Mexiko 2020 – Reisebericht

Im Rahmen unserer großen Radreise durch Amerika sind wir am 15.01.2020, von Kolumbien per Flugzeug kommend, nach Mexiko eingereist. Hier hatten wir eine Rundtour auf der östlichen Halbinsel Yucatán geplant und wollten am 28.03.20 von Cancun aus nach Madrid weiterfliegen, heim in den europäischen Kontinent. Ab Madrid wollten wir dann über Süd- und Osteuropa wieder nach Deutschland zurückkehren und unsere 5-jährige Radreise um die Welt beenden.

Den Flug nach Madrid hatten wir schon im Dezember gebucht. Da ahnten wir noch nicht, wie stark der Ausbruch der Corona-Pandemie unsere Reisepläne durchkreuzen würde.

Wie ist es uns ergangen?

Der Bericht über unseren spannenden Aufenthalt in Mexiko:

 

Unsere Route auf OpenStreetMap

 

 

© OpenStreetMap-Mitwirkende

Mittwoch, 15.01.20

Um 13 Uhr war unser Flieger im kolumbianischen Bogotá gestartet und um 17 Uhr landeten wir in Cancun an der Ostküste Mexikos.

Unser Video auf YouTube: Flug nach Cancun

Nach dem turbulenten Umpacken unserer vier Gepäckstücke vor dem Flug in Bogotá erhofften wir uns einen ruhigeren Abgang hier auf dem mexikanischen Flughafen. Doch diese Hoffnung zerschlug sich sofort, als wir unsere Kartons auf dem Laufband sahen:

Annetts Fahrradkartons war auf der gesamten Bodenfläche aufgerissen und ein Teil vom Fahrradrahmen und der Sattel polterten schon heraus. Auch ein nackter Bowdenzug kam uns schon entgegen. Ich ahnte fürchterliche Schäden an ihrem Fahrrad.

Wir suchten uns gleich eine ruhige Ecke zum Aufbau der Fahrräder unweit der Gepäck-Laufbänder und ich begann mit der Schadensbeurteilung. Der Bowdenzug hing an einem Suntour-Schalthebel. Das gehörte gar nicht zu unseren Fahrrädern, denn wir hatten ja Shimano-Schaltungen. Es gab also noch einen anderen Radler, dessen Fahrradkarton ebenfalls ramponiert worden sein musste. Doch wir sahen weit und breit keinen, der mit einem Fahrradkarton herumhantierte.

Uns fehlte tatsächlich nichts. Da hatten wir wohl außerordentliches Glück gehabt. Was blieb, war unsere Fassungslosigkeit über die Art und Weise, wie größere Gepäckstücke vom Flughafen-Personal behandelt werden. Wir wissen langsam nicht mehr, wie wir den Schutz gegen Beschädigungen an unseren Fahrrädern noch steigern können.

Ich baute unsere Fahrräder wieder zusammen und um 22 Uhr hatten wir fertig gepackt und rollten Richtung Ausgang. Auf diesem Weg mussten wir dann noch unser Gepäck durch den Scanner laufen lassen. Das war kein Problem. Doch als sie auch unsere Fahrräder scannen wollten, stieg mein Puls wieder. Die Fahrräder passten in aufgebautem Zustand nicht durch den Scanner-Kanal. Also sollte ich Lenker und Vorbau abmontieren. „Kommt gar nicht infrage!“, signalisierte ich den Beamten. Denn das würde mich eine weitere Stunde Schrauberei kosten. Dazu fehlte mir jetzt nach den gerade beendeten 4 Stunden Arbeit die Motivation.

Es gab lange Diskussionen und wir zeigten das Foto, das wir von dem aufgerissenen Karton noch vor dem Aufbau der Fahrräder gemacht hatten. Wir konnten ja damit erklären, warum wir nicht erst mit den Kartons bis zum Ausgang gelaufen sind, sondern vorab aufgebaut hatten.

Am Ende einigten wir uns auf eine Schnüffelaktion mit den Spürhunden der Truppe. Nach 10 Minuten kamen sie mit dem Hund vorbei und unsere Fahrräder wurden äußerst akribisch abgeschnüffelt.

Dann entdeckten sie die geschweißten Stellen an meinem Fahrradrahmen, die von dem Unfall in Bolivien herrührten. Sie dachten sicher gleich an Rauschgift, doch ich zeigte meine 5 cm lange Operationsnarbe am linken Handgelenk und begründete die Rahmenreparatur. Das erschien ihnen sofort plausibel.

Der Schnüffelhund fand nichts Verdächtiges und so durften wir nach einigen Minuten endlich den Flughafen verlassen. Ich war froh, dass mir der Zusatzaufwand mit der Lenker-Demontage erspart blieb.

Mittlerweile hatten wir 23 Uhr und bis zu unserem Couchsurfing-Kontakt im Zentrum der Stadt waren es noch 19 km Strecke. Allzu spät wollten wir dort nicht eintreffen. Doch kaum hatten wir das Flughafengebäude verlassen, kündigte sich die nächste Hürde an:

Ich prüfte vor der Abfahrt noch den Reifendruck. Eine reine Routine-Maßnahme, die ich mir angewöhnt habe, seitdem wir mit dem Schwalbe Marathon Mondial Reifen so negative Erfahrungen im Hinblick auf Plattfüße gemacht hatten. Und tatsächlich hatte ich am Hinterrad wohl wieder einen Plattfuß. Woher auch immer. Ich kam mir langsam vor wie in einem schlechten Katastrophenfilm.

Doch Fluchen half nichts. Wir suchten uns eine halbwegs gut beleuchtete Ecke vor dem Flughafengebäude und ich machte mich an die Reparatur. Ich fand keinen Fremdkörper im Mantel. Also musste ich das Hinterrad ausbauen, Wasser besorgen und den Schlauch unter Wasser tauchen, um das Loch zu finden. Die Hilfsbereitschaft der Gastronomen auf dem Flughafengelände war nicht sehr berauschend. So dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis ich unsere Faltschüssel irgendwo mit Wasser für die Lochsuche füllen konnte.

Nach einer Stunde war der Schlauch wieder geflickt und wir waren endlich abfahrbereit. Um 0:30 Uhr erreichten wir dann endlich unsere Bleibe für die kommenden vier Nächte und waren ziemlich geschafft von diesem langen, anstrengenden Tag.

Donnerstag, 16.01.20 – Samstag, 18.01.20

Ich hatte wieder starke Schmerzen im Brustbereich, die von dem Fußtritt in Kolumbien herrührten, den ich vor zwei Wochen kassiert hatte. Die körperlichen Anstrengungen gestern im Handling mit den relativ schweren Gepäckstücken hatten Spuren hinterlassen.

Doch großartig relaxen passte jetzt noch nicht in unseren Zeitplan für die ersten Tage. Ich machte mich zuallererst auf den Weg zu den Banken und Geldautomaten, um Bargeld in Landeswährung zu organisieren. Glücklicherweise hatte ich für meine Fragen in der favorisierten Banco Azteca lediglich eine halbe Stunde warten müssen. Denn am Tag nach dem „Zahltag“ (am 01. und am 15. jedes Monats werden hier in Mexiko die Löhne und Gehälter überwiesen) ist in den Banken in der Regel Hochbetrieb.

Tatsächlich stauten sich hinter mir während meiner Wartezeit auch schon 23 Personen. Ich hatte nur einen vor mir und musste schon 30 min warten. Da kann man sich tatsächlich auf einige Stunden Schlange-Stehen einstellen. Nicht umsonst hängen an solchen Staustrecken hier immer große Fernsehbildschirme und bescheren den Wartenden einen mehr oder weniger interessanten Zeitvertreib.

Das Geldabheben klappte auf Anhieb und die Gebühren waren erfreulich niedrig. Danach suchte ich nach Spiritus für unseren Kocher. Das war tatsächlich eine echte Herausforderung. Es gab nur 70%-igen Alcohol Ispirto. Den konnten wir nicht gebrauchen. Wir benötigen 90 oder 95 %. Nach mehreren Stunden Sucherei in den Supermärkten, Apotheken, Ferreterias, Farbenläden, Laboratorien und Elektronik-Fachgeschäften wurde ich fündig: Eine einzige Groß-Apotheke verkaufte 96%-igen „Alcohol Pure“ für 90 Peso pro halben Liter. Ein stolzer Preis.

Doch ein Umstieg auf den Benzinbrenner lohnte sich aus unserer Sicht für die folgenden 10 Wochen nicht. Wir wollten uns da lieber mit der mexikanischen Straßenküche befassen und betrachteten unseren Kocher nur als Notlösung. Der halbe Liter Spiritus war also lediglich unsere Reserve, wenn wir mal keine Straßenküche vorfinden würden.

Wir nutzten die vier Tage, um all die Vorbereitungen für unsere Reise durch Mexiko zu organisieren: Route abstimmen, Sehenswürdigkeiten in der Karte markieren, Übernachtungsplätze vorbereiten, usw.

Allerdings war die WiFi-Verbindung nur in der einen Ecke der Wohnung zu gebrauchen, aber in der anderen Ecke war der Stromanschluss. Wir konnten auch immer nur eines unserer Geräte laden. Für einen Parallelbetrieb fehlte uns anfangs ein zweiter Stecker. Erschwerend kam hinzu, dass der Akku unseres Netbooks mittlerweile schon so stark gelitten hatte, dass die Ladeintervalle immer kürzer wurden. Eine Ladung hielt gerade einmal für gut eine Stunde.

So war es insgesamt etwas anstrengend: entweder ein Gerät war in der Warteschleife zum Laden, oder wir mussten ständig zwischen Online- und Offline-Betrieb wechseln. Es gab auch keinen Tisch und keine Stühle, lediglich zwei unbequeme Barhocker und einen supertiefen Couchtisch. Beides war zum Arbeiten nicht zu gebrauchen.

Hinzu kam, dass sich vor wenigen Tagen in Kolumbien unser zweites Smartphone verabschiedet hatte: Mindestens die Ladebuchse, wenn nicht sogar die Hauptplatine hatte einen Defekt. Somit konzentrierten sich alle Anwendungen auf das verbleibende Smartphone: E-Mail, Nachrichten, Routenplanung, Online-Banking, Social Media, usw. Und wenn zufällig mal beide Geräte geladen waren, fiel plötzlich das Internet aus.

Um die Situation für die kommenden Wochen etwas zu entschärfen, kauften wir uns noch in Cancun einen USB-Adapter für die mexikanischen Steckdosen. So war wenigstens ein paralleler Ladebetrieb möglich.

Am effektivsten konnte ich nachts arbeiten. Doch da musste ich auf der Terrasse sitzen, um die anderen Reisegäste nicht beim Schlafen zu stören. Unglücklicherweise wehte hier in Cancun aber ein ungewöhnlich starker Wind. Und dieser Wind wirbelte mit jeder Böe viel Staub und Sand durch die Luft. Gar nicht gut für ein Notebook. Eine Windböe war dabei derart heftig, dass es die Computermaus in hohem Bogen davon wehte und die Maus auf dem Boden in mehrere Teile zersprang. Zum Glück funktionierte sie aber wieder, nachdem ich alles wieder zusammengesetzt hatte.

Sonntag, 19.01.20

Heute verabschiedeten wir uns aus Cancun und fuhren an der Karibikküste Richtung Süden, die Riviera Maya entlang. Dabei führte unser Weg zunächst über die Lagune an den endlos vielen Hotelburgen entlang. Hier gab es nur an wenigen Stellen einen öffentlichen Zugang zum Strand. Nahezu jedes Hotel hatte seinen eigenen Strandsektor.

Wir nutzten gleich den ersten möglichen freien Zugang und legten eine Badepause ein. Unser erstes Bad in der Karibik. Der feine, weiße Sand, das klare, saubere Wasser, die schäumende Brandung, … Es war traumhaft. Wie Urlaub.

Die Urlaubsstimmung blieb uns auch in den Stunden danach auf dem vielbefahrenen Highway erhalten. Denn nach den letzten Monaten durch die anstrengende Bergwelt der Anden in Südamerika war die ebene Straße hier eine angenehme Wohltat ohne großartige Anstrengung. Wir genossen es.

 

Montag, 20.01.20

Heute führte unser Weg weiter auf dem Highway bis nach Playa del Carmen. Einige kurze Regenschauer zwangen uns zum Unterstellen, ansonsten half uns der Rückenwind beim Radeln. So erreichten wir schon am frühen Nachmittag Playa del Carmen, wo wir wieder einen Warmshowers-Kontakt ansteuern durften.

Javier hieß uns herzlich willkommen und schilderte uns sein aktuelles Projekt: Er war Fotograf und erstellte unter anderem Fotos von Radreisenden inmitten ihres gesamten Equipments, sauber ausgebreitet auf einer großen Plane im Garten vor dem Haus.

Wir wären die Nächsten und somit stand für morgen früh unser Programm von 7 Uhr bis 10 Uhr fest.

Dienstag, 21.01.20

6 Uhr aufstehen, Frühstück, und dann raus vors Haus und Aufbau unseres gesamten Gepäcks. Javier half beim Arrangieren, denn er hatte mittlerweile viel Erfahrung, was wo im Bild am Ende besser zur Geltung kommt.

Als wir all unser Equipment ausgebreitet hatten, kam starker Wind auf. Da wurden wir alle etwas hektisch. Denn wenn uns Reisepass, Impfausweis oder Kreditkarte davon wehen, haben wir ein Problem. Doch das Foto-Shooting lief dann doch erfolgreich und wir wurden rechtzeitig fertig, bevor die Sonne die Bildfläche erreichte.

