt werden. Es waren zwar „nur“ 110 Volt, aber wäre halt nicht so angenehm. Ist schon abenteuerlich, mit welchen Zuständen man sich hier arrangiert.

Eine weitere abenteuerliche Geschichte entwickelte sich aus der Ankunft des Bruders am 2. Tag mitten in der Nacht. Er bewohnte in dem gemeinsamen Haus ein Zimmer und hatte nun den Schlüssel für sein Zimmer bei der Lebensgefährtin am anderen Ende der Stadt vergessen. So versuchte er, über das Oberfenster im Türrahmen seiner Zimmertüre einzusteigen. Das hatte er wohl vor Jahren schon einmal gemacht. Ich sah mich sofort moralisch verpflichtet, ihm bei der Aktion zu helfen, wenngleich sein Behelf auf 2 wackeligen Barhockern, einem ausgeleierten Brett und 2 leeren Farbeimern keinen sicheren Stand in 1,5 m Höhe gewährleistete. Nach einer Stunde Kampf gegen physikalische Gesetze und einem Fehlversuch mit Sturz gelang es dann doch. Er konnte die Türe von innen öffnen und gemeinsam hatten wir nicht allzuviel Blut verloren bei der Aktion. Ein paar Schrammen, ein Bruch in des Bruders Handy-Display und einen gehörigen Muskelkater am folgenden Tag, … mehr war es nicht.

Geld abheben am ATM war ebenfalls wieder abenteuerlich: an der ersten Bank musste ich nach 2 vergeblichen Versuchen abbrechen, an der nächsten Bank waren mir die Gebühren in Höhe von 307 Peso (= 9 Euro) bei max. 3000 Peso Abhebebetrag viel zu hoch und an der dritten Bank gab ich dann entnervt auf. Die 307 Peso schienen ein obligatorischer Festbetrag in Resistencia zu sein.

Wieder daheim, prüfte ich in unserem Bank-Account direkt den Stand der Abbuchungen. Man ist ja nie sicher, ob bei dem Abbruch einer Transaktion nicht doch eine Abbuchung auf dem Karten-Konto verbucht wird. Da traf mich der Schlag: über meine Kreditkarte wurden in den letzten Tagen mehrere Abbuchungen an irgendwelche Shops in München vorgenommen. Aber nicht von mir. Ich war Opfer eines Kreditkartenmissbrauchs geworden. Unsere Kreditkarte war gehackt worden.

Ich ließ die Karte sofort sperren und reklamierte alle fremden Abbuchungen in der Hoffnung, dass sich der finanzielle Schaden so begrenzen oder sogar eliminieren ließe. Wir hatten zwar noch eine zweite Kreditkarte dabei, aber deren Aktivierung erforderte nun erst einmal etwas Arbeit. Insgeheim hatte wir ja gehofft, sie nie einsetzen zu müssen. Doch das entpuppte sich nun als irrealer Wunschglaube.

Eine neue Kreditkarte musste ich natürlich auch unverzüglich bestellen und nach Argentinien Nordwest senden lassen. Wir suchten per Warmshowers eine Adresse unseres Vertrauens in der Stadt Salta, die wir in einigen Tagen ansteuern würden. Doch alle 8 Anfragen liefen ins Leere. Es waren alles verwaiste Accounts. Folglich blieb nur die Alternative, uns die Kreditkarte hier nach Resistencia senden zu lassen.

Meine Anfrage bezüglich der zu erwartenden Lieferzeit auf dem Postweg interpretierte unsere Online-Bank dann direkt als Aufforderung, uns die neue Kreditkarte ungefragt per Kurierdienst zu senden, was dann auch prompt mit 40 € Versandkosten zu unseren Lasten ging.

