Chile Süd 2018 – Reisebericht

Am 04.12.18 sind wir, von Argentinien kommend, nach Chile eingereist. Hier wollten wir einen Teil der Carretera Austral entlang fahren und das Land über Chile Chico Richtung Argentinien wieder verlassen. Unser Reisebericht:

Unsere Route in Chile Süd auf OpenStreetMap

© OpenStreetMap-Mitwirkende

Dienstag, 04.12.18

Nach dem Durchlauf der etwas umfangreichen chilenischen Grenzformalitäten (Prüfung der Eigentumsrechte an den Fahrrädern, eidesstattliche Erklärung und Lebensmittel-Einfuhrkontrolle) waren wir spätabends in Chile angekommen.

Der viele Regen und 40 km übler Schotter mit Waschbrettprofil hatten mich etwas zermürbt. So waren wir froh, ohne großen Aufwand auf einer Farm an der Straße das Zelt aufschlagen zu können.

Mittwoch, 05.12.18 – Dienstag, 11.12.18

Der Regen hatte sich verzogen und später kam sogar die Sonne durch. Was für ein Panorama hier um uns herum: die Berge der Anden mit den verschneiten Kuppen, dichte Wälder, schroffe Felswände entlang der Straße bis zu unserem ersten Ort in Chile: Futaleufu.

Der Wechsel von Argentinien nach Chile war in vielerlei Hinsicht sehr krass:

Die Straßen waren plötzlich wieder asphaltiert (auf den ersten 10 km zumindest), öffentliche Toiletten waren sauber und funktionierten, der Verkehr hielt stets großen Sicherheitsabstand zu uns beim Überholen, … all diese Dinge hatten wir in Argentinien sehr vermisst.

Unser erster Job in Futaleufu: Geld am ATM ziehen. Auch das klappte erstaunlich einfach und unkompliziert. Nach den vielen mühsamen Fehlschlägen und den überzogenen Gebühren in Argentinien eine echte Wohltat. Man könnte bis 200.000 CLP abheben und wir zahlten lediglich 4.900 CLP Gebühr. Die Auskunft am Schalter in der Bankfiliale war präzise und entsprach der Wahrheit. Kein Achselzucken oder gar Mutmaßungen.

Beim Stöbern in den wenigen Supermärkten betätigte sich schnell, was wir schon gelesen hatten: Chile ist teuer. Da waren wir froh, schon einen großen Teil unserer Vorräte für die kommenden Tage in Argentinien gekauft zu haben.

Gleich hinter Futaleufu endet der Asphalt dann aber doch wieder und es geht auf ziemlich schlechtem Schotter weiter Richtung Westen. In ca. 80 km würden wir in Villa Santa Lucia auf die Carretera Austral stoßen. Dabei enthielt die Straße kernige Anstiege. Insgesamt kamen wir auf 1200 Höhenmeter auf dieser Strecke.

War der Anstieg zu steil, rutschte ich beim Hochschieben nach hinten weg, weil ich auf dem Schotter keinen festen Tritt fand. Das war sehr unangenehm.

Doch Annett erwischte es noch heftiger: Sie stürzte in voller Fahrt im losen Schotter in gefährlicher Nähe zum angrenzenden Abhang. Zum Glück kam in diesem Moment kein Verkehr. Gore-Jacke und Hose waren zwar noch heile, doch sie hatte eine ganze Reihe Blutergüsse und Schürfwunden.

Später wurde der Schotter auf dieser Strecke dann erträglicher, es gab sogar eine 10 km lange Abfahrt.

Ein absolutes Highlight ist das Gebirgs-Panorama am Lago Yelcho: Die Szenerie am nördlichen Ufer erinnert tatsächlich an die norwegischen Fjorde: dicht bewaldet, fallen die Felswände der relativ hohen Berge hier steil ins Wasser.

Unser Video auf Youtube:    Lago Yelcho

Mit der sommerlichen Hitze belästigte uns auch gleich eine besonders nervige Spezies der Pferdefliegen: die Tabanos. Sie fliegen einem hier hemmungslos auf Mund, Nase oder Ohren und hinterlassen meist unansehnliche Flecken auf der Kleidung, wenn man sie denn erwischt, wenn sie gerade stechen wollen.

Wir bemerkten auch deutlich den Sprung in eine andere Klimazone: je weiter wir nach Westen vordrangen, desto tropischer wurde die Vegetation und desto feuchter das Klima. Hier regnen sich die Wolken vom Pazifik ab. Unsere Hände waren von einem auf den nächsten Tag nicht mehr so trocken und rissig und man benötigte nicht täglich Unmengen an Handcreme.

Am Donnerstag erreichten wir spätabends Villa Santa Lucia und somit die Carretera Austral. Wir hatten zwar von dem Erdrutsch gelesen, die im Dezember 2017 hier den nördlichen Teil des Dorfes verwüstet hatte, doch es war tatsächlich verheerend: nur ein paar einzelne Häuser standen noch, alles andere lag in Trümmern zwischen den getrockneten Schlammhalden.

Einen Wiederaufbau der verwüsteten Stadthälfte wird es wohl nicht geben. Denn Lucia, die Frau des ungeliebten ehemaligen Militär-Diktators Pinochet stand Pate für den Stadtnamen und das alleine ist für die politischen Entscheidungsträger Grund genug, alles so zu belassen, wie es ist: „zerstört“.

Zum Vergleich: Chaitén weiter im Norden wurde in 2008 durch einen Vulkanausbruch zerstört, ist aber mittlerweile wieder weitgehend aufgebaut.