Immer wieder hatten wir mit dem Gedanken gespielt, unsere gesamte Reise-Ausrüstung in dieser Art abzulichten, doch wir scheuten den Aufwand. Man ist tatsächlich mehrere Stunden beschäftigt, bis am Ende alles wieder sauber verpackt an seinem gewohnten Platz in den Packtaschen verstaut ist.

Jetzt war es eben eine glückliche Fügung: Javier war professionell ausgestattet und hatte die nötige Erfahrung und wir hatten Zeit und Geduld und konnten uns gleich mit ablichten lassen.

Mittwoch, 22.01.20 – Donnerstag, 23.01.20

Am Mittwoch fuhren wir in Playa del Carmen die Strandmeile ab und schauten uns die Stadt an. Es ist sehr touristisch hier, das war nicht zu übersehen. Doch die Brandung war nur halb so spannend wie in Cancun. Der weiße Sand ist hier natürlich besonders weiß, aber die Preise für eine Strandliege waren unbezahlbar.

Generell verkauft Mexiko seine Sehenswürdigkeiten so teuer, wie es gerade geht: jede Cenote, jede Ruine und jedes andere Objekt von touristischem Wert wird nur gegen viel Geld preisgegeben. Gleichzeitig wird der Reisende mit Werbung überflutet. Der überwiegende Teil der Straßenschilder entlang der Riviera Maya sind tatsächlich Hinweistafeln für Freizeitparks, Bespaßungs-Einrichtungen oder eintrittspflichtige Sehenswürdigkeiten.

Dabei durchdringt die Kultur der Maya und der Azteken als Hauptthema jedes Event und jedes Objekt. Natürlich werben hier auch die Nachfahren der ehemaligen Invasoren mit der Kultur der indigenen Völker, die sie seinerzeit unterdrückt oder vertrieben hatten. Da bleibt ein fader Beigeschmack.

 

Am Donnerstag fuhren wir weiter Richtung Tulum und blieben in Puerto Aventuras hängen. Ursprünglich wollten wir hier lediglich eine Pause einlegen. Doch zufällig fanden wir in einer öffentlichen Einrichtung für Flüchtlinge einen Schlafplatz samt sicherem Stellplatz für unsere Fahrräder und entschieden uns, die Fortsetzung unserer Fahrt nach Tulum auf morgen zu verschieben.

Die Flüchtlinge kamen allesamt aus Haiti, dem Inselstaat unweit der Küste hier im Karibischen Meer. Wir arrangierten uns in der Küche und wurden immer wieder eingeladen, uns bei den Vorräten im Nebenzimmer zu bedienen.

Freitag, 24.01.20

Nach zwei leicht bewölkten Tagen schien heute wieder die Sonne ungehindert auf uns herab und heizte uns kräftig ein. Entlang der Straße folgte jetzt eine Cenote der anderen. Dazwischen lag immer wieder ein Freizeit- oder Abenteuerpark. Doch ohne teure Eintrittsgelder läuft hier gar nichts. Die Cenoten wollten wir uns später im nördlichen Yucatán ansehen, weil der Eintritt dort preiswerter ist als hier an der Riviera Maya.

Am Nachmittag erreichten wir Tulum, wo wir nach einem kurzen Aufenthalt am Strand die Bomberos aufsuchten. Sie boten uns einen Schlafplatz an, doch wir sollten erst vor dem Gebäude warten, bis die Jungs mit ihrem Fußballmatch fertig waren. Nach über einer Stunde Warten wies uns der Chef dann eine Ecke auf dem Betonboden unter freiem Himmel neben dem Gebäude als Schlafplatz zu. Das hatten wir uns anders vorgestellt. Der Platz war von der Straße aus frei zugänglich und kam aus Sicherheitsgründen überhaupt nicht für uns infrage.

Ich beschloss, sofort ins Stadtzentrum zum Palacio Municipal zu fahren, um nach einem anderen Schlafplatz zu suchen. Dort angekommen, fragte ich die erstbeste Person und sie telefonierte sofort mit einigen Verantwortlichen. Nach 10 Minuten hatten wir eine Zusage und die Dame lotste mich per Auto zu einer Herberge am Rande der Stadt. Dort sollte ich bis 20:30 warten und mich dem Verwalter vorstellen. Der Verwalter kam pünktlich, zeigte mir unser Zimmer und überreichte mir den Schlüssel. Jetzt konnte ich zu den Bomberos zurückfahren, um Annett abzuholen.

Annett erlebte in der Zwischenzeit eine außergewöhnliche Begebenheit: Aufgeschreckt durch einen lauten Knall, hatte sie hinter sich einen über 10 cm großen Käfer auf dem Boden entdeckt. Er lag auf dem Rücken und zappelte wild. Sofort kam einer der Bomberos und half dem Käfer wieder auf die Beine. Dabei verkrallte sich das Tier derart fest in die Hand des Helfers, dass dieser seine liebe Mühe hatte, den Käfer wieder loszuwerden. Gut, dass der Käfer nicht wirklich gefährlich war. Ein beeindruckendes Erlebnis.

Wir verabschiedeten uns von den Bomberos und fuhren zu unserem Zimmer. Danach genossen wir noch einen kleinen Ausflug ins Stadtzentrum, wo wir die Partymusik und das Nachtleben von Tulum auf uns wirken ließen. Ein Programm, das bei einer Übernachtung vor der Feuerwehrstation undenkbar gewesen wäre.

Samstag, 25.01.20

Für heute stand die Besichtigung der Maya-Ruinen in Tulum auf dem Plan. Dort wollten wir allerdings nicht unsere Fahrräder samt Gepäck unbeaufsichtigt abstellen. Das war uns zu gefährlich. Wir fuhren also zunächst zur Polizei-Station, in der Hoffnung, dort unser Gepäck für einige Stunden unterstellen zu können. Doch sie lehnten das ab. Beim Roten Kreuz hatten wir dann mehr Glück. Wir stellten unsere Packtaschen in eine Ecke im Gebäude und fuhren zu den Ruinen. Mit 80 Peso Eintritt war die Besichtigung gar nicht mal teuer. Ein fairer Preis.

Die Ruinenstätte hatte uns so sehr beeindruckt, dass wir sie in einem separaten Artikel detailliert beschrieben haben: Tulum – Maya Ruinen in Mexiko.

Neben den Ruinen beeindruckten uns auch die vielen Leguane, die sich auf den Mauern in der warmen Sonnen tummelten. Unser Video auf YouTube: Leguan in den Ruinen

Während der Besichtigung nutzten wir auch den Zugang zum Strand und integrierten noch eine Badepause im karibischen Meer.

Viel zu spät machten wir uns danach auf den Weg aus der Stadt. Als die Dämmerung einsetzte, fuhren wir in die Seitenstraßen und machten uns auf die Suche nach einem sicheren Schlafplatz. Zelten wollten wir auf jeden Fall vermeiden, das war uns zu unsicher. Es schien erfolglos, doch kurz vor der Dunkelheit wurde Annett dann doch noch fündig und wir landeten bei einer netten Familie.

Sonntag, 26.01.20

Heute stand die lange Fahrt bis nach Felipe Carrillos Puerto an. Die Straße entfernt sich gleich hinter Tulum vom Meer und führt im Inland ohne Steigung durch den dichten Dschungel. Auf 95 km Strecke gibt es nichts außer einem Dorf. Keine Tankstelle, keine Bebauung, kein Wasser, nichts! Uns fehlte auf dieser Strecke auch der Rückenwind, der uns in den letzten Tagen so sehr geholfen hatte.

Als wir absehen konnten, dass wir es bis zum Einbruch der Nacht nicht schaffen würden, fragten wir den Fahrer eines Klein-Lasters mit Anhänger, ob er uns mitnehmen könne. Unser erster Versuch, in Mexiko zu trampen. Es klappte: Der Fahrer nahm uns mit und es war eine völlig ungefährliche Begegnung. Das Auswärtige Amt rät vom Trampen in Mexiko der Sicherheit halber ab. Vor diesem Hintergrund war äußerste Wachsamkeit angesagt.

So erreichten wir rechtzeitig Felipe Carrillos Puerto und fanden sogar bei den Bomberos einen Schlafplatz neben den Hängematten der Kollegen.

Montag, 27.01.20

Ich wäre ja gerne mit den Bomberos im Morgengrauen aufgestanden, doch eine handfeste Magenverstimmung hinderte mich daran. So blieb ich liegen und hoffte auf schnelle Besserung. Doch über den Tag wurde es sogar noch schlimmer. Ich spuckte Galle und pendelte kraftlos zwischen meiner Schlafmatte und der Toilette hin und her.

Annett nutze die Zeit und ging derweil zum originellsten Friseur, den man sich vorstellen kann (eine Empfehlung der Bomberos): Der Friseursalon befand sich in einer überdachten Hofeinfahrt und bestand aus einer Werkbank und einem Hocker. An der Hauswand standen drei Gartenstühle aus Plastik: das Wartezimmer. Der Haarschnitt war perfekt, der Preis unschlagbar: 50 Eurocent. In der Stadt wollten sie 4 Euro haben. Und auch das war schon preiswert.

Als zum Abend hin absehbar war, dass wir die Stadt heute definitiv nicht mehr verlassen würden, gewährten uns die Bomberos eine weitere Übernachtung.

Etwas anstrengend war allerdings die Wasserversorgung in der Station. Es gab nur eine Wasserquelle: den Tankwagen der Bomberos. Und der war über den halben Tag immer irgendwo in der Stadt im Einsatz. Die Mannschaft sah auch keine Notwendigkeit für eine Bevorratung von Wasser in Eimern. Ist alles zu viel Arbeit.

Dienstag, 28.01.20

Mir ging es wieder besser. Der Magen schien wieder normal zu arbeiten, doch ich war noch schwach auf den Beinen. Wir verabschiedeten uns und fuhren weiter Richtung Bacalar. Die Straße verlief dabei weiterhin durch dichten Dschungel zu beiden Seiten. Kein Dorf weit und breit. Es gab auch nur selten einen schattigen Platz für eine kurze Pause außerhalb der Sonne.

Nach 65 km erreichten wir Limones, die erste nennenswerte Ansiedlung seit Felipe Carrillos Puerto.

Während der Pause begutachtete Annett ihren Sonnenbrand auf den Beinen. Die Haut war rot entzündet und sie hatte Schmerzen. Da war dringend eine neue Hose mit Sonnenschutz fällig. Denn die Haut verbrannte durch die Hose hindurch.

Wir hatten beide keine Lust und auch keine Energie mehr, um heute noch weiterzufahren. So suchten wir uns in Limones einen Schlafplatz. Neben der Kirche konnten wir unsere Matten dann auf den Boden legen. Wegen der vielen Mücken spannten wir auch gleich das Moskitonetz auf.

Lesetipp: Das passende Moskitonetz finden.

Mittwoch, 29.01.20

Nach einer ruhigen Nacht fuhren wir weiter Richtung Bacalar. In Buenvenidos flüchteten wir aus der heißen Mittagssonne und wollten im Lago Bacalar baden gehen. Doch die aggressiven Mücken vergällten uns schon in Ufernähe die Lust auf den Badespaß. Der Preis für das kühle Bad im See wäre zu hoch, wenn wir danach völlig zerstochen wieder auf die Fahrräder steigen würden. Also verzichteten wir schweren Herzens auf den Badespaß.

Das Zeitfenster zwischen Ende der Mittagshitze und Einbruch der Dunkelheit ist hier in den Tropen sehr klein und wir hatten jetzt noch 30 km Strecke bis zur Stadt Bacalar vor uns.

Doch dann entwickelte sich wieder eine unglaubliche Geschichte:

Ich wartete an einem parkenden Pickup kurz auf Annett. Währenddessen kamen zwei Männer aus dem Feld zu dem Wagen und wollten losfahren. Ich sprach spontan den Fahrer an und nach 5 Minuten saßen wir samt Fahrräder und Gepäck im Wagen und sie fuhren uns nach Bacalar.

Während der Fahrt ging dann alles furchtbar schnell: Wir erzählten von unserer Radreise und unserem Plan für Mexiko und Edgar, unser Fahrer, bot uns sein neues Haus in Chetumal als Unterkunft auf unbegrenzte Zeit an. Nach 10 km Fahrt hatte sich unser Programm für die kommenden Tage vollständig verändert:

Wir fuhren heute gleich durch bis nach Chetumal, lernten Edgars Familie kennen, wurden zum Essen eingeladen und für die anstehende Nacht in einem Hostel einquartiert.

Morgen würde Edgar uns fürs Frühstück abholen, uns bei einigen Besorgungen zu den richtigen Läden kutschieren und mit uns im Anschluss zum Baden an die Lagune fahren. Danach könnte er uns auch den Schlüssel für das besagte Haus geben.

Wir bemühten uns, die Kontrolle zu behalten, weil Mexiko schließlich nicht ungefährlich ist. Ich markierte alle Stationen unserer Fahrt in unserer Offline-Karte: das Haus der Schwester, wo wir unsere Fahrräder und die Hälfte unseres Gepäcks unterstellen sollten für einen Tag, das Haus der Ehefrau, wo wir mit unserem Schlaf-Equipment in ein anderes Auto umstiegen, um zum Restaurant zu fahren und das besagte Haus, in dem wir ab morgen „so lange bleiben könnten, wie uns recht ist“. Ich fotografierte die Kennzeichen der beiden Autos und ließ mir Namen und Telefonnummer von Edgar geben, „nur für den Fall“.

Übrigens liegt die Stadt Chetumal gerade einmal 3 km von der Grenze Mexiko-Belize entfernt. Und Belize gilt ebenfalls als gefährliches Land.

Doch je intensiver wir in dieses Abendprogramm eintauchten, desto sicherer waren wir uns, in den richtigen Händen gelandet zu sein. Hier gab es keine Falle, keinen geschickt inszenierten Rauschgift-Schmuggel oder ähnliches.

