Tadschikistan 2016

Am 10.07.2016 sind wir, von Usbekistan kommend, nach Tadschikistan eingereist. Hier wollten wir über Dushanbe und Khorog in den Pamir-Highway aufsteigen und über Murghab und den Akbaital-Pass bis zur Grenze nach Kirgistan radeln. Der Pamir-Highway mit seinen Pässen bis 4655 m Höhe sollte dabei unser bisher höchstes Radelrevier sein.

Sonntag, 10.07.16

Nach der anstrengenden Grenzabwicklung auf usbekischer Seite waren die simplen Einreise-Formalitäten an der Grenze von Tadschikistan eine Wohltat. Gegen 11:00 Uhr hatten wir da schon den Einreisestempel im Pass und fuhren weiter Richtung Dushanbe.
Unser erster Eindruck von Tadschikistan: das Land hat sehr gute Straßen (das Radeln machte wieder Spass) und es gab keine Polizei-Kontrollen. Wir fühlten uns wieder wie freie Bürger. Das war sehr entspannend.
Wir radelten bis ca. 30 km vor Dushanbe und suchten uns dann an einem Feldweg einen ruhigen Zeltplatz.

Montag, 11.07.16

10 km vor Dushanbe füllten wir einige unsere Wasserflaschen aus einer ständig fließenden Quelle an der Straße. Angeblich war es gutes Trinkwasser, aber die Trübung war so stark, dass wir doch sicherheitshalber alles filtern wollten vor Ort. Das gefilterte Wasser war dann glasklar. Der Filter tat also offensichtlich seine Arbeit. Gut so.

Unterdessen hielt ein Biker bei uns an und wir kamen ins Gespräch. Er, Khusrav, wollte selber Radreisen unternehmen in Zukunft und da waren unsere Reise und unser Equipment natürlich spannend für ihn. Als wir später weiterfahren wollten, bot er an, uns in Dushanbe durch die Stadt zu führen bei unseren Besorgungen. Das kam uns natürlich sehr gelegen und so fuhren wir gemeinsam bis Dushanbe und er lotste uns zu den richtigen Adressen.

Zunächst wollten wir uns Geld in der Landeswährung (tadschikische Somoni) beschaffen. Das war gestern nicht möglich, weil die Banken in Tadschikistan Sonntags geschlossen sind. Die erste Bank konnte uns nicht helfen, weil zufällig gerade der Strom im Viertel ausgefallen war. In der zweiten Bank machten die gerade Mittagspause. In der dritten Bank klappte es dann endlich.

Als nächstes wollten wir eine passende Schraube für die Reparatur an Annetts Packtasche suchen. Dafür fuhren wir in den Kulturpalast „Kohi Navruz“. Khusrav’s Buder arbeitet dort und hatte Zugang zur Werkstatt samt Schrauben-Sortiment. Wir fanden einige brauchbare Ersatzteile und ich montierte sie direkt vor Ort.

Und weil wir nun schon mal im Kulturpalast waren, organisierte Khusrav für uns eine kleine Führung durch die prunkvollen Säle in diesem Gebäude. Vier Jahre wurde an diesem Palast und seiner Innenausstattung gearbeitet. Die gesamte innenseitige Gestaltung der 40.000 m² besteht aus tadschikischer Handwerkskunst. Marmormosaik, Holztüren aus Nussbaum mit Intarsien, kunstvoll geschnitzte Säulen aus Zeder, Spiegelmosaiken, filigrane Gips-Reliefs und Decken mit Blattgold-Verzierungen sind zu bestaunen. Hier tagte auch schon die SCO. Das Gebäude beherbergt unter anderem auch ein großes Kino. Die Außenanlagen sind genauso sehenswert: aufwändige Brunnen und Wasserspiele im Rhythmus der Musik laden zum Schlendern oder Verweilen ein.

Auf dem Weg ins Zentrum bewunderten wir die riesige Landesflagge in 165 m Höhe: 40 x 60 m Fläche hat diese Fahne. Auch sehr beeindruckend.
Dann trafen wir Laurentz, einen Reiseradler aus Berlin. Weil fast alle Reiseradler die gleiche Route durch Zentral-Asien nehmen, treffen wir jetzt immer mehr Radler.

Auf der Suche nach WiFi wurden wir im Hotel Hyatt fündig. Wir recherchierten weiter über China und Indien. Das Personal an der Rezeption war begeistert von unserer Radreise und bot uns auch den PC in der Launch an. Abdul, der Rezeptions-Chef, lud uns spontan ab morgen Abend für die kommenden Tage zur Übernachtung in die Wohnung eines Freundes ein. Wir freuten uns darüber sehr, denn die Suche nach einer Unterkunft über Couchsurfing war erfolglos geblieben.

Für heute Nacht suchten wir uns am Abend einen Schlafplatz am Strand eines kleinen Badesees unweit vom Hyatt. Das Zelt brauchten wir nicht, denn es war trocken und warm und der leichte Windzug sorgte für eine Mücken-freie Nacht.

Dienstag, 12.07.16

Annett hatte sich den Magen verdorben und wollte am liebsten liegen bleiben. Wir organisierten eine ruhige Ecke für sie auf dem Außengelände des Hyatt Regency Hotels und ich machte mich alleine auf den Weg, um all unsere Jobs zu erledigen: das GBAO-Permit für den Pamir-Highway bei der Migration Police beantragen, in der Chinesischen Botschaft die Chancen für ein China-Visum ausloten, die Indische Botschaft für dasselbe Anliegen aufsuchen (unser Plan B), Geld in Landeswährung beachaffen, SIM-Karte kaufen, usw.

Die Migration Police (OVIR) war schnell gefunden. Die detaillierte Beschreibung anderer Reisender im Internet über den richtigen Schalter war auch nahezu richtig. Aber die Kollegen bewegen sich erst, wenn man bei der Amonatbank unweit des OVIR die Permit-Gebühr (20 Somoni) bezahlt hat und mit den Belegen am Schalter erscheint. Dann füllen sie selber die Anträge aus und fertigen Kopien von Pass und Tadschikistan-Visum an. Geht alles sehr zügig. Der große Zeitfresser in diesem Prozess ist jedoch die Warteschlange in der Amonatbank. Man wartet fast eine Stunde, bis man an der Reihe ist.

Ich hatte mit einer Gültigkeit der Permits für 15 Tage gerechnet, doch auf meine Frage nach mehr waren plötzlich 45 Tage machbar. Da war ich begeistert. Das erspart uns die spätere Verlängerung und zusätzliche Kosten. Um 16:00 Uhr solle ich wiederkommen, dann wären unsere Permits fertig.

Nächste Station: die Chinesische Botschaft. Ich solle morgen wiederkommen. Heute seien die betreffenden Mitarbeiter nicht im Dienst.

Also weiter zur Indischen Botschaft. Ein Visum für Indien war unser Plan B. Sollte die Beschaffung chinesischer Visa nicht möglich sein, wäre ein Flug von Kirgistan nach Indien eine Alternative, um weiter Richtung Südostasien zu reisen. Ich fragte nach den erforderlichen Unterlagen und wieviele Monate Visa-Gültigkeit möglich seien. Normalerweise gibt es einen Monat, doch das war für uns zu wenig. Drei Monate wären das Maximum, sagten sie daraufhin. Ich rechnete unseren Weg bis zur Einreise in Reisetage um und kam auf 4 Monate erforderliche Gültigkeit (die Zeit läuft beim indischen Visum schon ab dem Ausstellungstag). Und mit meinem Wunsch nach 4 Monaten hatte ich dann promt eine Audienz beim Konsul gewonnen.

Ich beschrieb dem Konsul unseren Weg und wies auf die geringe Reisegeschwindigkeit mit unseren Fahrrädern hin. Das überzeugte ihn sofort und die 4 Monate waren genehmigt. Jetzt musste ich nur noch alle Unterlagen vorbereiten incl. dem online-Visa-Antrag.

Um 16:00 Uhr fuhr ich erneut zur Migration Police, um unsere Permits abzuholen. Der Bearbeiter von heute morgen wollte die Einzahlungsbelege sehen. Die hatte ich ihm aber heute Vormittag schon gegeben. Er konnte sich nicht mehr erinnern. Ich bat ihn darum, in seinen Unterlagen zu suchen und siehe da: die Belege waren schon in seiner Mappe. Ich versuchte, freundlich zu lächeln. Dann überreichte er mir ein Permit. Warum nur ein Permit? Für das zweite fehlten ihm die vorgedruckten Permit-Blancos. Die lägen im Schrank. Und nur der Boss hätte den Schlüssel, aber er wäre abwesend. Ich solle morgen ab 11:00 Uhr wiederkommen. Ich versuchte wieder, zu lächeln und ging.

sehr knappAm Abend führte uns Abdul, der Rezeptions-Chef vom Hyatt, zu der angekündigten Wohnung des Freundes. Während dessen Abwesenheit wohnte er mit zwei anderen Freunden dort und für uns beide sei noch Platz genug. Die Wohnung lag in einem Hochhaus (natürlich wieder) im obersten Stock. Und das Treppenhaus war so schmal, dass wir unsere Fahrräder gerade so hinauf tragen konnten, ohne irgendwo hängen zu bleiben (Abdul empfahl uns, die Räder sicherheitshalber mit in die Wohnung zu stellen). In Verbindung mit den 35°C im Hausflur war das wieder sehr schweißtreibend.