Immer wieder entpuppen sich diese Nebenkosten als die eigentlichen Preistreiber auf unserer Langzeitreise: Mehrkosten beim Paketversand, überzogene Gebühren bei der Bargeldbeschaffung, Preisaufschläge bei importierten Fahrrad-Ersatzteilen oder der Ersatz gestohlener Ausrüstung. Damit werden selbst preiswertere Reiseziele plötzlich zu teuren Ländern.
Die Geldbeschaffung mit unserer zweiten Kreditkarte klappte zwar, aber es blieb weiter abenteuerlich: in der Regel benötigt man 2-3 verschiedene ATMs und Versuche, bis eine Auszahlung erfolgreich klappt. Wenigstens fand ich eine Bank mit geringeren Gebühren: 228 Peso statt 307. Das waren immerhin 2 € Unterschied. Dafür nahm ich sogar eine Warteschlange vor dem ATM-Raum in Kauf. Zu jeder Tageszeit standen hier (bei der Banco Nacion Argentina) mindestens 15 Personen an. Wenn von den 5 ATMs eben lediglich 2 oder 3 sauber funktionieren, kann das schon mal länger dauern. Auch als ich es einmal früh morgens um 7 Uhr in der Hoffnung auf weniger Wartezeit versuchte, lief es nicht erfolgreich. Da waren tatsächlich noch sämtliche ATMs außer Betrieb. Warum auch immer. Die Einheimischen waren darüber ebenso frustriert wie ich.

Über all die Tage wechselte öfters die Außentemperatur zwischen ungemütlichen 10 °C und 33 °C. Dabei verlief der Sprung von warm zu kalt und umgekehrt stets wieder extrem kurzfristig und schroff, so wie schon über die letzen beiden Monate. Natürlich gab es in keinem der Häuser hier eine Heizung, geschweige denn Wärmedämmung an den Wänden. Auch die Fenster schlossen nicht richtig. So zog die Kälte auch immer direkt in die Räumlichkeiten.

Unglücklicherweise war der einzige Platz, an dem ich halbwegs bequem sitzen und am Rechner arbeiten konnte, auch noch im Durchzug (der „Windchill“ lässt grüßen).

Unser Aufenthalt in der Stadt war auch eine gute Gelegenheit für eine anstehende Kontroll-Untersuchung von Annetts Schilddrüse im Krankenhaus. Dabei war sie sehr froh, sich frühmorgens nicht in die Schlange hinter den grob geschätzt 100 Personen einreihen zu müssen, denn sie wurde stattdessen am Empfang gleich durchgereicht zur Fachabteilung. Die Menschen vor dem Krankenhaus hatten Schlafdecken, Klappstühle und Kühltaschen unter dem Arm. Sie hatten schon vor dem Krankenhaus übernachtet, um sich einen frühen Termin zu sichern. So ist das an vielen Orten in Argentinien: es gibt endlose Warteschlangen. Zu jeder Tageszeit. Nicht nur an Krankenhäusern, sondern eigentlich an den meisten öffentlichen Einrichtungen.

In der Küche des Hauses zauberte Annett über die Tage so einige Spezialitäten: Quarkkuchen, brasilianischen Maiskuchen, Fladenbrot, Chipas, Streuselkuchen, Milanesa, Erdnusskekse, Pfannkuchen, ja sogar selbst angesetztes Sauerkraut war dabei. Unsere Gastgeberin buk dann ebenfalls einen Kuchen, der bei mir allerdings Herzrasen und Schwindel erzeugte: unter den Zutaten war auch Marihuana. Ups! Für mich wohl zuviel.

Wir konnten sehr viele Dinge erledigen während unseres Aufenthaltes in Resistencia, doch so langsam schmolz auch unaufhaltsam unser 90-Tage-Zeitfenster dahin. Als dann auch das Klima deutlich wärmer wurde, änderten wir unseren Plan für die kommenden Monate: den Abstecher nach Salta und die Salina Grande in Argentinien Nordwest verschoben wir auf März/April 2019. Stattdessen würden wir in den kommenden Tagen auf dem direkten Weg Richtung Patagonien aufbrechen, um möglichst nicht zu spät in die südlichen, kalten, stürmischen Regionen vorzudringen.