Donnerstag, 30.01.20

Nach einer Nacht im Hostel wurden wir, wie besprochen, abgeholt und Edgar fuhr uns durch Chetumal. Nach einem Frühstück im Restaurant seiner Mutter machten wir uns an einige Besorgungen. Edgars Tochter begleitete uns und dolmetschte stolz Spanisch-Englisch.

Danach ein Mittagessen aus der Bäckerei und samt der drei Kinder an die Lagune zum Baden. Traumhaft klares Wasser, Mangrovenwälder und eine unbeschreibliche Ruhe – herrlich.

Als wir zurückkamen, lernten wir noch eine weitere Schwester von Edgar kennen. Und die lud uns prompt zur Übernachtung in ihr Haus 4 Blocks weiter ein. Und so verschob sich unser Umzug um einen weiteren Tag: Edgar fuhr unser Gepäck zum Haus der anderen Schwester und wir radelten hinter dem Wagen her. Das nahezu pausenlose Hin- und Her-Geschleppe und die kurzfristigen Planänderungen wurden auf Dauer etwas anstrengend. Da hofften wir, dass sich das ab morgen beruhigen würde.

Freitag. 31.01.20

Edgar holte uns mit dem Wagen ab und fuhr mit uns nach Bacalar. Er hatte dort heute beruflich zu tun und für uns war es die Gelegenheit, doch noch die Lagune Bacalar sowie die Cenote Azul zu besichtigen. Denn das war unser ursprünglicher Plan für Vorgestern gewesen.

25 km vor Bacalar ging die Batterie-Kontrollleuchte an und Edgar hatte ein Problem mit dem Keilriemen. Er kontaktierte seinen Kumpel, einen Kfz-Mechaniker, und bis alles repariert war, vergingen zwei Stunden. Dann ging die Fahrt weiter.

Für die Zwischenzeit schickte uns Edgar in eine nahegelegene Straßenküche, wo wir wieder einige mexikanische Spezialitäten testen durften.

Die Cenote Azul liegt nahe am Lake Bacalar und ist ein Badeparadies, umgeben von dichtem Dschungel.

Der Lago Bacalar dagegen präsentiert sich im Bereich der Stadt Bacalar in traumhafter Farbe. Es wird mit der „Laguna De Los Siete Colores“ geworben. Und tatsächlich ist der fließende Übergang der hellen Blautöne in Verbindung mit dem Sandstrand und den tropischen Palmen einzigartig und erinnert sofort an die Karibikstrände.

Kurz vor der Dunkelheit holte uns Edgar per Wagen wieder ab und fuhr uns heim, wo wir dann entgegen der ursprünglichen Planung auch noch für weitere Nächte bleiben konnten. Das versprach einen etwas ruhigeren Tagesablauf und wir hatten jetzt ein ausreichend großes Zeitfenster, um noch einige Dinge zu erledigen, die sich aufgestaut hatten.

Samstag, 01.02.20 – Sonntag, 9.02.20

Für Samstag stand die Suche nach einem neuen Smartphone an. Unser Zweithandy schien laut Aussage der Fachleute im kolumbianischen Bogotá nicht reparabel und somit war eine Neuanschaffung fällig. Ich fuhr alle Handygeschäfte im Stadtzentrum ab und fand am Ende ein Neugerät für unter 100 Euro mit guten technischen Werten. Leider gab es in den Einstellungen keine Möglichkeit, die Sprache auf Deutsch umzustellen. Lediglich Spanisch und Englisch standen zur Wahl. So müssten wir zukünftig mit Englisch Vorlieb nehmen. Geht auch, dachten wir und kauften das Gerät.

Im Nachhinein kamen dann aber doch Zweifel auf, ob der Gerätekauf eine gute Idee war. Denn im Internet fand ich kein Benutzerhandbuch in Deutsch als Download und auf dem eigenen Netbook musste ich erst mit viel Aufwand den richtigen Treiber installieren, damit das Handy dort überhaupt erkannt wurde. Unser neues Handy war tatsächlich speziell für den mexikanischen Markt ausgelegt. Wir mussten also damit rechnen, dass dieses Gerät in der europäischen Heimat bei Telefonie oder Internet-Nutzung nur eingeschränkt funktionieren würde.

Kaum hatten wir uns mit dem neuen Handy vertraut gemacht, bot sich zufällig die Möglichkeit, unser altes, defektes Handy doch noch per Reparatur zu retten: In einer Handy-Reparatur-Werkstatt prüften sie das Gerät und boten uns den Austausch der Hauptplatine für 550 Peso an. Danach wäre wieder alles in Ordnung. Wir gaben die Reparatur sofort in Auftrag, doch nach einer Woche Wartezeit wurden wir enttäuscht: Die erforderliche Hauptplatine gab es nicht in Mexiko zu kaufen, auch nicht als gebrauchtes Teil. Es war eine Platine speziell für den australischen und den nordamerikanischen Raum. Klar, wir hatten das Handy vor zwei Jahren in Australien erhalten.

So blieb uns am Ende als Ergebnis ein defektes altes Handy und ein neues Handy mit starken Einschränkungen für den Betrieb in der europäischen Heimat.

Etwas frustriert fanden wir uns mit diesem Resultat ab und ich erstellte jetzt aus all unseren bisherigen Erfahrungen und Erlebnissen rund um Beschaffung und Reparatur unserer Reise-Elektronik einen neuen Blog-Artikel: Elektronik im Ausland kaufen.

Wir waren dankbar für die Unterkunft bei Edgars Schwester. So unternahmen wir noch eine Stadtbesichtigung, fuhren die Strandpromenade ab und organisierten große Handwäsche.

Ergänzend zu unseren Einkäufen in den Supermärkten der Stadt bereicherte immer wieder etwas aus der Straßenküche unsere Verpflegung vor Ort. Denn täglich kamen ziemlich regelmäßig mehrere mobile Verkaufsstände vorbeigefahren, alle erkennbar durch eine Hupe oder Klingel. Es dauerte allerdings seine Zeit, bis wir uns eingeprägt hatten, welcher Klingelton den Brothändler, den Wasserverkäufer, den Gaslieferanten, den Eisverkäufer oder den Taco-Verkauf ankündigte.

Montag, 10.02.20

Am Montag verabschiedeten wir uns aus Chetumal und machten uns auf den Weg in den Gliedstaat Campeche im Westen der Halbinsel Yucatán. Wir hatten geplant, uns die Ausgrabungsstätte Palenque in Chipas anzusehen und danach wieder Richtung Norden an der Westküste entlangzuradeln bis San Francisco de Campeche.

Gleich hinter Chetumal säumen endlose Zuckerrohr-Plantagen zu beiden Seiten die Straße. Die Landschaft ist flach und an der Straße findet sich nur selten ein schattiger Platz für eine Pause.

Da traf es sich gut, dass wir in Huay Pix gleich 12 km hinter Chetumal noch eine Badepause an der Laguna Milagros einlegen konnten.

Nachdem die größte Hitze durch war, radelten wir weiter und suchten uns dann am späten Nachmittag in einem der kleinen Dörfer entlang der Straße einen Schlafplatz. Wir fragten uns durch bis zum Gemeindehaus und keine 5 Minuten später hatten wir einen Platz für unsere Schlafmatten in der Holzbaracke nebenan. Das lief besser als gedacht.

Dienstag, 11.02.20

Unglaublich laut war es während der ganzen Nacht. Denn genau gegenüber unserer Hütte befand sich ein 24h- LKW-Reifenservice. Den hatten wir gar nicht als mögliche Lärmquelle eingestuft. Doch hier ließen viele durchreisende LKWs über die gesamte Nacht neue Reifen aufziehen und bescherten uns immer die gleiche Geräuschkulisse: Hydraulikschrauber, laufende Dieselmotoren und viel laute Musik. Dafür hatten wir einen sicheren Schlafplatz.

Wir wollten die kühlen Vormittagsstunden zum Radeln zu nutzen, doch ab 11 Uhr war es schon wieder drückend heiß. Zudem wurde das Panorama jetzt hügeliger. Die Straße führte schnurgerade ohne Kurven über die einzelnen Hügel. So kamen wir trotz Rückenwind nur langsam voran, denn die Anstiege bremsten uns gehörig aus.

In Nicolás Bravo flüchteten wir aus der Mittagssonne und kauften uns zur Abkühlung einen riesigen Eisbecher aus dem Supermarkt. 1,3 Liter Speiseeis, … wie gut das tat.

Die Hitze war derart drückend, dass wir uns erst um 16 Uhr wieder bei Kräften fühlten und fit waren für die Weiterfahrt. Doch ein Blick auf unsere Karte und es war schnell klar, dass wir uns heute besser hier im Ort einen Schlafplatz suchen müssten. Die nächste Stadt lag in 50 km Entfernung und wir hatten noch 3 Stunden Tageslicht.

Wir fragten uns durch den Ort und landeten am Ende an der katholischen Kirche, wo wir nach 19 Uhr in einer halboffenen Gebäudeecke unsere Matten ausbreiten konnten.

Mittwoch, 12.02.20

Die Straße von der Ostküste zur Westküste (MEX 186) zieht sich wie Kaugummi. Die Hügellandschaft entlang der Straße ist zwar ganz nett, doch besondere Highlight werden einem hier nicht geboten. Ab und zu führt ein Abzweig zu einer der vielen, kleineren Maya-Ruinenstätten, die wir aber nicht besichtigen wollten. Wir hatten uns eben für Palenque entschieden und da hatten wir noch 400 km Weg vor uns.

In Xpujil hatten wir unser Tagespensum von 50 km und über 500 Höhenmeter erreicht und waren tatsächlich wieder reif für den entspannenden Teil des Tages, obwohl wir erst 14 Uhr hatten. Es war unglaublich quirlig im Stadtzentrum, obwohl die Stadt nicht besonders groß ist. Das wundert uns hier immer wieder: auf 100 km Straße gibt es lediglich eine Kleinstadt, doch in dessen Zentrum ist soviel Leben wie in einer ausgewachsenen Großstadt. Kaum verlässt man das Stadtgebiet, dominieren wieder gähnende Leere und einsame Straße.

Unseren Schlafplatz fanden wir in Xpujil im Schlafraum einer gemeinnützigen Einrichtung der Stadt. Wir waren erleichtert, dass die Quartiersuche hier in Mexiko bisher relativ unkompliziert klappte. In den kleinen Dörfern entlang unserer Route hatten wir mit mehr Aufwand gerechnet, weil es nirgends eine Station der Bomberos und auch keinen Warmshowers-Kontakt gab. Doch Kirche und Casa Communal waren gute Adressen. Aufs Zelten wollten wir bewusst verzichten, weil wir die Sicherheit nie gut einschätzen konnten.

Donnerstag, 13.02.20

Hätten wir mal besser das Zelt aufgeschlagen, dann wäre es eine erholsame Nacht geworden. Das haben die vielen Mücken in unserem Schlafraum verhindert. Sie hatten uns ordentlich zugesetzt. Annett baute in der Not über ihrem Bett das Mückennetz auf und ich versuchte es mit dem kleinen Mückennetz für den Kopf. Das klappte allerdings mehr schlecht als recht und so war ich am Morgen zerstochen und fühlte mich gerädert wie nach einer schlaflosen Nacht.

Unser Tagesziel war die Laguna Silvituc bei Centenario. Weil die Straße bis dorthin auf weiten Teilen ohne harte Steigungen durch die Ebene verlief, kamen wir heute schneller voran. Wir freuten uns auf das kühle Bad im See, doch wir wurden bitter enttäuscht: Die Lagune war größtenteils mit Wasserpflanzen bedeckt und an den freien Stellen schimmerte dreckig-braune Brühe hervor. Da war uns die Lust aufs Baden vergangen. Schade!

Ebenso lief es heute bei der Suche nach einem Schlafplatz nicht rund. Wir pendelten zwischen Casa Communal, Kirche und zwei weiteren Hoffnungsträgern, mussten aber überall 1-2 Stunden warten, bis die Verantwortlichen einträfen. Am Ende klappte es dann im Casa Communal im offenen Durchgang zwischen zwei Gebäuden.

Wir nächtigen nicht gerne in einer Stadt bei offenem Zugang zu unserem gesamten Gepäck, doch unser Kontaktmann versicherte uns, hier wäre es ruhig und friedlich. Außerdem gäbe es einen Nachtwächter für dieses Gebäude.

Wir hatten gerade unsere Matten und Schlafsäcke liegen und das Mückennetz aufgehängt, da flog ein Fußball mit viel Schwung vom benachbarten Sportplatz den Hang hinunter und prallte mit voller Wucht gegen die Wendeltreppe gleich neben unserem Schlaflager. Mit einer Flugbahn um lediglich einen Meter weiter rechts hätte es unser Mückennetz getroffen (was im gespannten Zustand ja tatsächlich aussieht wie ein Fußballtor). Wir hatten sagenhaftes Glück gehabt. Hätte der Ball getroffen, wäre unser Mückennetz sicher nur noch mit aufwändiger Stickerei zu retten gewesen. Aber jetzt waren wir doch etwas angespannt, bis die Jungs um 23 Uhr auf dem Sportplatz ihr Training beendeten.

Der Nachtwächter saß derweil draußen vor der Glastüre und sicherte uns zur Straße hin ab. Als wir uns dann schlafen legten, saß er immer noch dort. Vielleicht war es hier ja doch gefährlich?!

Freitag, 14.02.20

Es war eine ruhige Nacht, wenngleich wir auch so viele Insekten, Käfer, Heuschrecken und Libellen wie selten als Gesellschaft auf unserem Mückennetz begrüßen durften. Auch der Hund, der sich gleich neben unseren Matten schlafen gelegt hatte, war friedlich.