Ab Villa Santa Lucia ist die Straße schon asphaltiert. Bis kurz vor Puyuhuapi, ganze 95 km. Seit einigen Jahren wird diese Schotterpiste sukzessive asphaltiert. Damit wird die Befahrung der Carretera Austral per Reiserad mit vollem Gepäck um einiges einfacher, aber man büßt gleichzeitig auch ein Stück Abenteuer-Flair ein.

Landschaftlich ist die Strecke ganz nett, vergleichbar mit einer Talstraße in den Alpen. Da hatte uns die Strecke von Trevelin bis Villa Santa Lucia deutlich besser gefallen.

Unser Video auf Youtube:    Botanik in Chile

Geschlafen haben wir immer im Zelt auf Privatgrund, nachdem wir vom Eigentümer die Erlaubnis hatten. Die Wasserversorgung unterwegs war kein Problem, es gibt genug Bäche und Häuser, an denen man fragen konnte.

Einmal haben wir aber wohl schlechtes Wasser erwischt: Sonntag hatte ich mit allen Symptomen einer Magenverstimmung zu kämpfen, am Montag war es dann auch bei Annett durchgeschlagen. Dummerweise fiel diese körperliche Beeinträchtigung gleich mit einem handfesten Regentag und einem schroffen Temperatursturz von 40 °C auf 17 °C zusammen. In Verbindung mit dem üblen Schotter vor Puyuhuapi schon eine Quälerei.

Direkt südlich von Puyuhuapi fuhren wir durch den Queulat Nationalpark und genossen den Blick auf den Hängegletscher „Ventisquero Colgante“.

„Nationalpark“ bedeutet auch gleichzeitig, dass die Suche nach einem Zeltplatz hier schwierig ist: Es gibt nirgends eine halbwegs nutzbare Fläche mit Gras oder zumindest ebenem Untergrund und erlaubt ist es offiziell auch nicht.

So dauerte es seine Zeit, bis wir doch noch einen Platz am Fluss fanden, glücklicherweise noch vor einem ziemlich mühsamen Pass, vor dem uns schon einige Reiseradler heute gewarnt hatten, die uns entgegenkamen. Allerdings benötigten wir fast unsere gesamte Kleidung zum Unterbauen der Schlafmatten, um eine halbwegs erträgliche Liegefläche zu erhalten, was uns dennoch nicht wirklich gelang.

Wegen unserer Magenverstimmung und dem vielen Regen am Folgetag blieben wir hier auch gleich eine zweite Nacht und legten einen Ruhetag ein, wenn es wegen der buckeligen Liegefläche auch eher eine Quälerei, als eine Entspannung war.

Mittwoch, 12.12.18 – Sonntag, 16.12.18

Mit Rückenschmerzen und nach 2 mehr oder weniger schlaflosen Nächten brachen wir wieder auf und schoben uns auf den folgenden 10 km relativ steil in den Berghang hinauf. 600 Höhenmeter rauf und auf der anderen Seite wieder herunter. Das Ganze bei jeweils ca. 10% Steigung/Gefälle auf teils tückischem Schotter und begleitet durch einige Regenschauer und frostigen Wind bei 13 °C auf der Passhöhe.

Es war rauf wie runter eine Tortur, aber die Landschaft entschädigte für die Strapazen: viele tosende Wasserfälle nahe der Straße, Berge zu beiden Seiten, dichter Urwald und die Bergspitzen verschwanden oft in den tiefhängenden Wolken.

Unsere Videos auf Youtube (übler Schotter):    Clip1    Clip2

Für Annett war der Pass die Schmerzgrenze, hatte sie doch immer noch mit der Magenverstimmung zu kämpfen. Doch auch meine Beine waren schwer wie Blei. Auch mir fehlte die gewohnte Kraft und die Ausdauer.

So bauten wir mit dem Donnerstag erneut einen Pausentag ein und ließen das Zelt für eine weitere Nacht an einer Farm nahe der Straße stehen. Hier wollten wir auch den großen Regen abwarten, den sie vorhergesagt hatten. Doch da tat sich bis auf ein paar kleine Schauer gar nichts. Dafür kamen am Freitag einige heftige Regenschauer bei schattigen 14 °C auf uns nieder.

Auch der Samstag begann zunächst mit Nieselregen und es blieb wechselhaft. Wir jonglierten immer um die dahin ziehenden Regenwolken herum, um möglichst wenig Wasser von oben abzubekommen. Dabei half uns der Rückenwind, schob er uns doch manchen Höhenmeter nach oben.

Wir fuhren den ganzen Tag durch ein relativ enges schluchtartiges Tal mit dichtem Urwald bis kurz vor Villa Manihuales. Sehr malerisch.

In Villa Manihuales füllten wir unsere Vorräte wieder auf. Die 4 Supermärkte machten es möglich. Für etwas Aufregung sorgte ich dann beim Einkauf selber: in einem der Supermärkte ließ ich meine Lenkertasche (mitsamt aller Wertsachen) stehen und bemerkte es erst 20 min später am unteren Ende der Stadt. Glücklicherweise stand die Tasche noch unberührt an dem Ort, wo ich sie abgestellt hatte und es fehlte tatsächlich nichts. Das hätte in einer Großstadt böse enden können. Da wäre die Tasche vielleicht weg gewesen.