Allerdings würden wir bis zum Erreichen der Grenze nach Chile im Bereich Puerto Montt länger benötigen, als wir laut Passstempel noch an Tagen hätten.

Zum Glück fiel mir dann wieder ein, dass es in Argentinien ja möglich ist, seinen Aufenthalt um weitere 90 Tage zu verlängern. Alternativ müssten wir sonst einen 350 km – Abstecher nach Acuncion in Paraguay machen und am nächsten Tag wieder nach Argentinien einreisen mit frischen 90 Tagen im Pass. Eine Konsultation im Office of Imigration in Corrientes brachte uns dann auch Klarheit über die Regeln: ab dem 18.10. könnten wir die Verlängerung in jedem Office of Migration beantragen. Ein Blick auf deren Website und es war klar, wo wir am 18.10. eintreffen müssten: in der Stadt Tucuman. Das waren 630 km Weg. Beunruhigend war dabei nur, dass uns ein Freund in Paraguay vor einigen Wochen vor genau dieser Stadt gewarnt hatte: zu gefährlich für uns Touristen mit Fahrrad und Zelt.

Gerade, als wir beschlossen hatten, an welchem der nächsten Tage wir aufbrechen würden, brach mir auf einem Weisheitszahn die Füllung heraus. Das war jetzt ganz dumm gelaufen. Folglich stand erst ein Besuch beim Zahnarzt an, bevor wir die Stadt verlassen, denn mit einer offenen Baustelle im Gebiss weiterzufahren, war mir zu heikel.

Auf die Empfehlung unserer Gastgeber fuhr ich früh morgens um 6 Uhr in die Zahnklinik, in der Hoffnung, einer der ersten zu sein in der Warteschlange. Doch das war ein Schuss in den Ofen: die Schlange vor mir zählte 50 Personen. Am Schalter gab es dann lediglich eine Nummer für die Festlegung der Behandlungs-Reihenfolge. Ich suchte vergeblich nach einem Menschen, der der englischen Sprache mächtig sei, doch auch das verlief erfolglos. Irgendwie fand ich dann heraus, dass ich mich auch schon um 5 Uhr anstellen könnte. Dann wäre die Schlange vor mir wohl kürzer.

Also fuhr ich wieder heim und versuchte am folgenden Tag um 5 Uhr mein Glück. In der Heimat unvorstellbar: man muss hier in Argentinien um 4 Uhr aufstehen, um beim Zahnarzt nicht einen ganzen Tag mit Warten zu verbringen.

Als ich dann endlich meine Nummer hatte, begann das Warten vor dem Behandlungsraum. Doch nach nur einer Stunde war der Zahnarzt dann eingetroffen und meine Behandlung begann. Ich war tatsächlich der erste in der Warteschlange vor dem betreffenden Behandlungsraum. Es ist ein schwieriger Zahn und eine aufwändige Füllung, soviel wusste ich von all den Behandlungen in der Heimat noch. Aber was ich hier erleben sollte, war tatsächlich jenseits von meiner Vorstellungskraft:

nach dem Entfernen der Überreste der alten Füllung (das dachte ich zumindest) erhielt ich eine neue Füllung. Kurz vor Abschluss brach das frisch gesetzte Material offensichtlich wieder heraus. Warum, blieb mir verborgen.

2. Versuch: diesmal versuchte es die Ärztin mit einer Kunststofffüllung. Wird in einem Backenzahn nicht sehr lange halten, das war mir schon klar. Natürlich stand von der Füllung am Ende noch zuviel über und so musste die Ärztin schleifen. Und auch diesmal brach die frisch gesetzte Füllung direkt wieder heraus. Vielleicht lag es ja an dem zu groben Schrupp-Bohrer oder der viel zu geringen Drehzahl der Welle. Jedenfall begann die Prozedur aufs Neue.

3. Versuch: diesmal verkniff ich es mir, am Ende noch von überstehendem Material zu sprechen, in der Sorge, noch einen weiteren Fehlschlag damit zu provozieren. Das wird sich schon von alleine abreiben beim Kauen, so dachte ich bei mir.