Als wir früh um 7 Uhr aufstanden, verabschiedete sich unser Nachtwächter. Er hatte tatsächlich über die ganze Nacht vor dem Gebäude für uns Wache gehalten.

Bis wir uns ein Frühstück zusammen gekauft und heißes Wasser für unsere Thermoskannen hatten, brannte die Sonne auch schon wieder mit voller Kraft. Wir wechselten heute auf die linke Straßenseite, um den kühlen Schatten der Bäume zu nutzen. Das machte das Radeln deutlich erträglicher.

Auf unserem heutigen Weg bis nach Escarcega lagen auch gleich mehrere Dörfer an der Straße. Das lockerte die Fahrt etwas auf und brach die Monotonie der letzten Reisetage. Gleichzeitig bot sich hier immer wieder eine neue Entdeckung im Rahmen der mexikanischen Straßenküche.

In Escarcega entwickelte sich aus der Schlafplatzsuche eine regelrechte Stadtbesichtigung. Am Ende kannten wir alle Kirchen, gemeinnützige Einrichtungen und die ehemaligen Gebäude öffentlicher Einrichtungen, mussten aber bis 22 Uhr warten, um die Erlaubnis zur Übernachtung in einem dieser Gebäude einzuholen.

Alternativ hätten wir auf dem Gelände der Bomberos unter freiem Himmel unsere Schlafmatten auf dem Boden legen können. Doch das war uns zu riskant. Es könnte ja regnen. Nein, hier würde es nicht regnen. Nicht zu dieser Jahreszeit.

Kaum hatte der Feuerwehrmann das ausgesprochen, brach ein Platzregen los. Kurz, aber heftig. Nein, hier regnet es nicht!

Samstag, 15.02.20

Um 7 Uhr hatten wir gepackt und das Gebäude schon wieder verlassen. Das hatten wir dem Hausmeister gestern Nacht versprochen. Dennoch dauerte es dann zwei Stunden, bis wir mit Frühstück und Trinkwasser-Beschaffung abfahrbereit waren.

Wir schafften über den Tag ganze 42 km. Mehr war bei der Hitze nicht drin. Bei jeder Gelegenheit legten wir im Schatten eine Pause ein. So erreichten wir am Nachmittag Mamantel, einen kleinen Ort, der in unserer Offline-Karte gar nicht eingezeichnet war.

Wir nutzten die erstbeste Gelegenheit zur Suche nach einem Schlafplatz und landeten nach nur 10 Minuten in einer Herberge des Hospitals. Das ging unerwartet schnell und entschädigte uns für die schwierige Odyssee gestern Abend.

Leider war die Küche abgeschlossen. So kochten wir mit unserem superteuren Reserve-Spiritus. Aber genau für solche Gelegenheiten hatten wir ihn ja auch gekauft.

Sonntag, 16.02.20

Dank Deckenventilator ließen uns die Mücken in Ruhe und wir schwitzten mal ausnahmsweise nicht während der Nacht. Selbst der Hüttenschlafsack ist uns hier im mexikanischen Winter noch zu warm.

Wir nutzten die kühlen Morgenstunden zum Radeln und organisierten uns unterwegs noch Trinkwasser. Auf den kommenden 60 km Strecke gab es nur ein oder zwei Dörfer und sonst lediglich Pferde-Ranches, allesamt mit schwerem Gatter verriegelt und von Hunden bewacht. Da verkneift man sich auch schon die Frage nach Trinkwasser.

Gerade so mit dem Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die Kleinstadt El Aguacatal, wo wir dann neben der Kirche unter einem Pavillon unser Schlaflager organisierten.

Im Straßenimbiss 50 Meter weiter gab es Tacos mit alles, das war sehr praktisch und gar nicht mal teuer.

Etwas brenzlig war die Felddusche per Wasserbeutel hinter der Kirche: Man durfte keine 3 Sekunden still an einer Stelle im Gras stehen bleiben, da spürte man schon die Bisse der kleinen, roten Ameisen. Sie sind sehr aggressiv und erinnerten mich sofort an unsere Erfahrungen in Südostasien.

Montag, 17.02.20

Die Anwohner hatten recht behalten: Es war eine ruhige Nacht und unser gesamtes Gepäck stand noch da. Wir hatten da etwas Sorge, weil das Gelände völlig offen lag. Lediglich die Hunde hatten in der Nacht ordentlich Radau veranstaltet. Sie hatten eine große Mülltonne umgeworfen und ausgiebig darin nach Essbarem gestöbert.

Um 9 Uhr waren wir wieder auf der Straße und freuten uns auf die 110 km Strecke bis Palenque durch brütende Hitze bei heftigem Gegenwind.

Als ich nach den ersten 20 km an einer Ranch nach Wasser fragte, wurden wir prompt zum Essen eingeladen. Die ganze Mannschaft saß gerade bei Reis mit Bohnen. Wir steuerten dafür unsere Bananen bei.

Irgendwann passierten wir die Kontrollstation zwischen den Gliedstaaten Campeche und Chiapas. Das war die erste und einzige Chance zum Trampen. Denn hier mussten alle Fahrzeuge anhalten. Es dauerte auch nur 2 Minuten, da fand sich ein Pickup, der uns bis kurz vor Palenque mitnehmen konnte. Damit hatte der Kampf gegen den heftigen Gegenwind ein Ende. Wir waren erleichtert.

Lediglich der Ameisenbefall in dem Fahrzeug war etwas belastend. So war ich auf dem Beifahrersitz über die gesamte Fahrt hauptsächlich damit beschäftigt, die ständig an mir hochkrabbelnden Tiere wieder von mir zu schnipsen.

Annett hatte derweil intensive Beschäftigung durch den jungen Hund des Fahrers. Sie wurde fast pausenlos abgeleckt. Der Hund mochte sie wohl. Dafür hatte Annett mehr Ruhe vor den Ameisen, denn die fraß der Hund schon, bevor sie Annett erreichten.

In Palenque fuhren wir zu den Bomberos und fragten nach einem Schlafplatz. Insgeheim rechneten wir mit einer Absage, weil wir das von touristischen Orten nicht anders kannten. Doch hier war das anders: Wir erhielten sofort eine Zusage und bekamen Zugang zu Küche und Dusche. Es wäre auch kein Problem, das gesamte Gepäck über den morgigen Tag in der Halle stehenzulassen, während wir die Maya Ruinen besichtigen. Wir waren begeistert und freuten uns, dass heute alles wie an der Schnur gezogen lief.

In der Nacht fiel dann für mehrere Stunden Regen. Da waren wir natürlich froh, jetzt nicht wie an den letzten Tagen unter einem halboffenen Provisorium schlafen zu müssen. Denn das wäre jetzt bei dem Wind eine feucht-kalte Angelegenheit geworden.

Dienstag, 18.02.20

Wir ließen all unser Gepäck an unserem Schlafplatz stehen und fuhren zeitig am Morgen zu den Maya Ruinen von Palenque im Westen der Stadt. Hier befinden sich die Ausgrabungen einer ganzen Stadt. Zwar ist nur ein Bruchteil davon zur Besichtigung freigegeben, doch das reicht für ein tagfüllendes Programm, so umfangreich ist die Anlage. Wir haben diese Ausgrabungsstätte in einem separaten Artikel detailliert beschrieben:

Palenque – Maya Ruinen in Mexiko.

Doch nicht nur die Ruinen der Maya Tempel sind in diesem Park ein Highlight. Das gesamte Areal ist Bestandteil eines Nationalparks mit tropischem Regenwald. Hier wachsen Lianen, Baumriesen mit Blattwurzeln sowie Würgefeigen und das Wasser des Rio Otulum fließt an einigen Stellen in Terrassen zu Tal. Die befestigten Wege in dem Park laden zu größeren Dschungelwanderungen ein.

Als wir am Ende der Besichtigung wieder bei unseren Fahrrädern eintrafen, fiel Annett auf, dass sie über das konzentrierte Filmen ihre Trinkflasche im Park stehen gelassen hatte. Ich blieb mit unseren Taschen an den Fahrrädern und sie lief sofort zurück, in der Hoffnung, ihre Flasche noch zu erreichen, bevor sie in falsche Hände gerät. Doch es war schon zu spät. Die Flasche war weg. Immerhin eine hochwertige Flasche aus dem Outdoor-Laden. Nicht gerade preiswert.

Annett rannte durch den gesamten Park, bis sie irgendwann tatsächlich ihre Flasche in der Hand eines Mexikaners entdeckte und sich wieder zurückholte, was ihr gehörte.

Sie fand sogar den gestrickten Überzieher wieder, den sie stets als Schutz für die Flasche benutzt. Er lag in einer der Mülltonnen auf dem Weg zurück. Der Mexikaner hatte sie achtlos weggeworfen.

Annett war glücklich, wenn auch in Schweiß gebadet. Denn der Weg zwischen Ruinen und Ausgang enthält viele Treppen, die sie jetzt ja dreimal hinter sich hatte.

Kurz vor der Dunkelheit trafen wir wieder bei unserem Gepäck ein und waren erleichtert, dass uns eine zweite Nacht ohne Zögern bei den Bomberos gewährt wurde.

Mittwoch, 19.02.20

Für heute hatten wir uns die Fahrt nach Agua Azul vorgenommen. Dort wollten wir uns die gleichnamigen Wasserfälle ansehen. 64 km Straße und mäßige Steigungen, so hatten uns die Einheimischen die Strecke beschrieben. Doch tatsächlich erwarteten uns hier einige waschechte Pässe durch die Berge mit vielen hundert Höhenmetern.

Dabei hatte ein Plattfuß an meinem Hinterrad einen frühen Start in den Tag gleich zu Beginn vereitelt. So erreichten wir die Pässe erst in der vollen Mittagshitze.

Gleich hinter Palenque geht es ziemlich steil hoch in die Berge. Landschaftlich war der weitere Verlauf der Straße ein Traum, denn die Berge sind hier in Chiapas mit dichtem Regenwald bedeckt. Aber die Straße windet sich mit unzähligen Kurven durch die Berge und ist für uns Radler wegen dem fehlenden Seitenstreifen sehr gefährlich.

Trampen war zwecklos, denn aus voller Fahrt hält in Mexiko niemand. Mit etwas Geduld klappte es dann an einer dieser Geschwindigkeitsbarrieren, an denen jeder Autofahrer nur im Schritttempo drüberfahren kann. So ersparte uns die Mitnahme in einem LKW über die Hälfte der Höhenmeter und wir erreichten Agua Azul noch am frühen Nachmittag.

Zwei km vor dem Ortseingang wird erst einmal abkassiert: 25 Peso sind fällig für die weitere Fahrt bis zu den Wasserfällen. Man erklärte uns, das sei der Eintritt für die Wasserfälle.

Doch im Ort wurde dann noch einmal abkassiert: 40 Peso für den Zugang zu den Wasserfällen. Wir zeigten unsere 25-Peso-Tickets als Beleg, dass wir schon gezahlt haben, doch das interessierte sie nicht. Da kehrten wir auf der Stelle um und wollten erst einmal andere Zugänge in die Stadt suchen. Der Kassierer rief uns daraufhin umgehend zu sich zurück und ließ uns jetzt spontan ohne zusätzliches Eintrittsgeld passieren. Geht doch!

Wir freuten uns natürlich, denn somit hatten wir größeren finanziellen Spielraum für die relativ teure Straßenküche hier im Ort. Aber wir waren uns nicht sicher, ob wir gerade nur einer trickreichen Abzocke entkommen waren oder ob man uns aus echtem Respekt vor unserer Reiseart mit Fahrrad und schwerem Gepäck durch die anstrengenden Berge kostenfreien Zutritt gewährte. Egal, wir waren angekommen und genossen für die verbleibenden Stunden des Tages die atemberaubenden Agua Azul Wasserfälle.

Die ungewöhnlich mühsame Anfahrt von Palenque bis hierhin hatte sich tatsächlich gelohnt. Das Farbenspiel der Wasserfälle ist einzigartig: Das saubere, klare Wasser schimmert in türkisblau bis smaragdgrün, die überspülten Felsen sind erdfarben, dazu die tropische Botanik zu beiden Seiten des Ufers, … ein traumhaftes Naturschauspiel wie aus dem Bilderbuch.

Hier geht es zu unserem Artikel über die Agua Azul Wasserfälle.

Unsere Videos auf YouTube:

Viel zu schnell setzte die Dämmerung ein und wir mussten uns einen Schlafplatz suchen. Ein leerstehender Neubau neben der Kirche war der einzige und gleichzeitig der sicherste Platz, den wir finden konnten. Man schloss uns über Nacht ein und wir hatten unsere Ruhe.

Donnerstag, 20.02.20

Wir fuhren erneut ans Flussufer, um die Wasserfälle noch einmal im morgendlichen Sonnenlicht zu genießen. Dabei gingen wir auch baden und fühlten uns einmal wie die anderen Urlauber.

Zur Mittagszeit, pünktlich zur großen Hitze, verließen wir Agua Azul und machten uns an den Rückweg Richtung Palenque. Der Aufstieg zur Hauptstraße war dabei besonders hart: 280 Höhenmeter auf 4,5 km. Wir schoben beide unsere schweren Räder, denn zum Fahren war die Straße oft zu steil.

So schwitzten wir in der Mittagshitze vor uns hin und benötigten tatsächlich 2 ganze Stunden für diese kurze Passage.

Danach folgte dafür eine traumhafte Abfahrt. Die Straße schlängelt sich hier durch die Berge und immer wieder fährt man an einzelnen Hütten der Landarbeiter vorbei. Mais wird hier in Handarbeit in den steilen Hängen angebaut. Ansonsten säumt tropischer Regenwald die Straße.