Der Sonntag sollte mit Abstand der übelste Regentag hier in Chile für uns werden: Wir kämpften gegen einen derart heftigen Gegenwind, der das Radeln tatsächlich unmöglich machte. So schoben wir die Fahrräder. Dabei erwischten uns gleich auf den ersten 13 km 2 heftige Regenfronten. Unterstellen war unmöglich; es gab nichts als die Straße und dichten Urwald sowie einige stets verriegelte Gatter zu Privatwegen. Nach wenigen Minuten drang der Regen über irgendwelche undichten Stellen durch unsere Regenkleidung, so hoch war der Wasserdruck.

Wir benötigten 2 Stunden für diese 13 km. Völlig entkräftet, durchnässt und leicht unterkühlt kauerten wir uns in den ersten und einzigen Unterstand auf dieser Strecke: Eine kleine überdachte Bushaltestelle. Hier zog der Wind zwar ungehemmt durch die Seitenöffnungen, aber zumindest von oben kam kein Wasser mehr durch.

Als der gröbste Regen durch war, klarte es etwas auf und wir sahen zum ersten Mal hier in Chile Kondore. Sie schwebten weit über uns in der Luft und zogen ihre Kreise. Wenn man auch die 3-4 Meter Flügel-Spannweite aus dieser Entfernung nicht als solche erkennen kann, so bestaunt man diese Vögel trotzdem in dem Bewusstsein, dass sie zu den größten Flugtieren auf unserem Planeten gehören.

Weiter führte unser Weg auf der X-50, einer Parallelstrecke (Asphalt) zur alten Ruta 7 (Schotter). Höhenmeter halten sie beide bereit und davon nicht zu wenig. Leider blieb uns der Gegenwind über den ganzen Tag erhalten und bremste jeglichen Schwung aus einer Abfahrt sofort aus. Stellenweise mussten wir sogar bergab strampeln, um von der Stelle zu kommen. So schafften wir in Summe gerade einmal 30 km Strecke bis zur Erschöpfung und bauten schon um 16 Uhr das Zelt auf.

Montag, 17.12.18 – Freitag, 21.12.18

Endlich schien wieder die Sonne. Nach 8 Tagen mit turbulentem Wetter und viel Regen war das sehr angenehm. Ich nutzte diese „trockene“ Phase gleich, um an meinem Vorderrad einen Plattfuß zu reparieren, den ich bereits seit 4 Tagen wegen dem schlechten Wetter vor mir herschob. Es musste ein kleines Loch sein, denn es reichte, einmal täglich nachzupumpen. Tatsächlich waren es dann aber 2 Löcher im Schlauch, wie sich später herausstellte.

Unser Video auf Youtube:    Schlucht in Chile

Je näher wir der Stadt Coyhaique kamen, desto mehr Verkehr rauschte an uns vorbei. Man merkt sehr schnell, dass das nicht nur die einzige größere Stadt auf der Carretera Austral ist, sondern auch ein Touristen-Knotenpunkt sein musste. Unzählige Reisebusse bretterten an uns vorbei, insbesondere auf der Strecke zwischen Coyhaique und Puerto Aisen, dem Ort an der Küste, von dem aus man per Schiff durch die Laguna San Rafael fahren kann.

Gleichzeitig ist diese Strecke natürlich auch wieder gefährlich für uns Radler. Hier muss es viele tödliche Unfälle geben. Das bezeugen die vielen Kreuze und Gedenkstätten an der Straße.

Irgendein großes Ereignis stand wohl auch bevor, denn auf dieser Strecke waren ganze Hundertschaften damit beschäftigt, auch das letzte Unkraut aus den Ritzen in den Bordsteinkanten zu kratzen. Es wirkte sehr krass im Gegensatz zu dem fürchterlichen Zustand der Schotterpiste auf den letzten 10 km Strecke vor Coyhaique. Hier lotsen sie den Verkehr über eine Ampelanlage auf nur einer Spur durch die Landschaft, was gerade überhaupt nicht zu dem sehr hohen Verkehrsaufkommen in Stadtnähe passen will.

Uns erschien da eine zügige Asphaltierung der Engstelle weitaus wichtiger als das Aufhübschen einer belanglosen Steinkante.

Tatsächlich wird im Umkreis der Stadt auch so manches Objekt künstlich zur Sehenswürdigkeit erhoben und mit Eintrittsgeld zur Einnahmequelle ausgebaut. So z. B. ein vermeintlicher Canyon im Reserva Nacional Rio Simpson an der Ruta 240. Hier fordern sie 3000 CLP Eintritt, aber man sieht nichts, was man nicht auch an anderer Stelle abseits der Straße zu sehen bekommt, wenn man einen Blick auf den Fluss wirft. Klar, irgend jemand muss den aufwändig gestalteten Eingangsbereich und das prunkvolle Empfangsgebäude mit Nationalpark-Flair ja bezahlen.

Wir erreichten Coyhaique relativ spät am Nachmittag. Gerade noch genug Zeit, um uns eine Bleibe zu organisieren. Dabei sammelten wir aber zunächst einmal nur Fehlschläge: Die angeschriebenen Warmshowers-Kontakte erwiesen sich allesamt als Flops und die Bomberos lehnen eine Übernachtung kategorisch ab. Genau dieses Angebot machte Argentinien in unseren Augen sehr sympathisch: dort ist eine Übernachtung bei den Bomberos oft überhaupt kein Problem.

Doch dann ergab sich durch Zufall in einem kleinen Gemüsemarkt ein Gespräch zwischen der Verkäuferin und uns über unsere Radreise und unsere Zeltplatzsuche und eine andere Kundin bot uns beim Mithören spontan ihren Garten als Zeltplatz an. Wir waren erleichtert einen Platz gefunden zu haben und überrascht über die spontane Herzlichkeit, die wir bisher in Chile Süd so vermisst haben.