Die Wohnung war ohne Klimaanlage und es gab nur in den Nachtstunden ab 22:30 Uhr fließendes Wasser. Das betraf auch Dusche und Toiletten-Spülung! In einem 50-Liter-Bottich wurde all-abendlich das Wasser für den kommenden Tag gepuffert. Wir beschlossen, zusätzlich alle verfügbaren Gefäße mit Wasser zu füllen, um den Bedarf für uns fünf Personen zu decken: Eimer, Schüsseln, Kannen, Plastikflaschen, Dosen, Töpfe, den Wasserkocher, … einfach alles. Die „Dusche“ war eine Schöpfkelle aus Plastik, mit der man das Wasser aus dem Bottich entnahm und über sich ausgoss. Wäsche waschen war natürlich erst nachts möglich; wegen dem höheren Wasserverbrauch.

Alles war sehr „basic“, also fast so wie beim Zelten. Aber wir waren sehr glücklich über diese Unterkunft. Zumal das Ergebnis unserer Anfrage bei Warmshowers und Couchsurfing sehr ernüchternd ausgefallen war: auf 25 Anfragen erhielten wir lediglich 4 Rückmeldungen, aber 0 positive Angebote für einen Schlafplatz.

In der Nacht ging ich wieder zurück ins Hyatt, wo man mir Computer, Scanner, Drucker, Internet und WiFi angeboten hatte. Ich stellte die komplette Plan-B-Route über Indien, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha zusammen, füllte die Visa-Anträge für die Indische Botschaft aus, lud unsere Passfotos hoch und druckte alles aus. Als ich mit allem fertig war, hatten wir 3:00 Uhr in der Nacht.
Zum Abschluss ging ich im See hinter dem Hyatt noch eine Runde Schwimmen. Um 4:00 Uhr morgens lag ich dann endlich im Bett.

Mittwoch, 13.07.16

Drei Stunden später klingelte der Wecker. Ich war noch viel zu müde zum Aufstehen, aber ich wollte frühzeitig an der chinesischen Botschaft sein. Annett war immer noch angeschlagen und wollte sich auskurieren daheim. Ich zog wieder alleine los. Als ich an der Chinesischen Botschaft eintraf, herrschte schon Hochbetrieb. Eine Stunde ließen sie mich vor der Botschaft warten. Alle anderen ließen sie vor mir rein. Und der Grund dafür blieb mir unerklärlich. Vermutlich hatte man auf deutscher Seite gerade wieder die Verletzung der Menschenrechte in China angeprangert, dachte ich bei mir. Auf mein Drängeln wurde ich dann doch reingelassen.

Am Schalter durfte ich dann noch eine weitere halbe Stunde warten. Endlich war ich an der Reihe. Ich gab unsere Unterlagen zur Ansicht ab und sie diskutierten hinter dem Schalter über die Papiere. Dann kam das Urteil: wir können kein Visum für China beantragen, weil wir fuer Tadschikistan kein Arbeits-Visum, sondern „nur“ ein Touristen-Visum hatten. Auch mein Versuch, mit ihnen zu diskutieren, war ohne Erfolg. Remy und Elisabeth, unsere französischen Radelfreunde, hatten sie vor einigen Tagen mit einer völlig anderen Begründung abgewiesen: Ausländer bekämen kein Visum. Das roch nach Willkür. Jedenfalls war das Thema China-Visum für uns hiermit erst einmal erledigt. Das Risiko, in Bishkek oder Almaty später ebenfalls abgewiesen zu werden, wollten wir nicht mehr eingehen.

Jetzt begann unser Plan B: wir beschaffen uns Visa für Indien, fliegen von Osh in Kirgistan nach Delhi in Indien, radeln durch Nordindien und weiter durch Myanmar und Thailand.

Ich fuhr also sofort weiter zur Indischen Botschaft und gab die gesamten, in der vergangenen Nacht vorbereiteten Unterlagen für ein Indien-Visum ab. Die Dame am Schalter prüfte alles. Es fehlten Unterschriften von uns beiden (man muss auch auf der ersten Seite des Antrags unterschreiben; das hatte ich in der Müdigkeit vergangene Nacht glatt übersehen). Und sie bräuchte 2 Kopien von den Anträgen. Mist! Ich sah mich in Gedanken schon zurückfahren wegen der Unterschrift von Annett und setzte wohl eine genervte Miene auf. Da reichte mir die Dame kurzentschlossen die Anträge zurück und sagte: „unterschreiben sie mal hier für ihre Frau“. Dann bot sie an, die Kopien in ihrem Büro zu erstellen. Ich war begeistert. Es gibt also auch Botschaften, in denen man nicht auf den Paragraphen herum reitet und dazu noch richtig freundlich behandelt wird.

Dann sollte ich bezahlen: 644 Somoni in Summe (74 €). Ich war schon wieder überrascht; gestern hatte sie mir als Gebühr 631 Somoni pro Person angegeben. Ich hatte gerade bezahlt, da kam ein etwas unfreundlicher Kollege an den Schalter und machte deutlich, dass er erst einmal prüfen müsse, ob bei einem Visum für 4 Monate nicht eine viel höhere Gebühr fällig sei. Ich wartete 10 min und die Antwort vom Konsul war wohl: alles ok. Kein Aufpreis für uns. Toll! Am kommenden Mittwoch seien die Visa abholbereit.

Auf meinem Rückweg zur Unterkunft traf ich dann Robin, einen Reiseradler aus Berlin, der ebenfalls durch Zentralasien reist seit Monaten. Auch er hatte gerade gesundheitliche Probleme wegen des verunreinigten Wassers hier in Tadschikistan. Er war sogar mehrfach stationär in medizinischer Behandlung und nahm Antibiotika.

Ich nutzte den Rest des Tages mit der Suche nach Bikeshops. Ergebnis: einen, mittelmäßig sortierten Shop hatte ich gefunden, aber für uns brauchbare Komponenten führte er nicht. Auch Robin hatte mir da sehr wenig Hoffnung gemacht. Er war schon häufiger hier im Dushanbe und kannte keine brauchbare Adresse.

Donnerstag, 14.07.16

Nach dem arbeitsintensiven Programm der letzten beiden Tage war heute ein „Ruhetag“ fällig. Annett war auf den Weg der Besserung, wenn auch sehr langsam, und ich war wieder ausgeschlafen. Wir blieben daheim und bereiteten unsere nächsten Blog-Artikel vor, denn wir durften weiterhin den PC im Hyatt nutzen. Und die Chance wollten wir natürlich nutzen, denn im Pamir-Gebirge wird es nicht oft Internet geben.

Freitag, 15.07.16

Heute standen wieder einige Jobs an: unsere Videos hochladen auf YouTube, die Suche nach Bezugsquellen für die so oft empfohlene Karte „The Pamirs“ von Markus Hauser, die Suche nach Adressen von Bikeshops in Osh und Bishkek für die Beschaffung von Kartons für die Verpackung unserer Räder für den geplanten Flug nach Delhi in Indien, die Suche nach weiteren Bikeshops in Dushanbe, die Suche nach einer Versand-Adresse in Delhi für ein Paket mit Ersatzteilen und unserem Indien-Kartenmaterial aus der Heimat und die Suche nach günstigen Flügen von Osh oder Bishkek nach Delhi. Dieser Recherche-Umfang war ein Tag-füllendes Programm und ich war dankbar für den Internet-Zugang im Hyatt.

Annett bekam derweil über den Tag Besuch in unserer Bleibe. Abdul hatte ihr geraten, stets die Wohnungstür von innen zu verriegeln und keinem Fremden zu öffnen, wenn sie alleine in der Wohnung war. Eine Haustür gab es nicht und es treibt sich wohl auch Gesinde herum. Sie hatte die Türe doppelt verriegelt und das war wohl auch notwendig:

Heute stand plötzlich ein Mann im Hausflur und der hämmerte von außen minutenlang wie wild gegen die Tür und forderte lauthals Einlass. Es klang sehr gefährlich und Annett war sehr beunruhigt. Zur eigenen Sicherheit legte sie sich dann ein langes Küchenmesser griffbereit. Aber sie war natürlich sehr froh, dass es nicht zum Einsatz kam. Irgendwann war dann wieder Ruhe im Haus.

Bis ich vom Hyatt nach Hause kam. Ich klopfte an der Tür, aber Annett öffnete nicht. Ich konnte natürlich nicht wissen, dass sie sich still verhielt, weil sie dachte, der böse Mann von eben sei wieder an der Tür. Bis ich irgendwann wütend nach ihr rief. Dann ging endlich die Tür auf und Annett erklärte mir alles.

Samstag, 16.07.16

Heute ging ich auf die Suche nach der Karte „The Pamirs“. Dabei hatte ich jedoch wenig Glück. Entweder waren die Bezugsquellen geschlossen wegen Wochenende oder unter der mir bekannten Adresse nicht auffindbar. Unzählige Male befragte ich Passanten und Anwohner und genauso oft wurde ich in verschiedene Richtungen geschickt. Irgendwann gab ich frustriert auf.