Der einzige Ort auf unserem Weg zurück nach Palenque war Tulija. Hier suchten wir uns einen Schlafplatz und verschoben die Weiterfahrt auf morgen. Zu groß war das Risiko, unterwegs mitten in den Bergen in die Dunkelheit zu geraten.

Wir fragten uns zum Kommissariat durch und erhielten den Zugang zu einer Hütte an der Straße. Hier konnten wir Wäsche waschen, hatten Licht, Strom und einen sicheren Platz für Fahrräder und Gepäck.

Während ich unser Lager aufbaute, unternahm Annett eine Wanderung durch den angrenzenden Wald und die Palmöl-Plantagen bis ans Flussufer. Ein Farmer beschrieb es als kleinen Spaziergang, doch am Ende wurde es für Annett ein abenteuerlicher Trip durch wilde Tierherden und den finsteren Wald. Sogar einige dubiose Gestalten kreuzten ihren Weg. Etwas unheimlich war es am Ende schon und sie war sehr erleichtert, in fortgeschrittener Dämmerung wieder unversehrt zu unserer Hütte zurückzukehren.

Freitag, 21.02.20

Früh am Morgen setzte Regen ein. Wir hatten versprochen, um 7 Uhr das Gebäude wieder zu verlassen, doch der Regen änderte das. Jetzt warteten wir geduldig, bis sich um 10 Uhr die letzten Regenwolken verzogen hatten.

Die Sonne schaffte danach innerhalb weniger Minuten eine tropische Schwüle, die perfekt zu dem Regenwald entlang unserer Straße passte. Wenn die Hitze auch nur schwer zu ertragen ist beim Radeln oder Schieben, sie untermalte die Szenerie sehr eindrucksvoll.

Unser erstes Highlight des Tages war dann ein opulenter Imbiss auf einem Schulgelände, wo Eltern für die bevorstehende Pause Empanadas, Tacos und einige andere mexikanische Speisen zum Verkauf aufgetischt hatten. An uns verkauften sie auch und das zu einem unglaublich günstigen Preis.

Wir hatten gerade unsere Mahlzeit zusammengekauft, da klingelte die Schulglocke und um die 100 Schüler stürmten die Stände. Nach 10 Minuten waren die Stände nahezu leergekauft und die Schüler verzogen sich wieder in die Klassenräume. Die Eltern packten jetzt ihre Utensilien zusammen und verschwanden wieder nach Hause. Wir waren tatsächlich zufällig in der passenden Minute hier eingetroffen.

Am Nachmittag erreichten wir wieder Palenque, wo wir vor zwei Tagen für zwei Nächte bei den Bomberos übernachtet hatten. Da lag der Gedanke nahe, die Fahrt erst morgen fortzusetzen und erneut bei den Bomberos zu fragen. Wir waren herzlich willkommen und wussten schon nach einer halben Stunde, dass wir richtig entschieden hatten: Ein Platzregen ergoss sich plötzlich über der Stadt. Eine Stunde lang schüttete es wie aus Eimern.

Zu spät bemerkte ich dann, dass ich meine Packtaschen im Schlafraum direkt unter einem offenen Lüftungsschacht stehen hatte, aus dem während der Regenschauer fleißig Wasser herunterrieselte. Es war nicht viel Wasser, aber es reichte, um die obere Schicht in allen vier Packtaschen mächtig einzunässen, denn ich hatte alle Packtaschen offen stehen.

Samstag, 22.02.20

Es war dicht bewölkt und sah nach viel Regen aus. Da ahnten wir schon, dass es uns heute erwischen würde. Und tatsächlich waren wir noch keine 5 km gefahren, da fuhren wir durch den ersten Schauer. Es dauerte nicht lange, da hatten wir beschlossen, uns im Klein-LKW mitnehmen zu lassen. Insbesondere die Autopista zwischen Catazaja und Villahermosa wäre bei strömendem Regen nicht so berauschend.

Zufällig klappte das Anhalten eines LKW heute deutlich besser als in all unseren bisherigen Versuchen und zufällig fand sich gleich beim ersten Treffer eine Mitfahrgelegenheit bis zum 120 km entfernten Villahermosa, der einzigen größeren Stadt ab Palenque.

Wegen einigen Baustellen und den vielen LKWs benötigte unser Fahrer mehr als zwei Stunden. Dabei erwischten wir zwei fette Regengüsse, die wir auch voll genießen durften. Denn wir kauerten neben unseren Fahrrädern auf der offenen Ladefläche. Da wurde es plötzlich ungemütlich kalt bei dem Fahrtwind.

Für uns hätte es per Fahrrad gegen den Wind und unter Regenschauer zwei oder sogar drei Tage gekostet. Doch durch die Mitnahme im Auto erreichten wir Villahermosa schon heute am frühen Nachmittag.

Auch die Suche nach einer Unterkunft dauerte nicht lange: Anna, ein Warmshowers-Kontakt, sprach uns zufällig auf der Straße an und vermittelte uns quasi an Kaleb, ein anderes Warmshowers-Mitglied, denn sie selber hatte daheim zurzeit keinen Platz.

Kaleb gab uns am Abend noch Tipps für eine Besichtigungsrunde in der Stadt und bot uns seine Waschmaschine an. Die hatten wir bitter nötig, denn in den letzten vier Wochen hatten wir lediglich „kleine“ Handwäsche in der Faltschüssel.

Mit Sorge verfolgten wir die Berichterstattung über die Ausbreitung des Corona-Virus in Europa. Jetzt gab es die ersten Toten in Italien und einen rasanten Anstieg infizierter Personen. Das kreuzte unsere Reisepläne für die anstehende Rückreise durch Europa zwischen April und Juni.

Denn wir hatten ja geplant, von Madrid aus über Frankreich und Italien weiterzuradeln. Und wir hofften jetzt, dass Spanien Ende März noch nicht ähnliche Zahlen meldet, denn unser Rückflug von Mexiko nach Madrid war schon gebucht. Doch es sollte ja noch viel schlimmer kommen.

Sonntag, 23.02.20 – Montag, 02.03.20

Kaleb bot uns an, länger zu bleiben, wenn wir wollten. Er zeigt uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt auf der Karte und half uns bei der Suche nach einer neuen Hose mit Sonnenschutz für Annett.

So fuhren wir gleich zum Parque Tomás Garrido Canabal, einem netten Park im Norden der Stadt samt der großen Laguna de Las Illusiones. Hier tummeln sich große Krokodile, Kormorane, Reiher und Leguane. Wir erlebten auch große Schlangen, die man sich für ein paar Peso um den Hals legen konnte.

 

Gleich neben diesem Park befindet sich der Parque Museo De La Venta: eine Mischung aus Botanischem Garten, Tierpark und Skulpturen-Ausstellung. Montags ist der Eintritt frei, sonst zahlt man 42 Peso. Einige Tiergehege haben sie tatsächlich sehr weiträumig und naturnah angelegt.

Für die Aras, die großen Papageien, haben sie z. B. die ursprüngliche Botanik samt der Bäume mit einem riesigen kuppelförmigen Käfig umhüllt.

Architektonisch stach vor allem die Catedral del Senor de Tabasco mit ihren sehr markanten Türmen heraus. Besonders eindrucksvoll erscheint sie bei nächtlicher Beleuchtung.

Des Weiteren lohnt sich die Besichtigung des „Casa de los Azulejos“ aus dem 19. Jh., ein sehenswertes Gebäude aus der Kolonialzeit.

Ein weiteres Highlight ist der Torre del Caballero. Es ist ein besteigbarer Turm mit Ausblick auf die Stadt aus 32 Metern Höhe, integriert in eine Fußgängerbrücke über den Rio Grijalva. Der Zutritt kostet 10 Peso (2020), aber wirklich ausgefallen ist die Aussicht auf die Stadt von dort oben nicht.

Während wir uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauten, hatten Ameisen eine ungeöffnete Tüte mit Haferflocken in meiner Packtasche entdeckt und sich fleißig daran zu schaffen gemacht. Eine quirlige Ameisenstraße zog durchs gesamte Schlafzimmer und in der Haferflockentüte wimmelte es vor Ameisen nur so. Das erinnerte uns an Kambodscha. Damals hatten wir innerhalb weniger Wochen gleich dreimal Ausnahmezustand in unserem Gepäck. Der Aufwand, alles wieder zu richten, beläuft sich dabei immer auf einige Stunden. So auch diesmal.

Wir lebten fortan mit der Befürchtung, immer wieder aufs Neue eine Ameisen-Invasion in unserem Gepäck vorzufinden.

Und wenn es nicht die Ameisen waren, dann nervten uns die Mücken. Denn irgendwo war in jedem Raum der Wohnung ein kleines Schlupfloch im Fliegennetz vor den Fenstern.

Die Suche nach einer neuen Hose mit Sonnenschutz verlief dagegen sehr erfolgreich. Und sie war bitter nötig, denn die alte Hose hatte ihren UV-Schutz mittlerweile verloren und Annett musste sich täglich an den Beinen eincremen, weil ihre Haut trotz Hose sonst verbrannte. Die Hautrötungen sahen aus wie Entzündungen. Und eine hochwertige Sonnencreme mit hohem Schutzfaktor war hier in Mexiko auch nicht besonders preiswert.

In Villahermosa feierten wir auch Annetts Geburtstag. Nach Batumi, Battambang, Brisbane und Buenos Aires erstmalig auf unserer großen Radreise in einer Stadt, die nicht mit B beginnt. Es war schon fast eine Tradition geworden.

Zur Feier des Tages ging es morgens zur Yogastunde, mittags zur Massage und natürlich gab es auch einen selbstgebackenen Kuchen.

Dienstag, 03.03.20

Heute fuhren wir weiter Richtung Frontera. Im weiteren Verlauf würden wir dann über Ciudad del Carmen bis Campeche an der Küste zum Golf von Mexiko entlang radeln.

Am Stadtrand kauften wir noch Proviant für die vor uns liegende Strecke an einem dieser riesigen Supermärkte. Kaum war Annett im Einkaufszentrum verschwunden, kam einer der Sicherheitsposten und forderte mich auf, samt der zwei Fahrräder den Eingangsbereich des Gebäudes zu verlassen. Er verwies mich auf den Autoparkplatz. Nein! Mache ich nicht. Da war kein Schatten. Im Übrigen würde Annett mich nicht mehr wiederfinden, wenn sie zurückkommt. Nach kurzer Diskussion kam ein zweiter Wachposten und kurz darauf ein dritter. Allen erklärte ich, dass ich mich erst bewege, wenn Annett zurück ist. Am Ende strapazierten tatsächlich vier Wachleute die Situation. Es war amüsant. Unsere Fahrräder waren ein Sicherheitsrisiko, aber keine drei Meter weiter hielten Fahrzeuge an der Bordsteinkante und das störte keinen.

Als Annett dann zurück war und wir uns einige Meter weiter einen Pausenplatz im Schatten suchen wollten, stellten sie tatsächlich einen Wachposten ab, um uns im Auge zu behalten. Das war jetzt schon ein wenig lächerlich.

Als die größte Mittagshitze überstanden war, radelten wir noch einige km und suchten uns dann in einem Städtchen einen Schlafplatz auf dem Gelände der Kirche. Wir bekamen auch gleich einen riesigen Ventilator mit 1,2 m Durchmesser vor unserem Schlafplatz aufgestellt. Der erzeugte allerdings derart viel Winddruck, dass wir Schwierigkeiten hatten, das Moskitonetz in Position zu halten, ganz gleich, wie wir dieses Monstrum platzierten.

Mittwoch, 04.03.20

Um 5:30 sollten wir den Schlüssel für den Nassraum wieder abgeben. Also stellte ich mir den Wecker auf 5:15. Zu spät bemerkte ich aber, dass ich vergessen hatte, die korrekte Zeitzone am Wecker einzustellen. So klingelte der Wecker tatsächlich schon um 4 Uhr. Und bevor ich den Fehler bemerkte, war ich auch schon angezogen. Dumm gelaufen.

Als wir dann abfahren wollten, passierte das, wovor ich seit einigen Wochen etwas Angst hatte: Der Fahrradständer ging in die Knie und das Fahrrad fiel um. Eine der beiden Schrauben war nun abgerissen und ich musste den Ständer demontieren. Wir hatten einen der stabilsten Fahrradständer für Reiseräder, doch wie bei den meisten anderen Ständern war auch hier das Befestigungssystem die große Schwachstelle.

Als ich den Ständer demontiert hatte, sah ich auch die starke Deformation an der linken Kettenstrebe, die sich im Laufe der Zeit durch den Ständer gebildet hatte. Das sah schon erschreckend aus. Jetzt hoffte ich, dass der Fahrradrahmen nicht vor unserer Rückkehr noch in die Knie geht.

Um 9 Uhr waren wir heute auf der Straße und genossen die morgendliche Kühle. Zudem hatten wir den Schatten der Bäume entlang der Straße auf unserer Seite. So wurde das Radeln deutlich angenehmer als gestern und wir schafften gut Strecke.

Im Laufe des Tages wurde die Landschaft auch wieder etwas interessanter: Unsere Straße führte durch eine Sumpf- und Seenlandschaft. In Verbindung mit den vielen Wasservögel wirkte das gesamte Gebiet wie ein riesiger Naturschutzpark.

Wir zogen durch und erreichten rechtzeitig vor der Mittagshitze die Stadt Frontera, wo wir wieder im Schatten des Supermarktes eine ausgedehnte Pause verbrachten.

Weiterfahren wollten wir heute auch nicht mehr. So suchten wir nach den üblichen Einrichtungen: Bomberos gab es nicht in der Stadt, ein Casa Communal ebenfalls nicht. Aber den Zivilschutz. Und nach drei falschen Wegbeschreibungen lotste uns ein Taxifahrer zur richtigen Adresse.