Letztendlich konnten wir 2 Nächte bleiben. Das gab uns den Spielraum für einen ausgedehnten Einkauf in der Stadt. Die Vorräte für die kommenden 10 Tage, Spiritus für unseren Kocher und Gummiband für die Reparatur unserer Innenzelt-Aufhängung, …. Alles Dinge, die sich nur hier in Coyhaique erledigen ließen. Denn auf den nächsten 400 km würden wir nur noch kleinste Kiosks finden bis zur argentinischen Grenze hinter Chile Chico.

So verließen wir Coyhaique am Mittwoch mit ca. 14 kg zusätzlicher Lebensmittel in den Packtaschen. Damit waren wir so schwer beladen wie selten zuvor. Aber der Mangel an Geschäften und das Preisniveau in den wenigen Ortschaften in den nächsten 14 Tagen sollte uns bestätigen, dass es die richtige Entscheidung war. Die gleichen Produkte (selbe Marke, selber Inhalt) waren 2- bis 3-mal so teuer entlang unserer Route.

Am Donnerstag bekamen wir erstmalig den gefürchteten heftigen Wind Patagoniens zu spüren. Unser Zelt stand auf 1100 m Höhe und bot leider viel Angriffsfläche. Trotz Seitenabspannung wurden wir da ganz ordentlich durchgeschüttelt. Da wuchs meine Sorge um unsere Zeltstangen deutlich.

Der Sturm verhinderte auch morgens noch sehr effektiv das ordentliche Verpacken unseres Zeltes. Noch nie zuvor hatten wir solche Mühe, das Zelt zu packen und im Zeltsack zu deponieren.

Besonders spektakulär war die Landschaft südlich von Coyhaique nicht: Das Geländeprofil war relativ flach. So konnten wir uns voll und ganz den Tabanos, den chilenischen Pferdefliegen, widmen. Die waren hier nämlich besonders lästig. Kaum blieb man für eine Weile mit dem Fahrrad stehen, kamen sie angeflogen und nervten mit ihrem dreisten Verhalten: sie fliegen einem gleich ins Gesicht, setzen sich für eine Sekunde irgendwo hin und heben schneller wieder ab, als man sie erwischen kann. Schiebt man sein Rad im Aufstieg und hat beide Hände am Lenker im Einsatz, ist das besonders gemein. Oft zwingen sie einen zum Anhalten und man kann erst wieder seine Schieberei fortsetzen, wenn man sie alle erwischt hat. Sie sind tatsächlich ähnlich nervig wie die Sandflies in Neuseeland oder die Midges in den schottischen Highlands.

Mit der Fahrt durch das Reserva Nacional Cerro Castillo gewinnt die Landschaft endlich wieder an Attraktivität, wenngleich sich das auch direkt wieder in Höhenmetern auswirkte: nach 12 km Abfahrt folgten auf 40 km satte 1100 Höhenmeter.

Samstag, 22.12.18

Der Auftakt zum Tag: 8 km Abfahrt bis nach Villa Cerro Castillo. Das Gefälle reichte gerade so aus, um ohne Pedalieren in Fahrt zu bleiben bei dem heutigen starken Gegenwind. Der einzige halbwegs windgeschützte Sitzplatz für eine Pause war wieder der halboffene Unterstand an der Bushaltestelle.

Nach ein paar Einkäufen fuhren wir weiter. Auf einer neuen Beton-Straßendecke. Das hatten wir gar nicht erwartet. Der Belag war noch sehr frisch und tatsächlich waren die Bautrupps hier noch voll zu Gange. Wir waren dankbar um jeden km ohne Schotter bei diesen Anstiegen und dem Gegenwind heute. Allerdings war nach 15 km wieder Schluss: dann hatte uns der Schotter wieder.
Mit jedem Höhenmeter eröffneten sich auch immer wieder neue Ansichten auf die Bergwelt, die uns umgab. Das entschädigte für den mühsamen Aufstieg.

Spät am Abend nutzten wir einen zufälligen Kontakt an einem Holzgatter an der Straße, um für uns einen Zeltplatz im umzäunten Gelände zu organisieren. Wasser könnten wir aus dem 300 m entfernten Bach nehmen. Was uns anfangs als glücklicher Zufall erschien, entpuppte sich im Nachhinein jedoch als staubiges Abenteuer: Der einzige halbwegs ebene Platz war sandig. Folglich blies der weiterhin heftige Wind permanent Sand durch den Bodenschlitz in unsere Apsis und zeitweise auch ins Innenzelt. Wir deponierten einige dickere Baumstämme als Windschutz um das Vorzelt, doch das halb nicht wirklich. Die Häringe beschwerten wir wieder einmal mit großen Steinen. Dann hofften wir, dass alles stehenblieb über Nacht.

Sonntag, 23.12.18

Alles im Zelt war mit einer dicken Staub- oder Sandschicht belegt. Aber das Zelt hatte standgehalten. Es wunderte uns immer wieder, welche enormen Belastungen das Außenzelt-Material aushalten muss bei diesen Windböen hier in Patagonien.