Dann suchte ich eine Reise-Agentur für die Buchung unserer Flüge von Kirgistan nach Indien auf. Sie fanden einen günstigen Flug am 04.09. Von Bishkek nach Delhi. 20 kg Gepäck und 10 kg Handgepäck waren frei. Alle Flüge von Osh nach Delhi machten Zwischenstop in Bishkek, waren teurer und das Gepäcklimit lag bis Bishkek bei 15 kg. Also wählte ich Bishkek als Abflugort. Aber auch von dort werden wir wohl noch einen saftigen Zuschlag für unser Übergewicht zahlen müssen, dachte ich. Buchen wollte ich den Flug erst nach Erhalt unserer Indien-Visa in einigen Tagen.

Nachmittags half ich Abdul bei seiner Bewerbung auf eine Stelle in der deutschen Botschaft. Er spricht 7 Sprachen, unter anderem auch deutsch. Und er konnte nachahmen, wie es sich anhört, wenn Amerikaner, Chinesen, Italiener, Franzosen, Araber oder Spanier deutsch sprechen. Das war sehr amüsant.

Sonntag, 17.07.16

Wir bereiteten heute den Blog-Artikel Usbekistan vor, denn den wollten wir auf jeden Fall noch veröffentlichen, bevor wir Dushanbe verlassen. Nachmittags informierte uns Abdul darüber, dass wir morgen die Wohnung räumen müssen, er übrigens auch. Sein Freund käme samt Familie früher als geplant wieder nach Hause. Das kam jetzt sehr kurzfristig und warf unseren Plan für den Rest des Tages über den Haufen. Ich wollte ursprünglich nachmittags ins Hyatt, um PC und Internet für unseren Blog zu nutzen. Doch jetzt stand erst einmal Packen an, damit unser Auszug morgen frühzeitig erfolgt. Um 23:00 Uhr ging ich dann ins Hyatt und kümmerte mich um den Blog. Als ich fertig war, hatten wir 6:00 Uhr in der Frühe. Da blieb nicht mehr viel Zeit zum Schlafen.

Montag, 18.07.16

8:00 klingelte der Wecker. Für mich waren das gerade mal 2 Stunden Schlaf. Wir packen und waren um 10:00 Uhr raus aus der Wohnung.
Wir fuhren an den See hinter dem Hyatt, stellten mein Gepäck dort ab und ich fuhr alleine durch die Stadt auf der Suche nach der Pamir-Landkarte. Nach 3 Stunden Suchen, Bitten und Verhandeln bekam ich sie dann endlich bei der dritten Adresse. Endlich! Eine schwere Geburt. Aber es lohnt sich. Sie ist die beste verfügbare Karte vom Pamirgebirge, ist im Maßstab 1:500.000 und weist auch die kleinsten Dörfer aus. Das ermöglicht genauere Abschätzungen zum Proviantkauf und zur Wasserverfügbarkeit. Das ist im Hochgebirge sehr wichtig!

Unser Info-Stand zur Karte „The Pamirs“: Am besten kauft man sie im Internet und lässt sie sich schicken (ISBN 978-3-906593-35-7). In Dushanbe gibt es sie eventuell bei Orom Travel (93/1 Rudaki Ave, office 103; +992987133005; oromtravel@gmail.com) und sonst nur in 2 Schweizer Büros (SDC-Office, 3, Tolstoy Str. und Bactria Centre, ggü. vom OVIR-Gebäude), die diese Karte zwar haben, aber ungerne abgeben. Sie benötigen sie für ihre Projekte. Im Central Park in Khorog (info@peeta.tj; +992501063331) war sie gerade zufällig ausverkauft und sie hatten neu bestellt mit Lieferzeit 4 Wochen. Für uns zu spät.

Dienstag, 19.07.16

Wir hatten wieder am See unweit vom Hyatt ohne Zelt genächtigt. Baden gehen im kühlen Wasser und dann Frühstück am See; das war wie Urlaub. Danach zerlegte ich mein Tretlager, um nach der Ursache für das Lagerspiel auf der linken Seite zu suchen. Das Lager war knochentrocken und lief schwergängig. Möglicherweise hatte es auch schon Schaden genommen. Ich war wieder einmal entsetzt über die Shimano-Qualität. Sie setzen im Hollowtech II – Tretlager tatsächlich „ungedichtete“ Industrielager ein. Die sind halt ein paar Cent preiswerter als die beidseitig gedichteten, wartungsfreien Lager derselben Baureihe. Das beschleunigt natürlich den Verschleiß und die Kunden kommen früher in den Bikeshop und müssen das Tretlager auswechseln lassen. „Money, money, money!“

Ich schmierte das Lager mit unserem Lagerfett ab und bekam es wieder spielfrei und leichtgängig. Für einen zukünftigen Austausch haben wir zum Glück 2 Ersatzlager im Gepäck; natürlich die gedichtete Version. Mal sehen, wie lange unser Fett im Lager bleibt.

Dann ging ich auf die Suche nach Bikeshops. Währenddessen kündigte sich bei mir die nächste Magenverstimmung an. Hört das denn gar nicht mehr auf, dachte ich. Ich wollte mich nur noch flachlegen und schlafen im Schatten. Annett war auch noch nicht fit. Und es war uns ein Rätsel, wie bzw. wo wir uns jetzt schon wieder die Bakterien eingefangen hatten.

Was wir hier schon mehrfach unter „Magenverstimmung“ erwähnt haben, ist tatsächlich ein handfester Brechdurchfall mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen. Mindestens 2 Tage braucht es, bis man wieder schmerzfrei ist, aber die folgenden Tage ist man kraftlos und fühlt sich in der Magengegend sehr unwohl. Viele Touristen erwischt es hier in Zentralasien. Bei manchen hilft nur noch Antibiotika, einige müssen sogar stationär behandelt werden.

Und ungünstiger könnten unsere derzeitigen gesundheitlichen Probleme nicht sein. In wenigen Tagen geht es hoch ins Pamir-Gebirge, auf die zweithöchste Straße der Welt. Wenn wir da schon schlapp starten, wie soll das erst werden im Aufstieg?

Mittwoch, 20.07.16

Heute sollten unsere Visa für Indien fertig sein. Mit einem frühen Aufbruch zur Botschaft wurde es heute aber leider nichts. Ich war so angeschlagen, dass ich erst um 9:30 losfuhr. Kopfschmerzen, Schwindel und Magenkrämpfe quälten mich und ich fühlte mich völlig kraftlos. Da fuhr ich im Schleichgang wie in Trance zur Botschaft. Die Visa waren wohl fertig. Ich gab unsere Pässe ab. Ich sollte am Donnerstag um 17:00 Uhr wiederkommen. Warum erst morgen und warum so spät? Keine Diskussion, signalisierte der unfreundliche Mitarbeiter mir. Ich fühlte mich auch viel zu schlapp zum Verhandeln. Also ging ich.

So langsam werden wir nervös. Ganze 10 Tage von unseren insgesamt 45 Tagen sind verstrichen, wenn wir Dushanbe verlassen. Wertvolle Zeit, die uns im Pamir-Highway vielleicht fehlen wird. Nicht nur die Strecke und die vielen Höhenmeter benötigen ihre Zeit, sondern vor allem die Höhenanpassung. Ab 2000 m Höhe gibt es feste Akklimatisations-Regeln und wenn man die nicht einhält, drohen schlimme gesundheitliche Folgen.

Donnerstag, 21.07.16

Es ging mir wieder besser. Ich musste nachts wohl fürchterlich geschwitzt haben. Schlafsack und Matte waren so nass, als hätten sie im Regen gelegen. Also durften wir erst einmal abwarten, bis die Sonne alles getrocknet hatte. Währenddessen wechselte ich bei Annetts Rad die Kette. Ich war gerade fertig, da schob ein Obsthändler einen Holzkarren voll Wassermelonen an uns vorbei. Wir fackelten nicht lange und kauften eine und somit gab es zum Frühstück Wassermelone.

Um nicht noch einen Tag in Dushanbe zu verlieren, fuhr ich zur Reise-Agentur und buchte unseren Flug nach Indien. Etwas unwohl war mir dabei; wir hatten ja noch kein Indien-Visum. Doch ab 17 Uhr, nach Abholung unserer Visa, hätte die Reise-Agentur geschlossen. Dann müssten wir noch einen Tag hier bleiben.

Um 17:00 fuhr ich zur Indischen Botschaft. Ich erhielt unsere Pässe zurück und prüfte die Visa-Einträge: 4 Monate Gültigkeit ab gestern, double-entry. Alles stand wie beantragt auf den Visa. Ich atmete auf. Jetzt noch schnell eine E-Mail an eine Reise-Agentur in Myanmar senden wegen des MTT-Permits. Das benötigt man nämlich, wenn man auf dem Landweg von Indien nach Myanmar einreisen will. Und die Bearbeitungszeit für dieses Permit beträgt 20 Tage. Da wollten wir uns frühzeitig ankündigen.

Das Reisen mit dem Fahrrad ist in den letzten 10 Tagen etwas zu kurz gekommen. Aber der organisatorische Aufwand für Visa-Beschaffung, Geldwechsel, SIM-Karten-Kauf, Planung einer Routen-Änderung und die Suche nach den richtigen Adressen von Bikeshops, Reiseagenturen oder offiziellen Stellen kostet viel Zeit und Nerven. Manche Suche bleibt erfolglos, viele Stunden verbringt man mit Warten und oft sind mehrere Anläufe erforderlich. Der Wirkungsgrad ist meist sehr schlecht. Wir sind halt in Asien.