Ich bedankte mich herzlich und sah in den Augen der Ärtzin eine gewisse Erleichterung. Sie war froh, dass es nicht noch einen 4. Versuch erforderte.

Samstag, 13.10.18

Nach einer tatsächlich sehr langen Reise-Auszeit verließen wir heute Resistencia und fuhren weiter Richtung Tucuman. Dort wollten wir uns in ein paar Tagen im Office of Migration den Stempel für weitere 90 Tage Aufenthalt abholen.

Unglücklicherweise regnete es heute vormittag, sodass wir einige Stunden später als geplant abfuhren. Als dann nach einigen km auch der Seitenstreifen abrupt endete, versuchten wir uns wieder mit Trampen. Das war eindeutig sicherer.

Wie gewohnt, benötigte es einiges an Durchhaltevermögen, aber letztendlich klappte es dann doch noch. So erreichten wir bei Dunkelheit unser Tagesziel Machagai und landeten wie geplant bei unserem Warmshowers-Kontakt.

Mit tiefer Betroffenheit nahmen wir dann aus den Nachrichten zur Kenntnis, dass sich auf der indonesischen Insel Sumatra gerade eine Naturkatastrophe ereignet hatte: Erdrutsche nach heftigen Regenfällen hatten große Zerstörung verursacht und mindestens 22 Menschen in den Tod gerissen. Ein Jahr zuvor waren wir dort noch mit unseren Fahrrädern unterwegs. Das hätte uns auch erwischen können, ähnlich wie die tödliche Messerattacke auf dem Pamir-Highway vor einigen Wochen.

Sonntag, 14.10.18 – Dienstag, 16.10.18

Ursprünglich hatten wir geplant, heute direkt weiterzufahren, doch das erschien für unseren Gastgeber fast unüblich und es gab auch schon Programm für den heutigen Tag: mittags ein Asado im Kreis der Familie (so ist das an Sonntagen in Argentinien) und danach ein Ausflug zu einer Familie aus Deutschland, die unweit auf dem Land lebte. So war schnell beschlossen, noch einen Tag zu bleiben.

Alleine die Autofahrt auf der buckeligen Lehmpiste bis zu dem Gehöft war schon ein Abenteuer für sich: 40 km durch die weite Prärie von Chaco. Zu beiden Seiten der Piste immer wieder Rinderherden, Pferde und viele Palmen. Da fehlten nur noch die Gauchos.

Am Montag war großer Feiertag hier in Argentinien: Kolumbus-Tag. Man feiert die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus (auch wenn der tatsächliche Anlass auf den 12.10. (1492) fiel. Aber am Freitag (dem 12.10.) hätte das Volk nur einen halben Tag frei gehabt; daher wird am nächsten vollen Arbeitstag „nachgefeiert“.

Auch für diesen Tag gab es Programm: ein weiterer Nachbar mit deutschen Wurzeln kam zu Besuch. So fuhren wir letztendlich erst am Dienstag weiter.

Die Sonne brannte an diesem Tag unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel und über den Tag wurde es tatsächlich 37 °C heiß. So kämpften wir uns durch die Hitze und kamen am Ende des Tages mit unserer Mischung aus Radeln und Trampen auf volle 200 km Strecke. Das war gut. Denn in 2 Tagen mussten wir in Tucuman eintreffen und uns um die Verlängerung unserer Aufenthaltsgenehmigung kümmern. So waren es jetzt nur noch 430 km.

Mit der letzten Mitfahrgelegenheit fuhren wir in die abendliche Dunkelheit. Das ist immer etwas heikel, wenn am Zielort nicht eine Übernachtung fest organisiert ist. Definitiv gab es dort keine Station der Bomberos, soviel war klar. Damit sollte die Suche nach einem Schlafplatz etwas schwieriger werden.