Wären wir eine Stunde früher auf der Straße gewesen, dann wäre der Schotter noch relativ „angenehm“ zu fahren gewesen. Doch kurz vor unserem Aufbruch zog eine Planierraupe an uns vorbei, die mit lautem Getöse den Belag auf der gesamten Straßenbreite aufriss und einebnete für die anstehenden Baumaßnahmen (eben der Erneuerung der Straßendecke). Und damit war die Straßendecke für uns Radler unfahrbar geworden. Uns blieb tatsächlich nur, unsere schweren Räder durch das lose Geröll zu schieben. Da hatten wir ordentlich Pech gehabt.

So boten wir über einige km ein unglaubliches Bild: Wir schoben schwer bepackte Reiseräder durch losen Schotter den Berg hinunter, wobei der Gegenwind so stark abbremste, dass wir tatsächlich hinunter „schieben“ mussten.

Landschaftlich bekamen wir dafür so einiges geboten: die Laguna Verde mit türkisfarbenem Wasser und den Blick auf eine grandiose Ebene mit riesigen Wasserflächen: das Tal des Rio Ibanez.

Im Laufe des Tages entwickelte sich der Gegenwind tatsächlich zu einem handfesten Sturm. Die Windstärke war über lange Phasen so stark, dass wir auch in der Ebene nicht mehr radeln konnten. Wir mussten schieben. Und selbst das Schieben wurde an einigen Stellen zeitweise unmöglich. Eine Schneise im Fels am Rand der Ebene wurde stets zu einem Windkanal, in dem wir oft minutenlang nur neben unseren Fahrrädern stehen bleiben konnten, beide Bremsen gezogen, Kopf nach unten, Augen geschlossen…. Und warten, bis die Böe nachließ.

Der Wind peitschte uns dabei den Sand ins Gesicht und viele kleine Steine gegen die Schienbeine. Es ist lediglich ein Versuch, diese Erlebnisse mit Worten zu beschreiben. Aber man kann es sich diesen gewaltigen Winddruck nur vorstellen, wenn man ihn selber erlebt hat. Annett erinnerte sich an ähnliche Erlebnisse auf ihrer Radreise auf Island in ihrer Jugend, aber für mich war das ein völlig neues Erlebnis.

Annett hatte derweil Probleme mit ihren Augen: durch den starken Wind waren die Augenlider stark gequollen und die Augen tränten ununterbrochen. Das war sehr unangenehm.

Ach ja, und dann waren da noch einige Einheimische mit ihren hoch motorisierten Pickups, die mit Vollgas an uns vorbeibretterten und uns immer in eine dicke Staubwolke einhüllten. Danke schön! Sehr rücksichtsvoll!

Einmal drückte mir der Wind das Fahrrad herum, obwohl ich nur die Straßenseite wechseln wollte (manchmal ist der Schotter links besser zu ertragen als rechts außen). So war ich gezwungen, gegen unsere Fahrtrichtung mit dem Wind Schwung zu nehmen, um in einer kleinen Kurve wieder in Fahrtrichtung zu kommen. Das war schon krass, welche Kräfte dieser Wind entfalten konnte.

Meine größte Sorge war ein Sturz, bei dem sich möglicherweise die Lenkertasche aus der Halterung löst, durch die Wucht aufspringt und meine gesamte Zettelwirtschaft samt der wichtigen Dokumente (Reisepass, Kreditkarte, Impfpass, usw.) vom Winde verweht wird auf Nimmerwiedersehen.

Der Kampf gegen den Wind kostete Kraft. So waren wir um 17 Uhr reif für den Zeltaufbau. Glücklicherweise fand sich ein Platz hinter einigen Bäumen, die uns etwas Windschutz boten.

Montag, 24.12.18

Der Sturm hatte sich gelegt. Dafür regnete es bis in den Nachmittag. Nach dem kräftezehrenden Tag gestern wollten wir nicht gleich schon wieder gegen das Wetter kämpfen. So blieben wir im Zelt und warteten geduldig auf trockenere Stunden.

Gegen 16 Uhr war es dann so weit. Schnell Zelt abgebaut und los. Weit kamen wir allerdings nicht. Nach einer Stunde und lediglich 8 km Strecke regnete es erneut. Den dunklen Wolken konnten wir auch gleich entnehmen: Das regnet sich jetzt ein.

Also Zeltplatz suchen, aufbauen, und den Heiligen Abend einläuten, soweit die Rahmenbedingungen das zuließen: heißer Kakao, Kekse, …. Nur die Kerzen fehlten noch im Zelt.

Feliz Navidad! Frohe Weihnachten!

Dienstag, 25.12.18

Der Regen war durch, aber alles war nass oder klamm: Zelt, Schlafsäcke, unsere Kleidung, unser Gepäck im Vorzelt,… einfach alles. Mit 8 °C war es auch ganz schön kalt. So zogen wir in unserer Wintergarderobe weiter auf der Schotterpiste. Die Landschaft erinnerte an unser Alpenvorland, stellenweise war sie sogar eher trostlos (im Bereich des Rio Murta). Nichts Weltbewegendes weit und breit zu sehen.

Auf den folgenden 50 km Strecke gab es auch so gut wie keine Zivilisation: gerade einmal 3 Höfe lagen auf dem Weg. Dafür kreuzten viele Reiseradler unseren Weg oder überholten uns. War mal interessant, die Reisegeschichten und Routen der anderen Kollegen zu hören und sich auszutauschen.