Um 18 Uhr verließen wir Dushanbe und fanden unweit der Stadtgrenze einen Schlafplatz im Gebetsraum einer Tankstelle.

Freitag, 22.07.16

Wir waren früh auf der Straße und nutzten die morgentliche Kühle. Bis zum Mittag schafften wir so 45 km Strecke durch eine nette, hügelige Landschaft. Dabei ging es stetig leicht bergauf. In Fajzobod machten wir große Pause mit Honigmelone. Hier erhielten wir auch unsere erste private Einladung zur Übernachtung. Doch wir wollten heute auf jeden Fall noch weiterfahren und Zeit gewinnen für die wirklich anstrengenden Passagen.

Nach der größten Mittagshitze fuhren wir weiter. Und jetzt ging es richtig steil den Berg hinauf. Ich konnte nur noch schieben. Als die Dämmerung einsetzte, waren es immer noch einige km bis zum nächsten Dorf. Und wir hatten nur 2 Liter Wasser dabei. Das würde für eine Übernachtung im freien Feld nicht reichen.

Dann winkte uns plötzlich eine Familie auf die andere Straßenseite und zeigte uns eine Wasserquelle. Sauberes Trinkwasser aus dem Berg. Die Quelle war versteckt hinter einem Hügel, man sah sie von der Straße aus nicht. Was für ein Zufall. Wir füllten alle Flaschen auf und fuhren weiter. Kurz vor der Dunkelheit erreichten wir nach 57 km und 860 Höhenmetern dann die ersten Häuser eines Dorfes und legten unsere Schlafmatten unter das Vordach einer ehemaligen Tankstelle.

Samstag, 23.07. – Sonntag, 31.07.16

In diesen Tagen haben wir die Strecke von Dushanbe bis Khorog „gemeistert“. Um die in Dushanbe verlorene Zeit (8 Tage Warten auf die Visa für Indien) wieder aufzuholen, gaben wir hier mächtig Gas. Die Beschreibung unserer Erlebnisse haben wir für diese Tage zusammengefasst, weil uns die Zeit und vor allem die Kraft zum Schreiben fehlte. Die Bergwelt entlang unserer Strecke war traumhaft schön, doch der Preis war extrem hoch:

Die gesamte Strecke von Fajzobod bis Dashtak besteht hauptsächlich aus grobem Schotter, stellenweise sogar aus losem Geröll ( Video-Clip ). Dieser Belag ist extrem anstrengend mit bepackten Fahrrädern. Jedes Fahrzeug hinterlässt dicke Staubwolken, das Atmen fällt da zeitweise schwer ( Video-Clip ). Dazu sind die Steigungen meist sehr steil und die Abfahrten sehr gefährlich wegen der Unberechenbarkeit der Straßendecke. Nur selten fährt man über Asphalt; und wenn, dann hat er oft Waschbrett-Profil oder es sind nur noch Trümmerfelder. Für uns Radler mit 40 (oder mehr) km Gepäck war die Befahrung ein ständiger Kampf um jeden Meter. In den ersten Tagen fehlte dazu noch die Kraft wegen unserer jüngsten Magenverstimmung in Dushanbe. Und auf Dauer zermürbt es einen, weil diese Piste einfach nicht enden will. In Summe waren es bis Khorog 570 km schwierigste Straßendecke mit insgesamt 8000 Höhenmetern.

Des Öfteren driftet das Rad seitlich über das Geröll weg oder der Fuß findet keinen Halt zum Hochschieben und man rutscht nach hinten weg. Bei der Abfahrt sucht man stets voll konzentriert die Ideallinie zwischen den Trümmerfeldern. Doch da ist man nur selten erfolgreich. Hat man einen größeren, herausstehenden Stein übersehen, hebt man ab wie auf einer Sprungschanze. Oft flüchtet man sich in die Vollbremsung, wenn man nicht auf Anhieb einen Weg durch diese „Minenfelder“ findet. Reicht der Bremsweg dann nicht, scheppert es gewaltig am Rad; die Packtaschen rutschen aus den unteren Halterungen und den Inhalt der Lenkertasche dreht es auf links. Erst hinter Dashtak wurde die Straßendecke wieder deutlich besser; zumindest bis Deh, dann folgten wieder 20 km übler Schotter.

Für Fahrrad und Packtaschen war es eine ungeheure Belastung: Steuersatz, Speichen, Felgen, Achsen und die Packtaschen-Halterungen litten enorm. Wir waren froh, dass nichts zu Bruch ging. Aber die erlittene Materialermüdung ist ja nicht immer sichtbar. Wer weiß, welche Schäden später noch in Erscheinung treten. Wir trafen unterwegs einen Reiseradler, dem auf dieser Piste ein Pedal abgebrochen war. Mit so einem Schaden ist eine Befahrung des Pamir-Highways natürlich erst einmal zu Ende.

Besonders anspruchsvoll war der Saghirdasht-Pass mit 3252 m Höhe. Es ging 35 km nur bergauf; über endlose Schotter- und Geröll-Pisten. Wir erreichten den höchsten Punkt erst nach Sonnenuntergang und mussten (wegen der fehlenden Höhenanpassung ab 2500 m Höhe) für die Übernachtung auf der anderen Seite direkt wieder einige hundert Höhenmeter herunter fahren. Das war bei Dunkelheit mit Fahrradbeleuchtung über diese Schotterpisten mit unserem Gepäck wieder einmal abenteuerlich.

Wegen der Anstrengungen wurden die Mittagspausen meist um ein Nickerchen erweitert und nicht selten gerieten wir dann am Ende des Tages in die Dunkelheit, bis wir einen geeigneten Schlafplatz gefunden oder ein Dorf erreicht hatten. Manche Schlucht-Abschnitte sind über viele km nicht bewohnt und es findet sich kein Fleckchen zum Übernachten. Auch die Versorgung mit Wasser war zum Abend hin nicht immer einfach.

Doch wir sparten uns meist den Zeltaufbau und legten unsere Matten nur aufs Tarp. Hier regnet es ja fast nie, da hatten wir großes Vertrauen. An 2 Tagen gab es allerdings Gewitter-Schauern bis in die Nacht. Unglücklicher Weise hatten wir uns für eine dieser Nächte als Schlafplatz einen nach allen Seiten offenen Rastplatz-Pavillon mit Dach ausgesucht: der nächtliche Regen kam mit viel Wind daher und so wurden unsere Schlafsäcke nass und uns schlug der Regen ins Gesicht. In einer der trockenen Nächte zog noch eine kleine Herde Kühe dicht an unserem Schlafplatz vorbei. Doch glücklicher Weise hatten die wenig Interesse an uns. Sonst waren es allesamt ruhige Nächte unter einem sagenhaften Sternenhimmel.

2 Plattfüße an meinem Hinterrad waren dann noch das i-Tüpfelchen. Als wenn die anstrengende Straße und die vielen Höhenmeter nicht schon genug Arbeit wären.

Landschaftlich steigert sich das Hügelland ab Dushanbe schnell bis zu einer grandiosen Gebirgskulisse. Man fährt entlang der Flussläufe Surhob, Obihingab, Khingob, Khumbow und Panj. Dabei führt jeder Hügel am Uferhang zu einem steilen Anstieg. Daher die vielen Höhenmeter. Die bis zu 4500 m hohen Berge zu beiden Seiten des Ufers bilden gewaltige Schluchten mit in Summe 500 km Länge.

Die Flüsse sind allesamt gewaltige Gebirgsströme mit enormer Wasserwucht. Für Wildwasser-Paddler wie uns auf der gesamten Strecke ein spannendes, sehenswertes Zusatz-Programm. Kleinere Zuflüsse fließen oft einfach über die Piste hinweg. Da ist dann Furten angesagt. Und der Panj bildet die Grenze zu Afghanistan. Man sieht viele afghanische Bergdörfer mit verschachtelten Lehmhütten in den Hängen am gegenüber liegenden Ufer.

Video-Clips:      Clip1        Clip2       Clip3      Clip4

In Kala-i-Kumb gab es mehrere Lebensmittelläden, Restaurants und sogar WiFi. In den übrigen, sehr kleinen Dörfern entlang des Weges gab es meist nur einen kleinen Laden mit stark begrenztem Angebot. Brot findet man sehr selten; alle backen ihr eigenes Brot.

Wir sind oft eingeladen worden auf eine Tee-Pause oder eine Übernachtung im Garten oder gar im Haus. Unsere Mahlzeiten fanden dann meist im Kreis der Familie statt und es gab Zutaten aus dem eigenen Garten. Nicht selten drücken sie einem zum Abschied noch ein selbstgebackenes Brot in die Hand. Bei den offenen Lebensmitteln hatten wir immer etwas Sorge, dass wir uns wieder den Magen verderben könnten. Es geht auch das Gerücht um, dass zumindest eine der Ursachen das von den Einheimischen oft zum Kochen verwendete Baumwollöl sei.

Wir waren froh, am 31.07. abends den Stadtrand von Khorog erreicht zu haben. Das Landschafts-Erlebnis der letzten Tage möchten wir nicht missen. Aber es war die härteste Passage, die wir bisher mit Reiserad und Gepäck bewältigt hatten.