Dort war die Erlaubnis zur Übernachtung schnell abgemacht. Doch als wir dann erfuhren, dass wir mit 8 weiteren Kollegen in dem gerade einmal 3,5 x 3 m kleinen Schlafraum nächtigen würden, war unsere Stimmung gedämpft. In der Regel trampelt dann Hinz und Kunz über unsere gepflegten Schlafmatten.

Dann erklärte uns ein Kollege vom Zivilschutz, dass heute der fünf-tägige Karneval hier in Frontera beginnt. Und er lud uns ein, gleich mitzufahren, denn die Jungs hatten heute Einsatz, wenn um 19 Uhr die Karnevals-Tanzgruppen ihre Show im Stadtzentrum vorführten.

Keine halbe Stunde später saßen wir auf der Tribüne im Zentrum und durften den Straßenkarneval genießen. Unser Kollege fragte, wie lange wir in der Stadt bleiben wollten und so entwickelte sich aus einer Übernachtung gleich ein Aufenthalt für zwei Tage.

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Donnerstag, 05.03.20

Wir hatten tatsächlich zu 10 Personen in diesem kleinen Raum geschlafen. Dank der Klimaanlage war es angenehm kühl und relativ mückenfrei über die gesamte Nacht. Dabei ließ sich die Türe gar nicht vollständig schließen.

Die hohen Temperaturen und vor allem die hohe Luftfeuchtigkeit machten uns hier in Mexiko so sehr zu schaffen, wie in kaum einem anderen Land auf unserer bisherigen Reise. Es erinnerte an unseren Aufenthalt in Indien kurz nach der Monsunzeit. Lediglich in den großen Supermärkten sind die Temperaturen hier in Mexiko dank Klimaanlage sehr angenehm.

Dummerweise standen heute Morgen all meine Packtaschen genau unter einer dieser Klimaanlagen vor dem Gebäude vom Zivilschutz. Und ausgerechnet in die einzige offene Packtasche tropfte das Kondenswasser aus der Klimaanlage und sorgte in Windeseile für eine kleine Flut in der Packtasche. Auf was man nicht alles achten muss, wenn man sein Gepäck irgendwo abstellt. Gestern die Ameisen, heute die Klimaanlage, … Mal sehen, was ich morgen erleben darf.

Ich nutzte den Pausentag, um den Ständer an meinem Fahrrad zu reparieren. Mit einem Satz neuer Schrauben und einer Rohrschelle war es nach zwei Stunden wieder halbwegs repariert.

Annett kümmerte sich in der Zwischenzeit um Näharbeiten und unsere Handwäsche und spannte die Wäscheleine diesmal zwischen den ausrangierten Dienstfahrzeugen. Wie praktisch doch so ein Autofriedhof sein kann.

Abends ging es dann wieder zum Karneval in die Stadt. Heute stand großes Trommeln auf dem Programm. Mehrere Gruppen präsentierten ihr Trommelprogramm mit Tanz, Kostümen und akrobatischen Einlagen. Die Kollegen vom Zivilschutz organisierten uns wieder einen Platz auf der Tribüne und so konnten wir das Programm aus nächster Nähe genießen.

Über den späten Abend hatte es sich auch deutlich abgekühlt. Das war der Vorbote für die bevorstehenden 4 Tage Regen. So lautete jedenfalls die Vorhersage.

Freitag, 06.03.20

Der Himmel war bedeckt, aber es sah nicht nach Regen aus. Vielleicht haben wir ja Glück und kommen trocken durch den Tag. Die Temperatur war jedenfalls angenehm. Erstmalig seit mehreren Wochen war es kühl heute Morgen. Ideales Radelwetter.

Kaum waren wir auf der Straße und hatten Frontera verlassen, zogen tiefdunkle Wolken auf. Da dauerte es auch nicht lange, da fiel der erste Regen. Doch kaum hatten wir widerwillig unsere Regenkleidung übergezogen, war der Schauer auch schon vorbei.

Dieses Spiel wiederholte sich dann später noch einmal. Ansonsten blieben wir vom großen Regen verschont.

Auch heute fuhren wir durch eine reizvolle Seen- und Sumpflandschaft mit Mangrovenwäldern und den verschiedensten Wasservögeln. Des Weiteren säumten immer wieder Kokospalmen und Bananenstauden unseren Weg.

Nach 45 km erreichten wir das erste Dorf seit Frontera, wo wir uns auch gleich einen Schlafplatz organisierten. Denn auf den vor uns liegenden 55 km bis Ciudad del Carmen gab es keine größeren Dörfer mehr.

Heute hatten wir auch die 37.000 km geradelte Strecke seit Beginn unserer Radreise in 2015 erreicht.

Kaum waren wir im Gemeindehaus untergebracht, brach auch schon der größte Regenschauer des Tages los. Da hatten wir Glück gehabt. Wir mussten uns nur mit den ca. 25! Küchenschaben in der Toilette arrangieren.

Samstag, 07.03.20

Um 6 Uhr schloss der Polizeichef das Gebäude auf, um 8 Uhr waren wir auf der Straße und genossen wieder die Seen- und Sumpflandschaft, die Reiher, Pelikane und Flamingos.

Immer wieder suchten uns Regenschauern heim. Wir flüchteten dann schnell in irgendwelche Unterstände, weil uns die Regenkleidung viel zu heiß war.

Abends erreichten wir Ciudad del Carmen, eine Stadt quasi auf der Insel. Im Norden der Golf von Mexiko, im Süden die Lagune. Der Weg in die Stadt führte über die Puente el Zacatal, eine 3 km lange Brücke über die Verbindung zwischen Meer und Lasgune. Der heftige Gegenwind auf der Brücke war derweil beeindruckend und bremste uns fast bis auf Schrittgeschwindigkeit. Aber solange die Pelikane fast im Zeitlupentempo auf unserer Höhe an uns vorbeischwebten, hatten wir ausreichend Abwechslung.

Ein besonderes Erlebnis war die Technik, mit der diese Pelikane auf Fischfang gingen: Sie stürzten sich aus ca. 10 Metern Höhe in die Tiefe und kamen mit einem Fisch im Maul wieder an die Wasseroberfläche.

Schlafen konnten wir bei den Bomberos. Es gab sogar WiFi, wenngleich das Trainingsprogramm der Bomberos an diesem Abend ausnahmsweise etwas spannender war, als die aktuelle Entwicklung der Coronavirus-Pandemie: Auf dem Gelände hinter dem Haus wurden Lösch-Übungen bis tief in die Nacht abgehalten.

Unser Video auf YouTube: Die Bomberos üben den Ernstfall

Sonntag, 08.03.20

Nach einem gelassenen Start in den Tag brachen wir pünktlich zur Mittagshitze auf und fuhren die Uferstraße entlang Richtung Norden. So genossen wir den Blick aufs Meer und die kleinen Sanddünen und entgingen dem Großstadtverkehr im Zentrum.

Auch durften wir wieder einmal Leguane in allen Größen und Farben beobachten. Sie sitzen weit oben in den Bäumen, sind aber deutlich leichter zu entdecken als die Koalas in Australien.

Unser Video auf YouTube: Leguane in der Stadt

Um 16 Uhr machten wir uns auf den Weg aus der Stadt und erspähten an der Hauptstraße zufällig eine weitere Bomberos-Station, von der wir gar nichts wussten. Wir fragten spontan nach einem Übernachtungsplatz und erhielten sofort die Zusage. Damit war die Sorge um die Schlafplatzsuche in der Wildnis nördlich von Ciudad del Carmen verflogen.

Die Bomberos boten uns stolz den Gasherd in der Küche zum Kochen an, doch am Ende funktionierte er dann doch nicht, weil die Gasflasche leer war. Für uns war das gar nicht tragisch, doch den Bomberos war es so unangenehm, dass sie uns am Abend auf eine große Pizza einluden.

Montag, 09.03.20

Nach einer herzlichen Verabschiedung und einem Foto-Shooting mit dem ganzen Team fuhren wir weiter an der Küste entlang Richtung Isla Aguada, unserem heutigen Tagesziel.

Wir hatten zwar Gegenwind, gaben aber dennoch Gas, weil wir rechtzeitig vor der Mittagshitze ankommen wollten.

Wenige km vor Isla Aguada entdeckten wir dann zufällig eine traumhaft schöne Pausenstelle mit Schatten und Zugang zum Meer samt Dusche. Da legten wir natürlich gleich eine ausgedehnte Badepause ein.

Isla Aguada erreichten wir dann bei Einbruch der Dunkelheit und einen Schlafplatz fanden wir wieder neben einer Kirche unter dem Vordach.

Dienstag, 10.03.20

Wir fuhren weiter an der Küste entlang in der Hoffnung, heute wieder einen traumhaften Pausenplatz zum Baden im Meer zu finden. Doch da wurden wir enttäuscht. Bis Sabancuy, dem ersten Ort nach 44 km Straße, waren alle brauchbaren Strandzugänge entweder in privater Hand oder sie fielen wegen dem sandigen Zugangsweg für unsere Fahrräder aus.

Weil es in Sabancuy offensichtlich schwierig war, einen Schlafplatz zu finden, beschlossen wir, noch weiterzufahren Richtung Champotón. Allerdings würden wir die Stadt nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreichen, denn der Gegenwind blies jetzt ungewöhnlich stark.

Zum Glück fand sich dann aber ein Pickup, der uns die letzten km bis in die Stadt mitnahm. So blieb uns eine Nachtfahrt auf diesem ziemlich gefährlichen Highway erspart.

Champotón ist eine Großstadt, doch eine Station der Bomberos gibt es nicht. Und auch beim Zivilschutz (Proteccion Civil) wies uns der Pförtner gleich ab, weil wohl keiner da wäre. Das kann ja wieder eine lange Nacht werden, dachte ich bei mir. Doch gerade, als wir weiterfahren wollten, kam zufällig ein Fahrzeug vom Zivilschutz und bat den Pförtner um Einlass. Ich fragte den Fahrer und tatsächlich, es war möglich, hier zu übernachten. Da waren wir zufällig im richtigen Augenblick hier eingetroffen.

Es war alles sehr spartanisch eingerichtet, doch wir waren froh um den sicheren Schlafplatz im Gebäude.

Etwas nervig war nur einer der beiden Nachtwächter. Er hatte den Schlüssel zum WC-Häuschen und war ständig bestrebt, das Stille Örtchen abzuschließen. Dreimal mussten wir hinter ihm herlaufen, um die Toilette benutzen zu können.

Mittwoch, 11.03.20

Für heute stand die Besichtigung der Maya Ruinen von Edzná auf dem Plan. Also machten wir uns früh auf den Weg. Sobald wir die Küstenstraße verlassen hatten, säumten Zuckerrohr-Plantagen unseren Weg. Es war gerade Erntezeit und alle 5 Minuten kam ein mit Zuckerrohr beladener LKW vorbei.

Am späten Mittag erreichten wir Edzná und schauten uns die Ruinen an. Es war ein Tipp der Bomberos vor zwei Tagen und sie hatten recht: Die Tempel-Anlage war mächtig groß und der Eintritt war mit 65 Peso unerwartet preiswert. Die Ruinen von Edzná haben wir in einem separaten Artikel näher beschrieben:

Edzná – Maya Ruinen in Mexiko

Nach der Besichtigung fuhren wir wieder Richtung Küste nach Campeche. Da fehlten uns allerdings einige Stunden Tageslicht, denn zum Sonnenuntergang hatten wir noch 30 km Strecke vor uns.

Weil es an der Straße bis Campeche keine Stadt und kein Dorf gab, wo wir hätten bleiben können, ließen wir uns wieder in einem Pickup nach Campeche fahren, wo wir nach einer etwas anstrengenden Sucherei bei den Bomberos unterkamen.

Donnerstag, 12.03.20 – Dienstag, 17.03.20

Campeche besitzt eine historische Stadtmauer im Zentrum, einige alte Kathedralen und einen schön angelegten Küstenradweg. Auch die alten Straßen innerhalb der Stadtmauer sind allesamt sehr sehenswert.

Nach der Stadtbesichtigung machten wir uns auf den Weg Richtung Mérida im Norden. Ein Highway mit vier Spuren und viel Verkehr, dazu monotone Landschaft entlang der gesamten Route und nur wenige kleinste Dörfer auf 150 km Strecke, … Da ließen wir uns am späten Nachmittag auch hier im Pickup mitnehmen und erreichten so gerade noch vor der Dunkelheit Mérida, wo wir nun einige Tage bleiben wollten.

Die Kontaktaufnahme mit einem Warmshowers-Mitglied funktionierte zufällig sehr schnell, doch die Adresse war nicht leicht zu finden. Mehrere Anwohner und auch drei Taxifahrer schickten uns immer wieder in andere Richtungen, sodass wir am Ende der Odyssee dreimal im Kreis gefahren waren. Die Straßen in Mérida sind durchnummeriert und mit der Adresse „64 x 65 x 66, Casa #…“ waren selbst die Anwohner mehr Zeit mit Rechnen und Interpretieren beschäftigt als mit der Beschreibung des Weges dorthin.

Angekommen, entpuppte sich unser Gastgeber als Hostel und man nannte uns gleich die Preise. Für unser Budget viel zu teuer. Wir wollten das Haus gleich wieder verlassen, um nach einem privaten, nicht-kommerziellen Warmshowers-Kontakt zu suchen. Doch zufällig suchte die Hostelleitung gerade händeringend Volontärs und da kamen wir wohl als Kandidaten infrage: vier Stunden Arbeit im Hostel täglich, dafür ein Bett und das Frühstück zum Nulltarif. Wir sagten zu und freuten uns über diese unerwartete, neue Erfahrung, denn als Volontär hatten wir noch nie gearbeitet.