Mittwoch, 26.12.18 – Donnerstag, 27.12.18

Je mehr wir uns dem Städtchen Villa Rio Tranquillo näherten, desto mehr Verkehr nebelte uns mit Staub ein. Zeitweise kamen so viele Autos vorbei, dass wir vor lauter Staub minutenlang die Landschaft um uns herum nicht mehr sehen konnten. Zusätzlich wurde der Schotter auf den letzten 15 km vor dem Ort praktisch unbefahrbar für unsere Fahrräder mit dem Gepäck: schieben war angesagt. Darauf hatten uns einige Reiseradler gestern schon vorbereitet.

Von Villa Rio Tranquillo aus starten die Ausflüge zu den „Capillas de Marmol“ und zu einem der Gletscher im Westen der Ortschaft. Doch all zu viele Touristen sahen wir hier nicht. Auch die vielen riesigen Camping-Areale im Einzugsgebiet der Stadt waren leer. Nicht ein einziges Zelt war zu sehen.

Das lag sicher auch zum Teil an den Preisen hier unten. Ausflüge, Lebensmittel, Gastronomie und die Übernachtungsstätten sind allesamt nicht gerade preiswert.

Auf die Besichtigung der Capillas de Marmol verzichteten wir, weil wir ähnliche Ausspülungen in den Felsen schon in Südfrankreich auf dem Chassezac per Wildwasser-Kajak erleben durften. Kostenlos! Für eine Kajaktour zu den Capillas de Marmol wollten sie hier satte 25.000 Peso (33 €) haben.

In der Hoffnung auf einen schönen Zeltplatz hinter der Stadt fuhren wir schnell weiter, hatten im Vorfeld aber die ca. 260 Höhenmeter auf den ersten 8 km völlig außer Acht gelassen. So kamen wir fast in die Dunkelheit und erreichten gerade noch rechtzeitig den einzigen brauchbaren Platz zum Zeltaufbau am Rio Trapial.

Bis El Maitén waren es jetzt noch ca. 40 km Straße. Die Höhenmeter hielten sich in Grenzen, dafür quälte uns der üble Schotter. Die heftige Rüttelei hatte mittlerweile die Steckerbuchse an unserem Zzing-Ladegerät ruiniert und drehte mehrmals den Inhalt unserer Lenkertasche auf links.

Am Abzweig in Puerto El Maitén verließen wir die Carretera Austral und folgten ab jetzt für 120 km der CH-265 Richtung Chile Chico und argentinischer Grenze.

Endlich hatten wir mal wieder einen angenehmen Straßenbelag: glatte Lehmpiste. Dafür kämpften wir nun gegen einen heftigen Gegenwind. Das hatten wir nicht erwartet. Wir hatten hier mit Rückenwind gerechnet.

So kämpften wir uns über die vielen Höhenmeter durch bis zum ersten kleinen Ort, Puerto Guadal, wo wir nach einem Imbiss beim Bäcker unser Zelt aufschlugen.

Freitag, 28.12.18

Die Hoffnung auf Rückenwind hatte sich schnell zerschlagen. Zusätzlich regnete es heute in Schauern. Da hatten wir ganz schnell wieder unsere gesamte Wintergarderobe angezogen, um nicht auszukühlen.

Beim Bummel durch die wenigen Lebensmittelläden wunderten wir uns über die extremen Preisunterschiede für die gleichen Produkte: Die Preisdifferenzen lagen nicht selten bei 100 %. Da lohnte es sich wirklich, vor dem Kauf zu vergleichen. Allerdings war das nicht immer einfach, denn in vielen Läden sind die Preise nicht angeschrieben. So läuft man mit jedem Artikel zur Kasse, um den Preis zu erfahren. Das kann nervig werden, passt aber voll und ganz in das Profil der Ladenbesitzer: Sie wollen an den Touristen verdienen. Tatsächlich klappt das hervorragend, denn die wenigsten Touristen nehmen sich Zeit zum Preisvergleich und akzeptieren an der Kasse dann nach kurzer Schnappatmung die hohen, zu zahlenden Beträge.

Besonders krass empfanden wir den Preis für einen Liter kochendes Wasser für unsere Thermoskanne in einem Hostel im Süden der Stadt: dort wollten sie tatsächlich 1000 CLP (1,30 €) haben.

Ein ganz persönlicher Anlass zum Feiern hob aber dann schnell wieder unsere Stimmung: heute erreichten wir die 32.000 km – Marke auf unserer großen Radreise.

Die weitere Strecke entlang des Lago General Carrera blieb derweil sehr hügelig mit zum Teil extrem steilen Anstiegen. Annett hatte seit gestern eine Zerrung in der Wade und Schmerzen im Knie durch das viele Schieben gestern. Da durfte ich dann mehrmals beide Fahrräder dieselben Berge hinauf schieben. So kam auch ich dann heute schnell an meine Grenzen und wir beendeten unseren Radeltag schon nach 23 km und 500 Höhenmetern.

Leider bot unser Zeltplatz kaum Windschutz, dafür aber eine dichte Botanik mit klettenartigen Samenkörnern, die sich bei jedem Schritt in unseren Hosen, Socken und Schuhen verfingen, sehr unangenehm piksten und sich nur mühsam wieder entfernen ließen. Die feinen Widerhaken der Samenkörner zogen gleich Fäden, wenn man sie einfach aus der Kleidung ziehen wollte. Wir mussten tatsächlich unsere Kleidung auf links drehen und die kleinen Biester von der Innenseite mit der Pinzette herausziehen. Auf diese Weise war ich alleine mit meinen Socken am Ende des Tages eine gefühlte halbe Stunde lang beschäftigt.