Montag, 01.08.16

Heute stand Khorog auf dem Plan: Einkäufe für die nächsten 320 km bis Murghab (im Pamir-Gebirge gibt es nur selten Läden) und über WiFi einige Dinge klären: Details zu den MTT-Permits für Myanmar abstimmen, neue Ladekabel für unsere Zzing-Ladegeräte bestellen und mit unserem Sohn den Umfang der Ersatzteile abklären, die er per Paket zu unseren Händen nach Delhi senden sollte. Und dann war der Tag auch schon um.

Wir verließen Khorog noch und suchten uns hinter der Stadt nach den ersten 200 Höhenmetern einen Übernachtungsplatz an einem Haus. Wir wurden direkt eingeladen, auf der überdachten Terrasse am Haus des Bruders weiter oben im Hang zu übernachten. Dafür mussten wir nur wieder einmal unsere Räder samt Gepäck über eine steile Treppe mit Riesenstufen ca. 15 m hochschleppen. Aber es wurde eine angenehme, warme Nacht mit Wind und ohne Mücken.

Dienstag, 02.08.16

Nach dem gemeinsamen Frühstück ging es hoch in die Berge. Die Steigung war sehr moderat, der Asphalt ausgesprochen gut ( Video-Clip ). Nur eine 2 km kurze Schotterstrecke war zu bewältigen. Wir machten zweimal Pause und wurden beide Male von den Anwohnern eingeladen auf Tee und allerlei Leckereien im Garten. Und wie schon in den letzten Tagen gab es wieder Brot oder Obst als Wegzehrung mit ins Gepäck.

Ab heute ist die Höhenanpassung für unsere Streckenplanung ein wichtiges Thema. Unser Höhenmesser im Tacho ist nicht besonders genau. Das haben wir in den letzten Tagen schon festgestellt. Und die Einheimischen wissen wohl nur selten die Höhe ihres Dorfes über dem Meeresspiegel. Da versuchen wir uns im groben Abschätzen aus unserer topografischen Karte. Bei Vuzh auf ca. 2700 m Höhe fanden wir dann einen Platz für die Nacht im Haus einer Großfamilie.

Mittwoch, 03.08.16

Und weiter ging es ohne steile Anstiege auf guter, asphaltierter Straße kontinuierlich höher ins Gebirge. Man durchfährt ein langes, weites Tal zwischen 2 Gebirgszügen mit Bergen im Bereich um die 5000 m Höhe. Eine tolle Kulisse.

Langsam spürten wir auch die dünne Luft hier oben. Wir kamen schneller aus der Puste und brauchten öfter eine Pause. Dabei wurden wir von den Anwohnern zweimal auf Tee und Gebäck eingeladen. Einmal gab es gleich eine Einladung zur Übernachtung dabei. Doch wir wollten heute noch einige Höhenmeter erklimmen, um uns den Aufstieg in den vor uns liegenden Koitezek-Pass mit 4271 m besser einzuteilen.

Donnerstag, 04.08.16

Um 5:00 Uhr stsnden wir auf. Es war kalt; richtig kalt hier oben. Durch die Bewölkung kam die Sonne auch nicht so richtig zur Entfaltung. Aber die Mutter des Hauses feuerte um 6:00 Uhr den Holzofen im Garten an und machte Teewasser heiß. Der Wasserkocher ist sehr selten im Gebrauch; es gibt selten Strom hier oben.

Um 7:30 brachen wir auf. Nach 5 km liefen uns 2 Frauen mit einer Ladung Kaminholz über den Weg. Und prompt gab es eine Einladung zum Tee im Haus gegenüber. Wir hatten Zeit heute; wegen der notwendigen Höhenanpassung stand der vor uns liegende Pass für heute sowieso nicht auf dem Plan.
Die Anstiege nahmen allmählich zu. Wir waren mittlerweile in der Steinwüste angenommen, die Vegetation bestand nur noch aus Rasen und Kräutern. Ich tankte ausreichend Wasser als Reserve (7,5 l) aus dem Fluss neben der Straße; wer weiß, ob der Zugang zum Bach im weiteren Aufstieg noch gegeben ist.

Die Fliegen sind nervig hier oben in den Bergen: sie fliegen in Augen, Nase, Mund und Ohren. Wir zogen uns die Buff-Halstücher übers Gesicht wie die Tuareg, doch selbst dann trafen die Fliegen noch die Augen.

5 km hinter Jelondy hatten wir mit 3630 m Höhe unser Höhen-Limit für heute erreicht (eigentlich schon überschritten). Obwohl es erst 14:00 Uhr war und wir gerade einmal 28 km geradelt waren, bauten wir am Fluss nahe der Straße das Zelt auf. Die Akklimatisierung oberhalb 3000 m Höhe war uns wichtiger. Annett hatte leichte Herzschmerzen, mir ging es dagegen wieder sehr gut.

Wir nutzten die Nachmittagsstunden zum Wäsche waschen, Nähen und für die vielen anderen Kleinigkeiten und kochten nach vielen Tagen mit „kalter Küche“ endlich auch mal wieder mit unserem Kocher eine warme Mahlzeit.

Freitag, 05.08.16

Ab 5:00 fielen einige Regenschauern, doch später blieb es dann trocken. Der Wind war so kühl, dass wir unsere Wintergarderobe wieder anziehen mussten. Dann ging es hoch in den Aufstieg zum Koitezek-Pass. Die letzten 4 km besteht die Straße aus Schotter, es gibt viele Serpentinen. Jedes Fahrzeug wirbelt sehr viel Staub auf. Und es fuhren ungewöhnlich viele LKWs plötzlich. Die dünne Luft machte den Aufstieg schwer. Alle 30 m hielt man an für eine Verschnaufpause.

Mittags erreichten wir dann die Passhöhe von 4271 m. So hoch waren wir noch nie in unserem Leben. An einem Hof unweit vom Scheitelpunkt machten wir große Pause. Der Bauer lud uns angeknabberte Stromkabeldirekt ins Haus ein. Dort gab es dann Brot, Milch und Joghurt aus eigener Herstellung. Unterdessen hatte eine der Ziegen auf den Hof so fleißig an den Stromkabeln an Annetts Fahrrad herumgekaut, dass die Beleuchtung nicht mehr einwandfrei funktionierte. Also gab es wieder etwas zu reparieren in den nächsten Tagen.

Dann folgte eine mäßig steile Abfahrt hauptsächlich über Schotter. Während unserer Pause zogen dunkle Regenwolken auf, die uns schließlich einholten. Es begann leicht zu regnen. Dazu wehte plötzlich ein scharfer Rückenwind. Den nutzten wir natürlich, soweit der teilweise grobe Schotter das zuließ.

20 km hinter dem Pass erreichten wir eine Talsenke mit Fluss auf 3928 m Höhe. Das war unser geplanter Übernachtungsplatz im Hinblick auf die Akklimatisierung. Es war zwar wieder erst 15:00 Uhr, aber nach 36 km und diesem Pass waren wir ausreichend müde. Das Wetter war auch sehr unbeständig geworden.

Wir schoben die Räder an einem Hof vorbei hinunter zum Fluss. Da kamen drei Kinder aus dem Hof auf uns zu und luden uns spontan zur Übernachtung im Haus ein. So sparten wir uns wieder den Zeltaufbau.

Samstag, 06.08.16

Annett hatte sich gestern wieder den Magen verdorben. Seit der Nacht ging es ihr dreckig. Wir tippten auf das Wasser, was sie sich gestern in der Mittagspause auf dem Hof am Koitezek-Pass abgefüllt hatte. Sie blieb erst einmal liegen, während ich mit unserem Trangia kochendes Wasser für Tee und Frühstück zubereitete. Und ich filterte sicherheitshalber das gesamte Trinkwasser in unseren Flaschen.

Wir fuhren dann heute piano weiter. An den steileren Anstiegen übernahm ich das Schieben von Annetts Fahrrad, nachdem ich meines oben abgestellt hatte. So konnte sich Annett etwas schonen.

Wir fuhren den gesamten Tag über das Hochplateau immer auf Höhe zwischen 3700 und 4000 m Höhe. Zu beiden Seiten der Ebene ragten die 5- bis 6-Tausender in die Höhe. Sie wirkten wie sanfte Hügel und nicht wie die schroffen steilen Bergmassive, wie wir sie zwischen Dushanbe und Khorog hatten.

Die Straße war weiterhin ausgesprochen gut asphaltiert; nur selten gab es Schotterpassagen zu bewältigen. Spätabends fuhren wir dann „hinunter“ nach Alichur auf 3863 m, wo wir hinter einem Hof nahe dem Fluss das Zelt aufbauten. Die Anwohner luden uns direkt zum Tee ein; und aus dem Tee wurde dann gleich ein kleines Dinner. Nette Menschen hier.

Sonntag, 07.08.16

Mit 13°C war es richtig frisch heute morgen. Dazu war es bewölkt und ab und zu fielen Regentropfen. Wir wurden noch zum kleinen Frühstück eingeladen. Der heiße Tee tat gut. Vor der Abfahrt kauften wir noch Proviant nach. Es gibt 3 kleine Läden hier in Alichur; alle mit sehr überschaubarem Angebot: Bonbons, Kekse, Öl, Eier, Nudeln, … das war’s.