Doch unser Fahrer wollte uns bei der Suche helfen und lotste uns zunächst zur Kirche, aber die war geschlossen. Danach ging es zur Polizei. Nach 3 Telefonaten kam zwar keine Zusage von der Polizei, aber sie hatten uns in einem der kleinen Hotels in der Stadt ein Zimmer organisiert. So fuhren wir dann mit Polizei-Escorte zum Hotel, durften die Hotelküche nutzen, hatten ein Bett mit Dusche, ja sogar WiFi. Eine halbe Stunde zuvor sahen wir uns noch in Gedanken am Stadtrand das Zelt aufbauen. So schnell ändert sich alles.

Mittwoch, 17.10.18

Der Tag begann mit viel Sonne und gnadenloser Hitze. So strampelten wir auf der endlos erscheinenden Straße durch die monotone Steppe so vor uns hin. Das einzige, was uns immer wieder ablenkte, waren unzählige Riesen-Heuschrecken, die wie kleine Vögel an uns vorbei schwirrten. Sie messen hier tatsächlich 10 cm und mehr. Sehr bemerkenswert.

Irgendwann war uns die Hitze zuviel und so trampten wir uns durch den Rest des Tages. Was erstaunlich reibungslos funktionierte und uns bis zum Einbruch der Dunkelheit tatsächlich bis nach Tucuman brachte. So hatten wir heute 430 km Strecke geschafft. Landschaftlich hatten wir nichts verpasst auf der gesamten Strecke: flache monotone Steppe, sonst nichts.

Unseren Warmshowers-Kontakt in Tucuman zu finden, war nicht sonderlich schwer. Dort gab es dann gleich einen Empfang mit eiskaltem Bier. Das entschädigte sofort für die gnadenlose Hitze des Tages. Wir spendierten dazu eine Runde Empanadas vom Imbiss an der Ecke.

Donnerstag, 18.10.18

Wir suchten direkt das Migrations-Büro in der Stadt auf und beantragten, wie geplant, weitere 90 Tage Aufenthalt in Argentinien. Kein Problem, sagten sie, und da atmeten wir erst einmal auf. Es hätte ja auch schief gehen können, denn man hat schließlich keinen Anspruch auf diese Verlängerung.

Doch dann präsentierten sie uns die Rechnung: 1500 Peso pro Person sollte die Verlängerung kosten. Damit hatten wir nicht gerechnet. Dazu hatte ich auch nirgendwo im Netz etwas gefunden. Wir überlegten kurz, ob nicht doch besser die Ausreise über die bolivianische Grenze und eine Wieder-Einreise am folgenden Tag sinnvoller wäre. Diese Variante ist kostenfrei. Doch da erschienen uns die umgerechnet 75 Euro deutlich weniger stressig. Also sagten wir zu.

Dann mussten wir warten, bis unsere Papiere fertig waren. Während der Bearbeitung präsentierten sie uns dann mit einer Entschuldigung eine noch höhere Rechnung: jetzt sollten wir plötzlich 2700 Peso pro Person zahlen. Das waren 135 Euro für uns beide zusammen. Jetzt reichte es mir. Ich stornierte unseren Antrag und wir beschlossen, noch heute die Stadt Richtung bolivianische Grenze zu verlassen. Wir hatten jetzt noch 4 Tage Zeit. Das erschien per Fahrrad unmöglich, waren es doch über 600 km Strecke bis nach La Quiaca im Norden. Noch dazu liegt der Grenzposten auf 3500 m Höhe.

Ich war sehr in Sorge, dass wir es auch mit Trampen nicht in 4 Tagen schaffen würden. Der daraus resultierende Ablauf unserer 90 Tage vor Erreichen der bolivianischen Grenze wäre im Hinblick auf die Kosten der Supergau. Jeder Tag kostet danach mehr als 135 Euro. Das hatten uns die Beamtern in der Migrationsstelle schon gesteckt.

Wir rannten zurück zu unserer Bleibe, packten und verabschiedeten uns noch in derselben Stunde von unserem Gastgeber. Ursprünglich wollten wir einige Tage hier bleiben, doch das hatte sich jetzt zerschlagen.