Samstag, 29.12.18

Nach einer regenreichen Nacht hatte es sich bis auf 12 °C abgekühlt. Auf den Bergen um uns herum lag sogar Neuschnee. Überhaupt begeisterte uns die Landschaft entlang der CH-265: da war die Bergkulisse am Nordufer des Lago General Carrera, eine hügelige Küstenlandschaft mit schroffen Felsen und einigen kleinen, aber tiefen Schluchten mit Wildbächen. Das entschädigte für die vielen Höhenmeter. Es gab kaum einen Meter ebene Strecke. Stattdessen windet sich die Straße stets zwischen den Felsen und Hügeln hindurch.

Wir erreichten heute Mallin Grande, das letzte Dorf auf den kommenden 85 km bis Chile Chico. Gleichzeitig waren wir jetzt in einem großen Anbaugebiet für Kirschen angekommen. Eine üppige Kostprobe der Früchte in einer der Seitenstraßen fand allerdings schnell ein abruptes Ende, als plötzlich Regen einsetzten und uns ein eisiger Wind zusetzte. Wir flüchteten in den Unterstand an der Bushaltestelle, zogen unsere Wintergarderobe und die Regenkleidung an und hofften vergeblich auf eine Wetterbesserung.

Am Ende des Tages waren wir völlig platt, hatten aber über 6 Stunden gerade einmal 13 km Strecke geschafft. Die vielen Höhenmeter, der schlechte Schotterbelag und das ständige Wechseln unserer Kleidung (zu kalt – zu heiß – Regenkleidung an – Regenkleidung aus – usw.) hatten uns mächtig ausgebremst.

Sonntag, 30.12.18

Regen und kalte 11 °C blieben uns treu. Dafür entschädigte uns die Landschaft: wilde Felsküste, aufgewühlte See und urwüchsige Botanik sollten uns den ganzen Tag begleiten. Dazu blies uns heute ein starker Rückenwind. Der war allerdings gleich wieder derart böig und heftig, dass es kaum möglich war, einen stabilen Abstellplatz für die Fahrräder zu finden, wenn wir mal fotografieren wollten. So kippte mein Fahrrad dreimal durch den Wind um.

Unser Video auf Youtube (CH-265):    Clip

Besonders heftig wurde es auf einer kurzen, aber steilen Abfahrt. Der Winddruck drückte mich immer weiter in den losen Schotter, wo ich letztendlich stürzte. Ich kam mit dem Schrecken davon, doch einen Augenblick später schob die nächste Windböe das liegende Fahrrad auf dem Schotter weiter talwärts. Dabei riss eine der Lowridertaschen aus der Halterung und ich konnte die Packtasche gerade noch rechtzeitig aufhalten, sonst hätte der Sturm sie wie eine Bowlingkugel weiter talwärts befördert, wo am Ende der Kurve gleich hinter einem steilen Abhang der Sturz in den See drohte. Glück gehabt!

Auch Annett hatte zu kämpfen: Ihre Hände schmerzten von dem permanenten Halten der Bremshebel. Eine Windböe riss ihr beinahe den Lenker aus den Händen. Sie stieg mittlerweile schon vom Fahrrad, wenn sie die nächste Böe kommen hörte. Durch das Heulen der Windwirbel an den Stromleitungen entlang der Straße konnte man gut einschätzen, wann die nächste Böe aufschlagen würde.

So waren wir auch heute mit unseren Kräften ungewöhnlich schnell am Ende: nach 27 km mit insgesamt 1000 Höhenmetern und den unberechenbaren Sturmböen suchten wir an dem einzigen Haus auf der Strecke einen Zeltplatz. Der Gaucho Carlos hieß uns hier gleich herzlich willkommen und suchte einen besonders windgeschützten Zeltplatz für uns hinter den dichten Büschen auf seiner Pferdewiese. Er bot uns wegen dem Sturm sogar seine Küche zum Kochen an. Es gibt sie also doch, die „freundlichen, herzlichen“ Chilenen. Seitdem wir die Carretera Austral verlassen hatten, wurde der Umgang zunehmend freundlicher.

Abends wurde uns dann bewusst, welches Geländeprofil wir hier eigentlich zu bewältigen hatten: 1000 m hoch und 1000 m runter auf 27 km Strecke: das waren theoretisch ca. 8 % durchschnittliche Steigung! Dabei galt stets: je steiler der Anstieg, desto schlechter der Schotterbelag, weil der motorisierte Verkehr hier durch Reibung ordentlich die Straßendecke aufwühlt. Zum Nachteil der Radler: auf mancher steilen Rampe rutschte man beim Schieben des Fahrrades auf dem losen Geröll nach hinten weg. Das war nicht ungefährlich.

Montag, 31.12.18

Ich nutzte den morgendlichen Regen, um in meinen Packtaschen wieder einmal etwas Ordnung zu schaffen. Dabei fiel mir dann eine Tüte Polenta in die Hände, die ich in den Tiefen meines Gepäcks in den vergangenen Tagen völlig vergessen hatte. Das war heute unsere Silvester-Überraschung, bereicherte es doch sofort das anstehende Frühstück.

Der gestrige Tag hatte uns derart geschafft, dass wir erst um 14 Uhr wieder auf der Straße waren. Dort ging es gleich wieder weiter mit den Höhenmetern: 3 km lang schoben wir bergauf. Dabei war mancher Anstieg derart steil und sandig, dass wir unsere Fahrräder hintereinander zu zweit den Berg hinauf schieben mussten. Oben auf der Höhe erlebten wir dann bei frischen 16 °C wieder einmal den Andenkondor, wie er majestätisch durch die Lüfte segelte. Man sieht nie einen Flügelschlag; er segelt mit seinen ausgebreiteten Schwingen und nutzt lediglich geschickt den Auftrieb.