Wir verließen Alichur und fuhren über die Hochebene, nahezu ohne Steigungen auf 3800 m Höhe. Zu beiden Seiten säumten wieder Berge unseren Weg ( Video-Clip ). Erst nach 30 km ging es stetig bergauf bis zum Neizatash-Pass auf 4137 m. Mittags verzogen sich die Wolken und es wurde wieder angenehm warm ( Video-Clip ).

Seit Alichur findet man vereinzelt Jurten entlang der Straße. In eine dieser zeltartigen Behausungen wurden wir am Nachmittag auf einen Tee eingeladen  ( Video-Clip ).

Hinter dem Neizatash-Pass bauten wir nahe eines Hofes unser Zelt auf. Durch den Rückenwind hatten wir heute über 60 km Strecke geschafft. Gleichzeitig machte dieser starke Wind beim Zeltaufbau aber auch die Seitenabspannung erforderlich.

Unsere Film- und Foto-Akkus waren mittlerweile allesamt leergefahren. Da kam uns die Möglichkeit zum Laden im Hof natürlich sehr gelegen. Wenn die Stromquelle auch nur eine 12V-Autobatterie war; aber das reichte.

Montag, 08.08.16

5:00 Uhr. Es regnete immer wieder in kurzen Schauern. Das motivierte nicht gerade zum Aufstehen. Und Annett fühlte sich nicht gut. Da gingen wir den Tag etwas ruhiger an.

Beim Zelt kündigte sich schon die nächste Reparatur an: der Außen-Reißverschluß vom seitlichen Eingang ließ sich mal wieder nicht mehr schließen. Der Schieber wird wieder ausgeleiert sein. Fürs Außenzelt haben wir keinen Ersatzschieber mehr im Gepäck. Wir können nur noch am Außenzelt mit anderen Schiebern tauschen. Wir beschlossen, ab heute zunächst nur den anderen, Stirn-seitigen Zelteingang zu nutzen. Wenn wir später einmal viel Zeit haben, tauschen wir die Schieber.

Um 10:00 brachen wir auf. Nach den ersten 5 km wurde das Panorama wilder: schroffe Felsen und ein enger werdendes Tal gleich einer Schlucht sorgten für eine unvergessliche Kulisse. Die Straße ging dabei immer wieder leicht auf und ab. Der kalte Gegenwind störte etwas; sonst war es ein tolles Erlebnis, durch diese Landschaft zu radeln.

Videos:     Clip1     Clip2

Am Nachmittag erreichten wir Murghab, ein kleines Städtchen auf 3570 m Höhe. Wir fragten nach einem Platz fürs Zelt und wurden sofort eingeladen zur Übernachtung im Haus. Das war uns heute sehr recht; Annett legte sich sofort hin, um sich auszukurieren.

Dienstag, 09.08.16

Unser erster Job heute war die polizeiliche Registrierung hier in Murghab. Die ist nämlich ab einem Aufenthalt von 30 Tagen in Tadschikistan erforderlich. Kann man sie bei der Ausreise später nicht vorweisen, drohen 200 $ Bußgeld. An der Grenze zu Kirgistan, unserem nächsten Reiseland, soll das wohl angeblich keinen interessieren, doch das Risiko war uns zu groß. Glücklicherweise war heute der 29. Tag. Kommt man erst nach dem 30. Tag, droht wohl schon eine Ausweisung (Erfahrungsbericht aus 2016 in einem WhatsApp-Chat).

Also suchten wir die Polizeistation auf. Dort lotste man uns direkt zur Registrierungsstelle. Wir sollten bei der Amonatbank unweit der Polizei die 140 Somini pro Person einzahlen und dann mit Pass, Passkopie, Visakopie, Fotos und dem GBAO-Permit wiederkommen. Endlich wollte mal jemand unser GBAO-Permit sehen. Wir dachten schon, wir hätten diese Permits umsonst organisiert seinerzeit in Dushanbe.

Die Vordrucke in der Bank waren in kyrillischer Schrift. Eine englische Version gab es nicht. Ich fragte nach einer Hilfestellung beim Übersetzen und prompt kam eine Angestellte und half mir beim Ausfüllen dieser insgesamt 4 Zettel. Als ich dann am Schalter zahlen sollte, fiel der Strom aus. Ohne Strom geht gar nichts, dachte ich und sah in Gedanken schon, wie sie mich um einen Tag vertrösten. Doch hier war das anders: man hat häufiger keinen Strom. Sie stellten um auf Papier und Stift und nach einigen Minuten lief der Betrieb weiter und ich konnte bezahlen.

Zurück zur Registrierungsstelle, alles abgeben, und … die Kopien von den GBAO-Permits fehlten. Also schnell raus und an dem empfohlenen Gebäude nachfragen. Kopieren? Geht nicht mehr! Das war mal; als der Sohn noch hier wohnte. Und offenbar gab es keine weitere Adresse zum Erstellen von Fotokopien in Murghab.

Also ohne Kopien wieder zurück zur Polizeistation. Die Dame in der Registrierungsstelle versuchte es dann im eigenen Hause. Ohne Erfolg. Und die Permits per Smartphone einfach abfotografieren klappte wohl nicht. Also blieb nur Abschreiben. Damit dauerte die Prozedur noch länger. Es waren ohnehin schon 6 Formulare. In welchem Hotel wir letzte Nacht geschlafen hatten? Zelt, sagte ich, und hoffte, dass das jetzt keinen Stress gibt. Sie hielt inne, … und dann war es ok. Ich atmete auf und dachte bei mir, jetzt bloß nicht erwähnen, dass auf der Fotokopie unserer Visa der Einreisestempel noch fehlte. Die Kopien hatten wir nämlich schon vor der Einreise in Usbekistan machen lassen. Sie bemerkte es nicht.

Dann suchte sie die Vordrucke für die Registrierungsbelege. Einen fand sie. Mehr hatte die nicht. Es erinnerte mich an die Beschaffung der GBAO-Permits in Dushanbe. Im Tresor fand sie schließlich ein Kuvert mit weiteren Vordrucken. Ich atmete auf.

Nach 2,5 Stunden waren unsere Registrierungen dann endlich fertig. Ein halber Staatsakt mit 10 Seiten Papier und tatsächlich 2 vollen Stunden Ausfüllarbeit für alle Beteiligten. Was für ein Aufwand!

Als nächstes steuerten wir den Basar an. Eine Vielzahl alter Blech-Container stand dicht an dicht zu beiden Seiten eines Schotterweges. Das war der Basar. Etwas anstrengend war der Weg, weil man ständig Gefahr lief, mit dem Fuß umzuknicken, wenn man über das grobe Geröll ging und den Blick auf die Ware in den Verkaufsständen gerichtet hatte. Das Angebot war erstaunlich vielseitig. Wir fanden alles, was wir noch brauchten.
WiFi wollten wir noch nutzen. Doch es gab kein WiFi in ganz Murghab. Man sei froh, dass es Strom gibt. Ab und zu zumindest.

Nach 15:00 Uhr verließen wir die Stadt. Wir wollten noch 300 Höhenmeter erklimmen vor der Zeltplatzsuche (wegen der Höhenanpassung für den bevorstehenden Akbaital-Pass mit 4655 m Höhe). Doch daraus wurde nichts. Der Gegenwind war derart heftig, dass wir nach 22 km völlig entkräftet aufgaben. Wir wählten eine windgeschützte Stelle an der Straße zum Zeltaufbau. Als es dann auch noch zu regnen begann, war der Tag für uns gelaufen, obwohl wir noch keine 18:00 hatten. Annett hatte Schmerzen im rechten Lungenflügel. Vielleicht war der vorzeitige Zeltaufbau da ganz sinnvoll.

Mittwoch, 10.08.16

Es hatte die ganze Nacht geregnet und gestürmt. Um 8:00 Uhr klarte es auf. Auf den Bergen um uns herum war Schnee gefallen. Geschätzte Schneefallgrenze: 4500 m. Mit unserer Schlafhöhe auf ca. 3900 m waren wir erschreckend dicht dran ( Video-Clip ). Vielleicht erwartet uns ja noch Schnee auf den Weg zum Akbaital-Pass in den kommenden Tagen. Das Wetter schien ja derzeit sehr wechselhaft hier oben. Mal sehen.

Meine Kopfschmerzen waren weg, Annetts Schmerzen im Lungenflügel waren ebenfalls abgeklungen. Damit schwand die Sorge, dass wir letzte Nacht zu hoch geschlafen hätten. Der heftige Gegenwind von gestern war auch verschwunden. Und damit wurde die Fahrt heute deutlich angenehmer als gestern.

Bis aus den Seitentälern dunkle Wolken auf uns zukamen. So schnell konnten wir gar nicht den Anstieg hinaufradeln, da erwischten uns die Regenschauern schon samt Gewitter. Es kühlte ab auf 12°C und mit dem Regen wehte ein eisiger Wind. Da passte es gut, dass wir zufällig mitten in einer größeren Schauer an einem Hof am Straßenrand vorbei kamen (seit 50 km das erste Haus am Highway). Wir suchten Unterstand und Windschatten, und wurden prompt ins Haus eingeladen auf Tee und Brot. Als wir uns nach einer Stunde verabschiedeten, schien wieder die Sonne. Was für ein Timing.

Um 16:00 Uhr hatten wir mit 4130 m unser Höhenlimit für heute wieder erreicht und bauten nahe am Fluss das Zelt auf. Kaum saßen wir im Zelt, prasselte die nächste Gewitterschauer mit Hagel auf uns nieder. Wieder Glück gehabt.