Wir fuhren aus der Stadt und setzten aufs Trampen. Doch schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass wir hier am Stadtrand an der Schnellstraße keinen Erfolg haben würden. Wir fragten nach einer Tankstelle auf unserem Weg, wo viele LKW-Fahrer verkehren. Da könnte es mit dem Trampen vielleicht besser klappen. Die empfohlene Tankstelle 5 km weiter erwies sich zwar im Hinblick auf LKWs als Flopp, doch ich konnte hier per WiFi die Telefonnummer der Migrationsstelle in der nächstliegenden Stadt La Rioja abgreifen und die dortigen Gebühren für weitere 90 Tage erfragen. Vielleicht wollten sie uns hier in Tucuman ja mit überhöhten Gebühren übers Ohr hauen.

Doch in La Rioja galt der gleiche Tarif: 5400 Peso Gesamtgebühr. Damit fiel auch die Alternative, in einer anderen Stadt die Verlängerung zu beantragen, endglütig aus.

Vor der Weiterfahrt fragte ich an der Tankstelle noch einen tankenden Pickup-Fahrer, rechnete aber gleich mit einer Absage. Doch weit verschätzt: er fuhr in unsere Richtung und nahm uns mit bis nach San Salvador de Jujuy. Das waren ganze 300 km. Während der Fahrt brachte er zudem eine andere interessante Weg-Variante ins Spiel: warum nicht Yacuiba als Grenzübergang? Der Weg wäre ohne Gebirge und eher die Standardstrecke für LKWs. La Quiaca liegt dagegen auf über 3000 m Höhe und wir würden dort Schwierigkeiten haben mit dem Trampen. Danke schön. Diese Variante hatte ich gar nicht auf dem Schirm.

Wir bedankten uns und fuhren nach dem Abschied ca. 15 km bis an die nächste Kreuzung, wo wir uns erneut aufstellten. Etwas Sorge machten uns die dunklen Gewitterwolken, die allmählich immer näher kamen. Heftiger Regen würde unsere Tramp-Aktion deutlich schwerer gestalten.

Tatsächlich hielt nach einer halben Stunde ein Pickup. Der Fahrer, ein Bolivianer, verstand sofort unser Anliegen und signalisierte, dass er eine bessere Lösung kenne: der Grenzübergang Bermejo. Das wäre kürzer und es lag zufällig auf seiner Strecke. So fuhr er uns bis 5 km vor die Grenze und half uns bei den Bomberos im Grenzort sogar noch bei unserer Anfrage für eine Übernachtung.

Dabei hatten wir ausgesprochenes Glück, dass wir hier bleiben konnten, denn keine 10 min nach unserer Ankunft brach der große Regen mit Blitz und Donner los. Da wären wir mit unserem Zelt ganz schön nass geworden.

Freitag, 19.10.18

Es hatte die ganze Nacht gewittert, begleitet durch Starkregen. Morgens standen 2 unserer Packtaschen in einer größeren Pfütze. Da hatte es wohl irgendwo durch das Wellblechdach geregnet. Zum Glück standen unsere „offenen“ Packtaschen wohl an der richtigen Stelle. Sonst hätte es die Taschen über Nacht geflutet.

Wir packten zügig und fuhren an die Grenze. Leider hatte es sich so richtig eingeregnet. So mussten wir in dieser tropischen Hitze mit Regenkleidung fahren. Nicht sehr angenehm. Aber die meisten Straßen waren asphaltiert. Das war ja auch schon etwas.

Glücklicherweise befanden sich beide Grenzposten in ein und demselben Gebäude. Keine x km Niemandsland zwischen den Posten. Ausreisestempel Argentinien – Einreisestempel Bolivien – und auf der anderen Straßenseite die gleiche Prozedur: Ausreisestempel Bolivien – und weiter zum argentinischen Schalter. Nach ein paar Fragen bekam ich den Stempel in den Pass und Annett war dran. Reine Formsache, so dachten wir. Doch genau in diesem Moment fiel der Strom aus. Alles war aus. Auch der Computer, in den der Beamte gerade Annetts Daten eintippen wollte.