Als wir nach einigen Tagen ohne Internet hier im Hostel dann die Nachrichten lasen, traf uns der Schlag. Die Corona-Pandemie nahm ungebremst ihren Lauf und dominierte die Berichterstattung. Die Hoffnung, dass dieses Virus eine Randerscheinung bleiben würde, hatte sich zerschlagen. Ab jetzt sollte die Pandemie auch unsere Reisepläne massiv kreuzen:

Spanien meldete am Samstag einen rasanten Anstieg der infizierten Personen und Madrid wurde zum Risikogebiet erklärt. Wir mussten jetzt unseren gebuchten Rückflug von Cancun nach Madrid für den 28.03. infrage stellen. Weil die Zahl der Infizierten in Mexiko und Umgebung sich noch im Rahmen hielten, spielten wir in Gedanken jetzt weitere Alternativen zur Fortsetzung unserer Radreise durch: Einen Verbleib in Mexiko, eine Weiterreise über Guatemala oder Belize und vor allem eine Verlängerung unserer Reisezeit um ein weiteres Jahr.

Wir recherchierten nach den Adressen und Kontaktdaten der deutschen Botschaft in Mexiko, erwogen eine Verlängerung unsere Aufenthaltsgenehmigung über das Migrations-Office in Mérida oder Cancun, prüften die aktuellen Einreisebestimmungen von Guatemala, Belize und El Salvador und entdeckten ganz beiläufig, dass der Mexikanische Peso innerhalb der letzten Tage um 20 % abgerutscht war. Eine galoppierende Inflation passte uns jetzt überhaupt nicht ins Programm, weil wir am 28.03. beim Einchecken die 300 Euro Gebühr für den Transport unserer Fahrräder ja noch bezahlen müssten. Und zwar in mexikanischen Peso.

Die angedachten Alternativen zerschlugen sich sehr schnell. Immer mehr Länder schlossen ihre Grenzen und forderten ihre Landsleute zur raschen Heimkehr auf. Ein Verbleib in Amerika kam also nicht mehr infrage. Vielmehr stand jetzt die Buchung eines neuen Fluges an, denn in Madrid würde kein Flieger mehr landen dürfen.

Des Weiteren wuchs unsere Befürchtung, dass auch in Mexiko jederzeit eine Panik ausbrechen und das öffentliche Leben lahmlegen könnte. Wie nah wäre die Berichterstattung an der Wahrheit? Hatten wir dann noch Zugang zu Geldautomaten? Würde uns noch ein Pickup mitnehmen, wenn wir auf dem schnellsten Weg von Mérida nach Cancun reisen wollten? Steht das Internet dann noch zur Verfügung? Wäre eine „Radreise“ im Ausnahmezustand hier in Mexiko überhaupt noch sicher genug? Was machen wir, wenn der Flughafen in Cancun an unserem Abflugtag vollständig geschlossen ist? Fragen über Fragen.

Wir standen vor der größten Herausforderung auf unserer Radreise: Zufällig in der Rückreisephase erwischte uns die vielleicht dramatischste Pandemie der Neuzeit und kreuzte unsere Reiseplanung mit einer unberechenbaren Dynamik.

Wir unternahmen zwar auch eine Stadtbesichtigung in Mérida, doch die innere Ruhe dafür fehlte eigentlich. Auch die geplante Besichtigung einiger Cenoten hier oben in Yucatan stellten wir nun zurück. Die schnelle Rückreise nach Cancun hatte höhere Priorität.

Nachdem uns das deutsche Konsulat in Mérida lediglich unsere Einschätzung der Entwicklung bestätigte und die ersten Fluglinien die Streichung aller Flüge bekanntgaben, machte ich mich auf die Suche nach einem anderen Flug. Nach einer arbeitsreichen Nacht am Computer war dann ein neuer Flug gebucht: 23.03. von Cancun über Montreal und London nach Düsseldorf. Das zweimalige Umsteigen in andere Flieger war kein Problem. Es blieb lediglich die Ungewissheit, ob der frisch gebuchte Flug am 23.03. tatsächlich noch nicht gestrichen ist und Kanada dann noch einen Flieger aus Mexiko landen lässt.

Die Fahrräder musste ich nach Abschluss der Buchung per Telefon als Sportgepäck mit Sondergröße hinzubuchen, doch die Fluglinie war nicht erreichbar. Am dritten Tag nach der Buchung kam ich dann endlich durch und erhielt die Anweisung, die Fahrräder beim Check-in anzumelden und zu bezahlen. Wir hofften jetzt, dass wir da nicht wieder Probleme bekommen würden.

Auch die Stornierung des alten Fluges von Cancun nach Madrid stand in den Sternen. Es gab ja noch keine Flugstreichung seitens der Fluglinie. Also würden wir die bezahlten 600 Euro wohl abschreiben müssen.

Ich meldete uns jetzt noch auf der Krisenvorsorgeliste beim Auswärtigen Amt an, denn jetzt gab es tatsächlich einen triftigen Anlass zur Sorge, die Heimat mit eigenen Mitteln nicht mehr erreichen zu können.

Alles spitzte sich jetzt rasant zu: Täglich überschlugen sich die Nachrichten über Grenzschließungen, Ausgangssperren und Flugstreichungen. Wir hatten große Sorge, dass unser neuer Flug auch wieder ein Schuss in den Ofen war. Ich wurde auch immer nervös, wenn die Website der Fluglinie wegen Überlastung der Netze und Server mal wieder nicht erreichbar war.

Dann kam die Ankündigung der Bundesregierung, die Rückkehr aller Staatsbürger mit Sonderflügen massiv zu unterstützen in den nächsten Wochen. Ein Sicherheitspuffer für den Worst Case. Das hob die Stimmung wieder etwas.

Um uns herum war so weit noch alles ruhig und der Anstieg der Infektionen in Mexiko hatte nicht das Potenzial für eine Eskalation. Einige Menschen trugen auf der Straße Mundschutz und einige wenige Einrichtungen schlossen für die Besucher die Türen. Mehr war da nicht.

Die Hostelleitung hatte rein vorsorglich einen Reinigungsservice bestellt, der das gesamte Gelände vollständig desinfizierte. Auch der Swimmingpool wurde geschlossen. Nicht alle Hostels managen ihren Betrieb so vorbildlich. Da waren wir wohl in guten Händen.

Wir hofften auch stark, dass sich diese Gelassenheit nicht großartig ändern würde bis zu unserem Abflugtag. Denn unter landesweiter Panik würden unsere Fahrt bis nach Cancun und die Flugvorbereitungen deutlich turbulenter ausfallen.

Mittwoch, 18.03.20 – 22.03.20

Heute verließen wir Mérida und machten uns auf den Weg nach Cancun. In den letzten 7 Tagen hatte sich die Welt stärker verändert als wir uns das jemals hätten vorstellen können. Und das schien erst der Anfang zu sein. Die Fachleute prognostizierten zwei Jahre Ausnahmezustand weltweit.

Um möglichst viel Zeit für die Flugvorbereitungen zu gewinnen, stellten wir uns am Stadtrand von Mérida gleich zum Trampen auf. Doch es wollte keiner anhalten. Es schien, als sei die Befürchtung der Menschen, sich anzustecken, hier schon so ausgereift, dass der Versuch, zu Trampen, reine Zeitverschwendung war.

Ich wollte schon aufgeben, da winkte mich Annett zu sich. Sie war gerade von einem Fahrer angesprochen worden, der seinen Pickup am Verteilerkreis stehen hatte und mich wohl beobachtet hatte. Nach einer kurzen Unterhaltung über unsere Lage hatte er dann spontan die Mitnahme in seinem Wagen angeboten. Er fuhr durch bis nach Cancun und so erreichten wir nach 4 Stunden und 300 km Strecke unser Ziel. Das hatte ja super geklappt. Die erste Hürde war genommen.

Jetzt stand die Schlafplatzsuche an. Doch auch hier spürten wir gleich die große Vorsicht der Bevölkerung. Die Bomberos lehnten jetzt Übernachtungen von Radreisenden ab, ebenso der Zivilschutz. Auch bei den Kirchen blitzten wir ab. Alle Warmshowers-Kontakte waren nicht erreichbar oder wollten sich nicht in Gefahr bringen. Auch die Couchsurfing-Kontakte sendeten Absagen mit einer Reaktionsgeschwindigkeit, die wir auf Couchsurfing bisher noch nicht erlebt hatten. Sie alle hatten Angst vor der Ansteckung. Dafür hatten wir natürlich volles Verständnis.

Allerdings ist eine feste Unterkunft für die letzten Tage vor einem Flug unverzichtbar. Denn Kartons suchen, Fahrräder zerlegen und all die anderen Flugvorbereitungen ließen sich so effektiver abarbeiten.

Zufällig fand sich spät in der Nacht doch noch ein überdachter Schlafplatz in einem privaten Rohbau, doch schon am nächsten Tag organisierten wir uns ein preiswertes Hostel. Volontärs suchte hier in Cancun zurzeit aber keiner mehr. Im Gegenteil. Die Gästezahlen brachen ein und alle Hostels mussten Personal freisetzen.

Wir wählten das Hostel auch mit Bedacht: So waren uns große Räume und Aufenthaltsflächen wichtig, um an jedem Ort einen sicheren Abstand zu möglicherweise schon infizierten anderen Gästen einhalten zu können.

Lediglich auf WiFi mussten wir verzichten, weil es im Hostel unserer Wahl trotz Bestätigung der Hostelleitung nicht zur Verfügung stand. So mussten wir aufs nah gelegene Ramada-Hotel oder den McDonald ausweichen. In Krisenzeiten sehr nervig, wenn man sich auf dem Laufenden halten will.

Erster Job im Rahmen der Flugvorbereitungen war die Suche nach großen Fahrradkartons. Nach vier Stunden hatte ich zwei passende Exemplare gefunden. Doch tatsächlich gab es nur zwei Bikeshops, die überhaupt Fahrradkartons zu Verfügung stellen konnten hier in Cancun. Das ist knapp. Da kann man schonmal leer ausgehen, wenn man zum falschen Zeitpunkt kommt.

Am nächsten Tag setzte ich die Suche fort, denn wir benötigten für unser Gepäck zwei weitere Kartons mit bestimmten Maximalmaßen. Auch das dauerte seine Zeit, denn an allen potenziellen Quellen gab es geordnete Prozesse, wo Verpackungsmaterial sofort einer Presse zugeführt wird und jemand wie ich vom Wachposten sofort zurückgewiesen wird. Somit fielen alle Supermärkte aus. Doch dann entdeckte ich per Zufall in einer Seitenstraße ein Team von Arbeitern, die gerade Kartons als Altpapier in einen Kastenwagen schoben. Da kam ich gerade zur richtigen Zeit. Die Jungs halfen mir bei der Suche nach der passenden Größe und nach 5 Minuten hatte ich meine Kartons.

Danach fuhr im zum Flughafen und wollte unsere Fahrräder als Sondergepäck buchen. Doch als ich am Schalter unserer Fluggesellschaft die endlos lange Warteschlange sah, hatte sich mein Anliegen erledigt. Die ersten in der Schlange warteten schon zwei Stunden. Das war mir die Sache nicht wert. Ich fragte mich durch das Flughafen-Personal und bekam dann doch nach und nach die Antworten auf all meine Fragen:

  • Air Canada Flüge sind noch nicht gestrichen
  • Fahrräder buchen und bezahlen beim Check-in ist kein Problem
  • Aktuell zähle Mexiko 161 Infizierte und es war noch keine Eskalation in Aussicht.
  • Für den Zwischenstopp auf dem Flughafen Montreal benötigt man eine Einreise-Genehmigung (eTA) für Kanada

Ich war zwar zufrieden mit den Informationen, doch mit der Notwendigkeit einer Einreise-Erlaubnis für unseren mehrstündigen Zwischenstopp auf dem Flughafen Montreal hatte ich nicht gerechnet. Jetzt war Eile geboten, denn ohne Visum kein Flug.

Ich radelte zügig zurück ins Stadtzentrum. Die insgesamt 36 km von Cancun Zentrum bis zum Flughafen und zurück per Fahrrad hinterließen allerdings ihre Spuren. So kam ich in Summe mit der Kartonsuche am Morgen auf ca. 50 km per Fahrrad.

Wieder im Hostel angekommen, zog ich gleich mitsamt Netbook, Reisepässen und Kreditkarte ins Ramada-Hotel an der Ecke und organisierte mir WiFi.

Die betreffende Website war schnell gefunden, doch das Ausfüllen der Anträge verlief dann sehr holprig. Die angebotene Auswahl an Antworten war an einigen Stellen erklärungsbedürftig und unterschied sich teilweise von dem, was ich bisher aus Formularen kannte. Am Ende wurde das ausgefüllte Formular aber doch akzeptiert und auch die Bezahlung der 2 x 7 € per Kreditkarte verlief ohne Probleme.

Ich hoffte jetzt natürlich, dass der Genehmigungsprozess nicht ganze Tage in Anspruch nehmen würde, denn in 3 Tagen ging unser Flug. Tatsächlich erhielt ich dann innerhalb von wenigen Minuten die Bestätigungs-E-Mail. Es hatte alles reibungslos funktioniert. Wir hatten die Einreise-Erlaubnis.

Am Samstag erkundigten wir uns über die Bustarife für unseren Transit zum Flughafen am Abflugtag. Das war natürlich deutlich preiswerter als ein Taxi, bedeutete aber ein gewisses Risiko für die Kartons mit unserem Gepäck.

Ich machte mich noch auf die Suche nach einer Waage für die Überprüfung der Gewichte unserer Kartons, doch da war ich erfolglos. Keiner hatte eine Waage oder wollte sie mir ausleihen. So blieb uns nichts anderes übrig, als das endgültige Verschließen der Kartons bis zur Ankunft am Flughafen aufzuschieben. Denn wir wollten die Gewichtslimits auf keinen Fall überschreiten.