Donnerstag, 11.08.16

Um 5:30 Uhr standen wir auf. Wir hatten 5°C im Innenzelt. Das Außenzelt hatte eine Eisschicht. Die Schlafsäcke waren nass am Fußende. Doch bis 8:00 Uhr hatte die Sonne das Gröbste getrocknet.

Für heute stand der Akbaital-Pass mit 4655 m Höhe auf den Plan. Unser höchster Pass hier im Pamir-Gebirge. Das Wetter sah gut aus: wolkenfreier Himmel. Doch mit jedem km zog es sich mehr und mehr zu. Als dann aus den Seitentälern erste Graupelschauern mit eiskaltem Wind unseren Weg kreuzten, hatten wir schon Sorge, dass der Pass für heute „ins Wasser fällt“. Doch wir kämpften uns weiter hoch. Es gab ja auch immer wieder Sonnenschein für kurze Zeit. ( Video-Clip )

Die letzten 4 km bis zum Scheitelpunkt waren sehr anstrengend: der Straßenbelag wurde schlechter und der Weg steiler. Jeder Schritt schmerzte in den Beinen. Die dünne Luft ließ kein ausdauerndes Schieben zu. 30 m schieben – 1 min Pause – 30 m schieben – 1 min Pause – usw. Der Puls ging in den Pausen nicht wirklich herunter, aber es half trotzdem irgendwie (psychologisch).

So spektakulär die Passhöhe mit 4655 m auch ist, so enttäuschend ist der Scheitelpunkt, wenn man eine grandiose Aussicht auf die Umgebung erwartet hat. Beidseitig steht 5 m hohe Böschung, die jegliche Aussicht versperrt. Der Scheitelpunkt ist lediglich eine enge Schneise im höchsten Hügel. Also fuhren wir ohne große Pause direkt weiter.

Hinter dem Scheitelpunkt ging es zwar bergab, aber da erwarteten uns 20 km übelster Schotter mit Waschbrettprofil auf der gesamten Breite. Zusammen mit dem permanent heftigen Gegenwind und den gerade mal 11°C war das sehr zermürbend auf Dauer.

Wenn wir zurückblickten, sahen wir, wie es sich immer mehr zuzog hinter uns: tiefdunkle Wolken, Regen und Graupel-Schauern kamen uns immer näher. Wir versuchten, so schnell wie unsere Kräfte und die miese Piste es zuließen, aus der Schlechtwetter-Zone Richtung Norden zu entkommen. Zu groß war die Sorge, auf diesen immerhin noch 4200 m Höhe über Nacht eingeschneit zu werden ( Video-Clip ).
Als wir die vermutete Wetterscheide hinter uns hatten, suchten wir uns am Fluss nahe der Straße wieder einen Zeltplatz.

Freitag, 12.08.16

In den Bergen hinter uns hatte es über Nacht geschneit. Auch der Akbaital-Pass wird jetzt zugeschneit sein. Wir waren froh, den Pass schon hinter uns zu haben. Das Wetter blieb wechselhaft, aber mit 16°C wurde es deutlich angenehmer als gestern. Einige Graupel-Schauern mussten wir aber trotzdem über uns ergehen lassen.

Wir quälten uns weiter diese fürchterliche Schotterstrecke entlang. Als dann, nach 20 km, endlich wieder Asphalt dominierte, atmeten wir erleichtert auf. Wir steigerten das Tempo und erreichten nachmittags den Karakul-See auf 3932 m Höhe. In der gleichnamigen Ortschaft Karakul wollten wir unser letztes tadschikisches Geld ausgeben, doch die beiden „Läden“ hatten leider nichts brauchbares für uns. Da lagen drei angebrochene Nudelsäcke auf dem Boden zwischen einigen Kartons mit Saft oder Bonbons. Im Nebenraum lagen Melonen und es roch nach Schimmel. Das war alles nicht sehr einladend.

Ungewöhnlich viele „Homestays“ bietet dieser letzte Ort vor der Grenze zu Kirgistan. Uns interessierte das weniger; wir hatten ja unser Zelt.
Heute gab es zwar kaum Höhenmeter zu bewältigen, doch der permanente Gegenwind hatte uns stark gefordert. So bauten wir schon um 17:00 Uhr direkt hinter Karakul an einem Fluss das Zelt auf.

Abends kam dann urplötzlich ein ausgewachsener Sturm auf, der mich dazu zwang, ganz schnell die Seitenabspannungen am Zelt nachzurüsten. Dummerweise hatte ich unsere Räder heute so nah neben dem Zelt miteinander verschlossen abgestellt, dass der Platz für die Seitenabspannung nicht reichte. Mir fehlten aber die Muße und die Zeit, die Räder weiter entfernt vom Zelt neu zu platzieren; mir reichte die Unterkühlung schon, die ich mir jetzt im eisigen Sturm in der kurzen Radlerhose zuzog (meine lange, warme Hose hatte ich vor einer Stunde im Fluss gewaschen). Also zog ich 2 Abspannleinen kurzerhand einfach durch die Speichen hindurch (na, wenn das mal gut geht?!).

Samstag, 13.08.16

Es ging gut: Zelt und Räder hatten den Sturm gut überstanden. Zwei Häringe wurden aus dem Boden gerissen. In der Bergwelt um uns herum lag Neuschnee. Wir hatten 8°C und leichten Gegenwind.

Unweit der Straße verlief seit gestern permanent ein dichter Zaun aus Stacheldraht, der uns stets bewusst machte, wie nahe wir gerade der chinesischen Grenzlinie waren.

Bis zur kirgisischen Grenze waren es jetzt nur noch 55 km. Und 2 mäßig hohe Pässe lagen auf dem Weg: der Uy Buloq Pass mit 4323 m und der Kizil Art Pass mit 4336 m. Wir starteten auf 3923 m. Also hatten wir keinen langen Aufstieg vor uns und somit sollte es ein gemütlicher letzter Tag in Tadschikistan werden. Doch es kam gehörig anders: das Wetter machte uns einen gewaltigen Strich durch die Rechnung:

Der Aufstieg zum Pass war unerwartet mühsam. Oben angenommen wehte ein heftiger Gegenwind, der uns dann die kommenden 2 Stunden fest im Griff hatte. Es gab keine windgeschützten Stellen an der Straße, keine Häuser, nichts als diesen Windkanal zwischen den Bergen. Und der kalte Gegenwind zwang uns sogar in der Abfahrt zum Schieben, so unberechenbar und heftig waren die Böen. In Intervallen wirbelte der Wind den Sand auf und bescherte uns immer wieder sandiges Knirschen zwischen den Zähnen ( Video-Clip ). Wir schafften keine 8 km Strecke in den 2 Stunden. Und wir waren ausgekühlt und völlig entkräftet.

An einem Tümpel mit klarem Wasser füllte ich unsere Flaschen auf und suchte die nächstbeste Stellte in dieser Sandwüste zum vorzeitigen Zeltaufbau. Der Halt unserer Häringe im weichen Sandboden war grenzwertig. Bis das Zelt stand, kämpften wir eine halbe Stunde; es flatterte wie eine Fahne im Wind und ließ sich kaum bändigen ( Video-Clip ). Der Wind wehte permanent feinen Sand durch alle Ritzen, sodass in kürzester Zeit im Vorzelt und teilweise auch im Innenzelt alles versandet war. Wir werden Tage benötigen, um den Sand aus Schlafsäcken, Schlafsachen und Packtaschen wieder zu entfernen, dachte ich bei mir.

Sonntag, 14.08.16

Wir hatten frostige 3°C, aber absolute Windstille. Das half uns, das Zelt halbwegs Sand-frei zu verpacken.

Unser letzter Tag in Tadschikistan. Jetzt hatten wir zwar keinen Gegenwind mehr, aber nach 300 m Straße begann wieder Schotterpiste; die üble Sorte mit Waschbrettprofil. In Verbindung mit dem Anstieg in den Kizil Art Pass bescherte uns das anstrengende 3 Stunden Schieberei. Je höher wir aufstiegen, um so windiger wurde es dann doch noch. Und wie schon in den letzten Tagen fuhren wir dabei durch eine tolle Gebirgslandschaft. ( Video-Clip )

Um 12 Uhr erreichten wir die tadschikische Grenzstation oben auf 4200 m Höhe. Alles ging schnell und ohne komplizierte Bürokratie: Pässe, GBAO-Permit und die Migrations-Deklaration wollten sie sehen. Nach 3 min waren wir durch. Die Registrierung, die wir in Murghab für 33 € organisiert hatten, wollten sie nicht sehen. Schade ums Geld. Das hätten wir uns tatsächlich sparen können. Wusste man aber eben vorher nicht.

Auf der kirgisischen Grenzstation 20 km weiter ging es ähnlich schnell. So waren wir nachmittags in Kirgistan, unserem nächsten Reiseland.
Weiter geht es im Artikel Kirgistan 2016.

Resume Tadschikistan

Insgesamt waren wir 5 Wochen in Tadschikistan unterwegs und haben auf einer Strecke von 1100 km in Summe 13.200 Höhenmeter bewältigt.
Im Flachland sind die Straßen in bester Qualität, es gibt gepflegte Sanitäranlagen nach europäischem Standard, keine Polizeikontrollen und einfache Grenzkontrollen, … all das nahmen wir mit großer Dankbarkeit wahr nach den krassen Zuständen in Usbekistan.