Der Beamte sah in unsere zerknirschten Gesichter und verstand sofort. Er lief mit dem Pass von Annett zur Chefin, und die gab den Pass an die Kollegen auf der anderen Straßenseite weiter. Aha, es geht jetzt ohne Strom weiter, dachten wir. Doch dort bremsten die vielen Stempel mit heutigem Datum sofort die Bearbeitung und jetzt durften wir erst einmal viele Fragen beantworten. Woher wir kommen, warum wir sofort wieder einreisen wollen, wo wir hinfahren, wie lange wir wo bleiben wollen, usw. Dann kam der Gruppenleiter und teilte uns noch eindringlich die geltenden Regeln mit: max. 180 Tage Aufenthalt pro Kalenderjahr seien erlaubt. Ups! Das war neu für uns. Demnach könnten wir von den 90 Tagen im Pass jetzt lediglich noch 47 Tage nutzen, denn bis heute hatten wir in 2018 schon 133 Tage Aufenthalt hinter uns. Nach einer längeren Zerreißprobe gab es dann aber doch endlich den Stempel. Wir waren durch.

Es hatte geklappt. Wir hatten unsere Aufenthaltsverlängerung, ohne 135 Euro bezahlen zu müssen. Dabei hatte die ganze Aktion weniger als einen Tag in Anspruch genommen.

Wir verpackten die Pässe und machten uns auf den Rückweg nach Tucuman. Bei strömendem Regen hält kein Fahrzeug, da waren wir uns sicher. So fuhren wir per Fahrrad und warteten geduldig das Ende der Regenphase ab.

Danach klappte es auch promt mit dem Trampen. Und es lief über den gesamten Tag unerwartet günstig für uns: mit insgesamt 4 Fahrzeugen erreichten wir in den späten Abendstunden Tucuman und fuhren wieder zu unserer Warmshowers-Bleibe von der vorletzten Nacht.

Es war unglaublich, wie glücklich die gesamte Aktion gelaufen war. Anfangs hatten wir große Sorgen, es nicht in den verbleibenden 4 Tagen bis zur Grenze zu schaffen und tatsächlich hatten wir nun nicht einmal 36 Stunden benötigt für Hin- und Rückreise samt Passformalitäten. Immerhin hatten wir in Summe 1200 km Strecke per Trampen zurück gelegt und dabei selber noch 60 km per Fahrrad beigesteuert, zum Teil bei Regen.

Lediglich die Info über eine Begrenzung auf maximal 180 Tage Aufenthalt in Argentinien wollten wir von offizieller Stelle noch bestätigen lassen. In Mendoza würden wir also das deutsche Konsulat aufsuchen und die Sache klären.

Weiter geht es in dem Bericht über „Argentinien West“ (noch in Arbeit)

Resume Argentinien Nordwest 2018

Unser 2. Aufenthalt in Argentinien über fast 90 Tage beinhaltete weniger Besichtigungsprogramm, dafür aber eine Winterpause und einen umfangreichen Frühjahrsputz auf unserem Blog. Das feucht-kalte Klima über die Wintermonate hatten wir deutlich unterschätzt. Allerdings hatten wir wohl auch einen ungewöhnlich kalten Winter erwischt laut der Einheimischen.

Spannend war in dieser Zeit lediglich unsere Aufenthaltsverlängerung per Ausreise nach Bolivien samt Wiedereinreise nach Argentinien am gleichen Tag. Das ersparte uns satte 135 € Gebühren.

Erschreckend entwickelte sich während unseres Aufenthaltes in Argentinien der Argentinische Peso: im Mai 2018 stand der Kurs bei 28 Peso pro Euro, im August 2018 waren es 45 Peso. Dabei führte ein plötzlicher Absturz im Oktober zu regelrechten Hamsterkäufen und Panik in der Bevölkerung: zeitweise waren die Regale im Supermarkt leergefegt.

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