Auch heute sorgte der starke Wind und der unberechenbare Schotter auf mancher Abfahrt für abenteuerliche Manöver und einige Male für Sturzgefahr.

Wir versuchten natürlich, vor den dunklen Regenwolken hinter uns zu flüchten, doch das war aussichtslos: nach kurzer Zeit setzte Regen ein und die eisige Kälte hatte uns wieder voll im Griff: Regensachen und Winterpulli anziehen und immer in Bewegung bleiben, um nicht auszukühlen. Einen Unterstand gab es weit und breit nicht, kein Haus, keinen Felsvorsprung, unter dem man Schutz gefunden hätte. Wir schmiegten uns an die Felswand, um wenigstens ein wenig Windschutz zu haben für unsere Mittagspause. Glücklicherweise hörte der Regen auch schnell wieder auf.

Nach nur 17 km und bei lausigen 8 °C und weiterhin heftigem Wind suchten wir uns in einem ausgetrockneten See einen augenscheinlich windgeschützten Zeltplatz. Mit dem Windschutz hatte ich mich aber gewaltig verrechnet: Der Wind kam plötzlich mit starken Böen von allen möglichen Seiten und wirbelte unser Zelt so heftig durch, dass ich mir Sorgen um die Zeltstangen machte.

Der Wind hatte aber auch Vorteile: so nervten uns heute keine Mücken und auch keine Tabanos.

Wegen der 4 Stunden Zeitverschiebung zu unserer Heimat hatten wir heute gleich zweimal Gelegenheit, Silvester zu feiern: um 20 Uhr mit den Gedanken bei unseren Familien in Deutschland und um Mitternacht hier im wilden Patagonien.

Dienstag, 01.01.19

Frohes neues Jahr!

Das Zelt stand noch. Ich atmete auf. Der Sturm tobte immer noch, aber die Sonne machte aus den frühmorgendlichen 11 °C schnell 29 °C.

Jetzt waren es noch 20 km bis Chile Chico und 5 weitere km bis zur Grenze nach Argentinien. Mit unserem Proviant waren wir ziemlich leer gefahren. Auch der Spiritus neigte sich dem Ende. Einen Nachkauf auf chilenischer Seite wollten wir auf jeden Fall vermeiden, denn in Argentinien lag das Preisniveau deutlich niedriger und dort gab es den besseren Spiritus. Heute waren auch alle Läden geschlossen wegen Feiertag. Hätte uns also sowieso nichts genützt.

Unser erstes Highlight heute: die Laguna Verde, ein malerischer See inmitten einer zerklüfteten Berglandschaft mit türkisfarbenem Wasser. Von der Straße aus hat man einen guten Blick aus der Vogelperspektive auf den tiefer liegenden See. Auch hier schwebte wieder der Andenkondor durch die Lüfte.

Raupe in Chile: unser Video auf Youtube:    Clip

Unser zweites Highlight: die Obstbäume in Chile Chico. In vielen Seitenstraßen stehen hier Aprikosenbäume in endlosen Reihen und laden zum Pflücken der reifen oder fast reifen Früchte ein. Wir waren zwar noch einige Wochen zu früh dran, die Früchte schmeckten aber dennoch schon sehr gut. Chile Chico ist auch bekannt für seine Kirschen. Das günstige Klima durch die Nähe zum See machts möglich.

Nach einer ausgedehnten Pause in der Stadt fuhren wir weiter Richtung Grenze. Auf chilenischer Seite wollten sie natürlich die eidesstattliche Erklärung zu unseren Fahrrädern sehen und ohne weitere Prüfung war alles okay. Wir bekamen den Stempel in den Pass, einen Beleg über 2 Fahrräder, den wir auf argentinischer Seite abgeben müssten und dann konnten wir fahren.

Auf argentinischer Seite ging die Abwicklung ebenso schnell und sie wollten tatsächlich den Beleg über die beiden Fahrräder haben. Ein Thema, das an allen bisherigen Ein- und Ausreise-Stationen Argentiniens (Buenos Aires, Puerto Iguazú, Posadas, Bermejo) nie jemanden interessiert hatte. Bemerkenswert, wie weit die außergewöhnliche Grenz-Bürokratie von Chile hier doch in die argentinische Grenzabwicklung Einfluss nimmt!

Im Nachhinein waren wir froh, dass die Beamten uns ohne Prüfung auf verbotene Lebensmittel fahren ließen. Denn wir hatten mehr als eine Handvoll Aprikosen aus Chile Chico im Gepäck, obwohl die Einfuhr von Obst und Gemüse hier offiziell nicht erlaubt war. Das war wohl ebenfalls der Einfluss von den chilenischen Kollegen, denn an den anderen Grenzübergängen gab es solche Restriktionen nicht.

So waren wir spät am Abend wieder in Argentinien angekommen.

Weiter gehts mit dem Reisebericht über Argentinien-Süd

Resümee zu Chile Süd

Neben einem großen Abschnitt auf der Carretera Austral befuhren wir auch zwei Nebenstrecken, die uns am Ende landschaftlich besser gefielen als die hochgepriesene Carretera Austral.

Die Menschen in Chile sind sehr distanziert und vollständig auf den Tourismus ausgerichtet. Das fanden wir schade und ließ Chile in unserer Gunst auf einem der letzten Plätze landen.

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