Die Tadschiken sind so liebenswert, doch auf der Straße (vor allem in den Städten) machten sie uns Radlern das Leben zur Hölle. Sie kündigen per Hupe ihren Anflug an und brettern dann oft so dicht an einem vorbei, dass man Angst um seine Ellbogen bekam. In Dushanbe teilen sich Radler die rechte Spur mit den unzähligen Kleinbussen und Taxis, die alle paar Meter voll in die Bremsen steigen, um Fahrgäste ein- oder aussteigen zu lassen.

Dabei schneiden sie uns Radler und geben uns kaum Spielraum, auszuweichen. Da half oft nur noch die Vollbremsung.
Östlich von Dushanbe erheben sich die Berge. Und das Highlight ist das Pamir-Gebirge, das man (unter Anderem) über den „Pamir-Highway“ durchreisen kann. „Pamir“ stammt aus dem Farsi-Wortschatz und bedeutet „das Dach der Welt“. Dieser Name würdigt die enorme Höhe des Bergmassivs: der Somoni ist mit 7500 m die höchste Erhebung, ansonsten ist alles im Bereich zwischen 5000 und 6500 m vertreten. Der Highway verläuft auf ca. 4000 m Höhe über ein Hochplateau und beinhaltet einige Pässe bis 4655 m Höhe.

Die Straße von Dushanbe nach Khorog (Nordroute) ist für Radler ausgesprochen mühsam, führt aber durch atemberaubende Landschaft. Die Südroute ist einfacher, weil gut asphaltiert, aber landschaftlich wohl nicht so spektakulär wie die Nordroute. Der Weg durchs Pamir-Gebirge von Khorog über Alichur, Murghab und Karakul nahe der Grenze zu Kirgistan führt über sehr guten Asphalt und enthält nur selten anstrengende Aufstiege. Eine Ausnahme bildet hierbei eine 20 km lange Schotterpiste mit Waschbrettprofil zwischen dem Akbaital-Pass und dem Karakul-See.

Allerdings bewegt man sich fast ausschließlich auf 3700 – 4200 m Höhe. Da ticken die Uhren im Körper anders: der Sauerstoff fehlt, man muss sich langsam und kontrolliert an die Höhe gewöhnen, alles wird anstrengender und läuft langsamer ab. Aber man radelt auf der zweit-höchsten Straße der Welt durch traumhafte Berglandschaft. In unserer Fahrtrichtung hatten wir an einigen Tagen einen so heftigen Gegenwind, dass wir die Weiterfahrt auf den nächsten Tag verschieben mussten.

Das Leben in den Bergen ist sehr einfach und ohne viel Komfort. Geheizt wird mit getrockneten Kuhfladen, denn Baumholz gibt es hier oben nicht. Die Kinder spielen das Wurfspiel „Ordo“ mit kleinen Wirbelknochen, nicht mit Glasmurmeln. Man könnte glauben, sie üben für die „World Nomad Games“, die olympischen Spiele Zentralasiens, die im September in Kirgistan ausgetragen werden. Ordo ist eine der Disziplinen dort.

Video-Clip zum Leben der Nomaden:   Clip

Man wird oft gegrüßt. Vor allem die Kinder glänzen mit ihrem kleinen Standard-Repertoire in Englisch: Hello! What’s your Name? How are you?
Manchmal wird man eingeladen, wenn man am Straßenrand Pause macht oder auf der Suche nach einem Zeltplatz ist. In mancher Gegend war nicht immer sofort erkennbar, ob die Gastgeber dann Geld dafür haben wollten. Wir haben uns in der Regel mit Geschenken revanchiert.

Der Strom fällt häufig aus, in Dushanbe wird tagsüber sogar das Wasser abgestellt für private Haushalte. Auf dem Land wird es noch abenteuerlicher: oft ist die einzige sichere Stromquelle eine 12V-Autobatterie und das Wasser ist trübe oder voller „Leben“.

Das Lebensmittel-Angebot in den Läden außerhalb der Städte ist sehr stark beschränkt. Doch Konfekt, bestimmt 20 verschiedene Sorten, verpackt in den edelsten Lackpapierchen, gibt es in jedem Laden (schmecken übrigens alle gleich schrecklich süß).

Die Trinkwasserqualität ist nicht immer die Beste. Das sorgt oft für Magen-Probleme. Aber auch der Genuss einiger Speisen, die in siedendem Cottonöl gegart werden, erzeugt oft Probleme. Durch die hohe Hitze entstehen Giftstoffe im Öl, die wir wohl nicht vertragen.

Man trifft viele Reiseradler. Insbesondere auf dem Stück zwischen Khorog und Sary-Tash in Kirgistan. Kanadier, Franzosen, Engländer, Polen, Deutsche, Koreaner, … täglich 2 bis 4 Radler kamen uns entgegen oder überholten uns.

Die geforderte „Registrierung“ nach 30 Tagen Aufenthalt im Lande ist mit 140 Somoni relativ teuer und zeitaufwändig. (In Khorog wandern zusätzlich noch weitere 20 Somoni in die Tasche der Beamten). Man bekommt wohl Ärger, wenn man sie der der Ausreise nicht vorweisen kann. Bei unserer Ausreise Richtung Kirgistan wollte jedoch keiner den Beleg sehen. Da geht es offensichtlich auch ohne Registrierung.

Tadschikistan garantiert einige Superlative: der Pamir-Highway ist die zweithöchste Straße der Welt und die nördliche Piste zwischen Dushanbe und Khorog gehört zu den schwierigsten Straßen, die man sich als Radler antun kann.

Uns haben Land und Menschen sehr gefallen. Und die Grenzerfahrungen in der Höhe möchten wir nicht missen.

Der Pamir-Highway und die Höhenanpassung:

Ab einer Höhe von 2000 m ist die Höhenanpassung ein ganz wichtiges Thema. Beachtet man die Akklimatisations-Regeln nicht, drohen gesundheitliche Schäden.

Wir haben unsere Tagesstrecken sowie insbesondere die Übernachtungsplätze so weit wie möglich im Einklang mit diesen Regeln abgestimmt. Weil wir den Highway ohne „größere“ gesundheitliche Beeinträchtigungen bewältigt haben, listen wir im Folgenden unsere Übernachtungsplätze samt Höhe als Orientierungshilfe auf.

Khorog liegt auf 2070 m. Verlässt man die Stadt, geht es direkt hoch. Nach 4 km auf ca. 2200 m Höhe haben wir übernachtet.

Die nächste Übernachtung war nach 50 km in Vuzh auf ca. 2700 m Höhe. Bis hier geht es mit moderater Steigung stetig bergauf.

Unsere nächste Übernachtung war dann nach 56 km in Murj auf ca. 3300 m Höhe. Auch diese Passage war ohne steile Anstiege. Kurz vor Murj ging es in einem längeren Anstieg um ca. 200 m hoch. Ich hatte abends leichte Gleichgewichts-Probleme. Ich denke, da hatten wir die Grenze schon überschritten.

Morgens waren die Symptome verschwunden. Nächste Übernachtung war 5 km hinter Jelondy auf 3628 m Höhe nach 28 km Tagestrecke. Annett hatte Schmerzen im rechten Lungenflügel und ich hatte leichten Schwindel. Die Schmerzen waren am nächsten Morgen abgeklungen.

Nächste Übernachtung war hinter dem Koitezek-Pass (4271 m) und einer kleinen Abfahrt auf 3932 m Höhe in einer Talsenke nach 36 km Tagestrecke. Annett hatte leichte Kopfschmerzen, sonst war alles ok.

Nächste Übernachtung war nach 42 km in Alichur auf 3863 m. Ich hatte abends leichten Schwindel, sonst ging es uns gut.

Nächste Übernachtung war nach 61 km hinter dem Neizatash-Pass auf 4020 m Höhe. Annett hatte am nächsten Morgen mit Übelkeit zu kämpfen; mir ging es dagegen gut.

Die nächsten Übernachtungen waren in Murghab auf 3570 m Höhe und dann hinter Murghab auf ca. 3900 m Höhe. Die bisherigen Symptome traten ab jetzt immer seltener und schwächer in Erscheinung.

Fazit: unsere Höhenanpassung war wohl ganz gut abgelaufen. Wir waren über 9 Tage kontinuierlich von 1050 m auf 3900 m Höhe aufgestiegen und hatten ab 2500 m Höhe nicht mehr als 300 m höher geschlafen gegenüber dem Vortag. Die Symptome hielten sich in Grenzen. Manchmal war es nicht einfach zu beurteilen, ob ein zu schneller Aufstieg oder verseuchte Lebensmittel die Ursache unserer gesundheitlichen Probleme waren.

Ansonsten fordert die dünne Luft dort oben ihren Tribut: die Nasenschleimhäute leiden, die Lippe wird rissig, es bilden sich Krusten auf den Wangen, wenn man sich nicht regelmäßig eincremt (so wie ich). Wir hatten die Wunden mit Weleda-Heilcreme behandelt; aber das blieb fast wirkungslos, solange wir uns auf 4000 m aufhielten. Sonnen-verbrannte Wangen sahen wir auch erschreckend oft bei vielen Kleinkindern in den Bergen; keiner benutzt hier Sonnenschutz-Creme.

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