Schleichend hatte sich die Achtsamkeit in der Bevölkerung mittlerweile erhöht. Es liefen immer mehr Menschen mit Schutzmasken herum, in unserem Hostel hier in Cancun wurde alles einer Desinfektion unterzogen und beim Betreten mancher Geschäfte sprühte uns der Wachmann am Eingang Desinfektionsmittel in die Hände. Diese Vorsicht war sehr löblich und zeigte, dass die bevorstehende Eskalation in Mexiko sehr ernst genommen wird. Sie lernten aus den Versäumnissen, die in europäischen Ländern jetzt eine Katastrophe begünstigt hatten.

Zwischen all den Flugvorbereitungen pendelte ich auch immer wieder zu den WiFi-Quellen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Und das war auch nötig.

Denn zum einen schickte unsere Fluglinie eine Flugplanänderung mit insgesamt 4 Flügen von Cancun nach Düsseldorf und zum anderen gab es wieder Post vom Deutschen Konsulat: Die Rückholaktion wurde eingeleitet. Man sammelte jetzt alle betroffenen Personen in Listen.

Die kurzfristige Flugplanänderung bewies uns aber im Augenblick, dass die Chancen auf einen erfolgreichen Rückflug nach Deutschland sehr gut standen.

Glücklich waren wir über unsere Rückreise nach Deutschland allerdings nicht. Im Gegenteil: Es erschien uns zunehmend paradox, aus einem kaum von der Pandemie berührten Land in eine der kritischsten Regionen zu fliegen: nach Nordrhein-Westfalen.

Am Sonntag begann der Countdown für den Flug. Ich zerlegte die Fahrräder und deponierte alles in den Kartons. Ausnahmsweise hatten wir bei Air Canada ein großzügiges Gewichtslimit von 32 kg für die Fahrradkartons. Damit verlief das Packen wesentlich entspannter, als wie bei den sonst üblichen Limits mit 20 bis 25 kg. Denn jetzt konnten wir die schweren Dinge unserer Ausrüstung noch zu den Rädern packen.

Wir arrangierten uns auch zwei Helfer aus dem Hostel für die Karton-Schlepperei zum nahegelegenen Busbahnhof am Abflugtag. So würden wir nur zweimal laufen müssen.

Montag, 23.03. – Dienstag, 24.03.20

Montag war unser Abflugtag. Und unser letzter Tag auf dem amerikanischen Kontinent … wenn denn alles glatt läuft. Denn noch saßen wir ja nicht im Flieger. Und unsere Fahrräder mussten wir ja auch noch buchen. Wir hatten 4 Stunden Zeit für alles eingeplant und erreichten den Flughafen per Bus auch tatsächlich rechtzeitig um 8 Uhr. Zuallererst wogen wir unsere Kartons und mussten tatsächlich einige Dinge in den Kartons umverteilen. Und als wenn wir nicht schon genug Arbeit hätten, entwendete ein anderer Reisender während unserer Umpackerei einen unserer Trollys. Das war schon demoralisierend.

Der Check-in am elektronischen Terminal wurde dann abgebrochen, weil wir die Fahrradkartons noch nicht gebucht und bezahlt hatten. Wir sollten dafür zum Service-Schalter der Fluglinie wechseln.

Und damit begann ein Spießrutenlauf über fast zwei Stunden: Zunächst einmal durften wir uns an eine lange Warteschlange anstellen. Hier am Schalter traf sich alles, was Flüge umbuchen, stornieren oder auch nur bestätigen lassen wollte. Jetzt lief uns langsam die Zeit davon. Die Bearbeitung der vielen Reisenden am Schalter wurde auch immer wieder unterbrochen, weil dort auch alle Unstimmigkeiten bei der Gepäckaufgabe von den Kollegen bearbeitet wurden. Und wir beobachteten mit Sorge die endlos langen Schlangen an der Gepäckaufgabe. Da drohte uns in der nächsten Instanz ebenfalls eine lange Wartezeit. Ich sah uns in Gedanken schon wieder auf dem Rückweg per Bus ins Hostel, so dramatisch schrumpfte unser verbleibendes Zeitfenster bis zum Abflug.

Dann waren wir an der Reihe: Ich gab unsere Buchungsnummer an und hatte unser Anliegen noch nicht ganz ausgesprochen, da kam die Hiobsbotschaft: „Sie können nicht fliegen, weil sie mit den Zwischenstopps in Montreal und Toronto eine deutliche Überschreitung der maximal erlaubten 8 Stunden Aufenthaltsdauer in Kanada hätten“. Ich wurde blass im Gesicht und argumentierte, dass unser aktueller Flugplan das Ergebnis einer Flugplanänderung seitens der Fluglinie war. Das wurde auch gleich akzeptiert und jetzt suchte der Kollege am Schalter nach einer alternativen Flugroute für uns. Auch das dauerte seine Zeit, mündete aber in eine erfolgversprechende Lösung: Cancun – Montreal – Paris – Düsseldorf.

Als die Umbuchung abgeschlossen war, sollten wir unverzüglich zur Gepäckaufgabe rennen. Alles Weitere mache der Kollege dort.

Wir interpretierten die Weisung als Freibrief für den Durchmarsch an den Warteschlangen vorbei bis an den Gepäckschalter links außen. Dort waren wir nach 3 Minuten an der Reihe und dann lief alles wie an der Schnur gezogen:

Das Gepäck ging ohne Diskussionen durch, allerdings mussten wir jetzt nicht nur 2 x 50 Euro für die Fahrradkartons, sondern auch ein zusätzliches Gepäckstück bezahlen. Das verstand ich zwar jetzt nicht wirklich, doch für Diskussionen war keine Zeit mehr. Jetzt bloß nicht den Arbeitsfluss unterbrechen, dachte ich und rannte mit den Instruktionen zum Bezahlschalter.

Als ich zurückkam, hatte Annett schon die Boardingpässe für alle drei Flüge in der Hand und wir rannten zu den Gates. Am Ende rettete eine 30-minütige Verspätung bei der Abflugzeit unser pünktliches Erscheinen im Boardingbereich. Sonst hätte man uns sicher schon ausgerufen.

Wir hatten es tatsächlich geschafft. Wir hatten eine Flugverbindung, die alle Aussicht auf eine erfolgreiche Ankunft in Düsseldorf versprach und mit unserem Gepäck hatte ebenfalls alles geklappt.

Wenige Stunden später landeten wir in Montreal. Hier schneite es. Die tropische Zone hatten wir nun endgültig verlassen.

Nach ein paar Stunden Wartezeit ging unser zweiter Flug wie geplant und brachte uns über Nacht zurück auf das europäische Festland. Danach standen 6 Stunden Wartezeit auf dem Flughafen Paris an.

Ich war ziemlich geschafft von der aufwühlenden Umbucherei und nutzte die Zeit zum Dösen. Währenddessen organisierte Annett unsere Abholung vom Flughafen Düsseldorf durch unseren Sohn.

Plötzlich riss Annett mich aus allen Wolken: E-Mail von der Fluggesellschaft: Der Flug Paris – Düsseldorf war annuliert worden.

Wir suchten sofort nach Auskünften zum weiteren Vorgehen, ernteten aber höchstens vage Ratschläge und wurden mehrfach von einem Terminal zum anderen geschickt.

Mittlerweile herrschte auf dem gesamten Flughafen gähnende Leere. Es war wie ein Geisterhaus. Lediglich ein paar gestrandete Leidensgenossen versuchten ebenso wie wir verzweifelt, irgendwie weiterzukommen. Eine gespenstige Stimmung.

Wir hinterfragten verbleibende Flüge nach Deutschland, prüften die Zugverbindungen nach Deutschland und suchten nach unserem Gepäck. Das Gepäck fanden wir in einer Sammelstelle im Gepäckbereich ca. 10 Minuten, bevor der Schalter für heute schloss. Da hatten wir schon mal haarscharf Glück gehabt.

Doch ab jetzt rannten wir alle Wege mit zwei Trollys und unseren vier schweren Kartons. Einen der Fahrradkartons hatten sie wieder einmal übel zugerichtet und wir hofften, dass nichts durch die großen Löcher und Risse in den Kartonwänden verloren gegangen ist.

Lediglich Lufthansa bot noch Flüge nach Deutschland an, die anderen Fluglinien hatten den Betrieb schon eingestellt. Aber die Lufthansa-Flüge waren extrem teuer: unter 1200 Euro für zwei Personen samt Gepäck war da gar nichts mehr.

Vor einer Buchung wollten wir noch die Alternativen prüfen.

Die Fahrt per Fahrrad von Paris bis zur deutschen Grenze barg das Risiko, dass uns die Polizei an der Weiterfahrt hindert. Da kämen wir in Konflikt mit der aktuell gültigen Ausgangssperre. Es gab zwar einen Antrag für Sondergenehmigungen und ich schrieb für uns beide auch eine solche Erklärung aus dem Internet ab, doch es konnte uns keiner sagen, ob wir damit freie Fahrt hätten. Immerhin waren es ca. 500 km Strecke bis zur Grenze.

Bei den Zugverbindungen sah es auch nicht gut aus. Viele Linien hatten den Betrieb schon eingestellt und keiner konnte uns sagen, ob es von Paris aus noch Zugfahrten nach Deutschland gibt.

Wir kontaktierten die Deutsche Botschaft in Paris, doch auch von dort erhielten wir nur frustrierende Informationen über Schließungen und Einschränkungen.

Wir schrieben noch einige Freunde in der Hoffnung auf einen Tipp an und dann suchten wir uns auf dem Flughafen eine ruhige Ecke zum Schlafen. Schlafsäcke und Matten hatten wir ja dabei.

Mittwoch, 25.03.20

Nachdem mir eine Polizeistreife im Flughafen auf Anfrage mitgeteilt hatte, dass wir definitiv nicht per Fahrrad durch Frankreich fahren dürften, lief ich wieder zum Ticketschalter und wollte einen Flug buchen. Der Preis war gestiegen: Jetzt waren wir bei ca. 1400 Euro. Ich hinterfragte die Obergrenzen für die Gepäckstücke, um mir noch die Aufpreise für unser Gepäck ausrechnen zu können.

Und wie aus dem Nichts bot mir die Dame am Schalter jetzt plötzlich einen Flug nach Frankfurt für 168 Euro an. Abflug heute Abend. Ich buchte sofort und so lagen wir mit insgesamt 500 Euro deutlich günstiger.

Dann fragte ich an allen Schaltern nach Klebeband. Das benötigten wir nämlich, um unsere Kartons für den anstehenden Flug wieder zu verschließen. Fündig wurde ich dann bei der Bodencrew der Lufthansa, die gerade mit der Gepäckentgegennahme für einen anderen Flug nach Frankfurt beschäftigt waren. Der Chef der Crew hatte zufällig unseren Leidensweg hier auf dem Flughafen seit gestern mitverfolgt und gab mir am Ende eine Rolle Klebeband. Gleichzeitig bot es uns an, doch jetzt schon mitzufliegen. Es wären noch Plätze verfügbar und wir hätten noch 15 Minuten Zeit.

Ich rannte zurück zu Annett und unserem Gepäck und wir machten uns in Windeseile an das Verkleben der Kartons. Als wir dann völlig abgehetzt am Schalter ankamen, war es zu spät. Sie hatten gerade vor einer Minute geschlossen. Schade. Dieser Flug wäre uns sicher gewesen. Ob der gebuchte Flug heute Abend tatsächlich nicht noch annulliert wird, stand ja in den Sternen.

Also warteten wir geduldig bis zum Nachmittag und hofften auf gutes Gelingen.

Natürlich bemerkte die Crew beim Check-in am Nachmittag sofort, dass unsere Fahrradkartons zu schwer waren: Bei Lufthansa sind halt nur 23 kg erlaubt und keine 32 kg wie bei Air Canada. Aber wir hatten ja keinen weiteren Karton zum Umpacken dabei. So mussten wir die 2 x 80 Euro Aufpreis bezahlen und kamen somit am Ende auf 660 Euro zusätzliche Flugkosten, die uns die Annullierung des Fluges Paris – Düsseldorf gekostet hatte.

Der Flug fand statt und wir landeten am Abend in Frankfurt.

Nach fast 5 Jahren Radreise um den Globus waren wir wieder heimgekehrt. Und das unter Umständen, die wir uns in den schlimmsten Alpträumen nicht hätten vorstellen können.

Die aktuellen Vorgaben der Regierung zur Eindämmung der Coronavirus-Ausbreitung waren dann auch ein triftiger Grund, sich vom Sohn per Auto am Flughafen Frankfurt abholen zu lassen. Wir verstauten Fahrräder und Gepäck im Fahrzeug und erreichten in der Nacht unseren Heimatort, wo wir über die nächsten Monate an neuen Reiseplänen schmieden werden.

Hier endet unser Bericht über unsere fast 5-jährige Radreise durch Europa, Asien, Australien und Amerika. Auf dieser Tour haben wir 37 Länder bereist und haben über 37.000 km mit dem Fahrrad zurückgelegt. Wir haben ein kleines Stück von unserer großartigen Welt gesehen, haben fremde Kulturen erlebt, Katastrophen überstanden und Dinge für uns entdeckt, die wir bisher nicht kannten.

Resümee Mexiko 2020

Unser 10-wöchiger Aufenthalt in Mexiko hätte ein entspannter Abschied aus Amerika sein können, doch die Corona-Pandemie sorgte für eine turbulente Endphase und einen abenteuerlichen Abgang. Trotzdem haben wir die meisten geplanten Highlights erlebt. Die Maya Ruinen, die tropische Botanik, die mexikanische Küche und einige nette Städte. Sogar ein bisschen Karibikluft haben wir geschnuppert. …

 

 

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