Armenien 2016

Am 23.3.16 sind wir, von Georgien kommend, nach Armenien eingereist.

Mittwoch, 23.3.16

Keine Warteschlange, kein Rummel, lediglich ein Ausreisestempel Georgien und ein Einreisestempel Armenien, das wars. Dann waren wir in Armenien. Ohne Visum sind hier 180 Tage Aufenthalt erlaubt. Wir rechnen mit ca. 2 Wochen Aufenthalt bis zur iranischen Grenze im Süden. Bis dahin folgen wir der Seidenstraße über Vanadzor, Dilijan, Sevan, Gavar, Martuni, Sisian, Goris, Kapan und Meghri. Dieser Weg führt nahezu komplett durch die Berge. Unterwegs werden uns dabei einige Pässe mit einer Höhe bis zu 2500 m wohl ordentlich zum Schwitzen bringen.

Auf dem Weg nach Alaverdi führte die Straße flussaufwärts am Deped entlang und wand sich zwischen den Bergen hindurch. In Shnogh, einem 1200 Jahre alten Dorf, sprach uns Sevada in deutsch an und lud uns spontan zur Übernachtung in sein Haus ein. Ein steiler Weg führte über 2 km hoch in das Dorf im Berghang.

Dort angekommen, lernten wir die gesamte Familie kennen und verbrachten einen gemeinsamen Abend am Kamin. Sevadas Schwester Sona und die Mutter Marietta waren Deutsch-Lehrerinnen hier, er selbst hatte auch die deutsche Sprache studiert. Das war sehr hilfreich für unseren Einstieg in die armenische Sprache. „Danke“ heißt zum Beispiel „schnorrhakalutsjun“; aber „merci“ ist wohl auch üblich. Wir verstehen auch sofort, warum.

Sevadas Vater Eduard holte einen uralten, kleinen Weltatlas in russischer Schrift und wollte wissen, wo wir in Deutschland wohnen. Auf einer separaten Karte mit NRW suchten wir vergeblich die Städte Wuppertal und Essen, doch zu unserem Erstaunen war unser „kleines“ Heimat-Dorf Neviges eingezeichnet. Wir waren begeistert.

Das Angebot, unsere Wäsche zu waschen, konnten wir leider nicht wahrnehmen, weil plötzlich der Strom ausfiel. Dafür wurden in Windeseile mehrere Taschenlampen und LED-Leuchten hervorgeholt und das Abendprogramm ging weiter. Hier fällt wohl des öfteren der Strom aus. Und darauf ist man vorbereitet. Nach 2 Stunden war der Strom wieder da und die Wasch-Aktion konnte doch noch starten.

Wir kamen noch in den Genuss deutscher Fernseh-Sender und verfolgten mit Sorge die Geschehnisse nach den Terroranschlägen in Brüssel. Die Terror-Gefahr in größeren Städten ist auch bei der Planung unserer Reiseroute immer ein Thema gewesen.

Donnerstag, 24.3.16

Wir waren zwar um 8 Uhr aufgestanden und hatten zügig gepackt, aber dann gab es ein gemütliches Frühstück, einige Vorschläge für Besichtigungen im Dorf sowie die Einladung in die Schule, in der Sevadas Mutter unterricht. Sevada fuhr uns zur Schule, wo wir von der 11. Klasse in Empfang genommen wurden. Wir waren eingeladen zu einer Wanderung auf den höchsten Berg im Dorf incl. Besuch der dort oben befindlichen Kapelle.

Auf dem Weg hinauf wurden die Deutsch-Kenntnisse unter Beweis gestellt und wir lernten die armenische Sprache näher kennen. Der deutsche Fußball ist hier bei den Jungs ganz großes Thema, die Mädels waren dagegen sehr musikalisch und kannten alle Pflanzen beim Namen. Sevada hatte seine Mutter derweil im Lada 4×4 hochgefahren bis zur Kapelle.

Die Aussicht von der Kapelle über das Dorf und die Berge war atemberaubend. Der Fluss Deped hat im Laufe der Zeit einen regelrechten Canyon in das Landschaftsplateau gegraben. Nur von oben ist diese markante Schlucht als solche erkennbar. Was hätten wir verpasst, wenn wir hier nur durch geradelt wären. Wir fuhren im Lada mit Sevada zurück ins Dorf und erlebten abenteuerliche Pisten a la Paris-Dakar, die nur per Allradantrieb zu bewältigen waren.
Nachmittags kam Sona noch mit 2 weiteren Lehrer-Kolleginnen zu Besuch. Sie alle wollten uns kurz kennenlernen.

Freitag, 25.3.16

Um 8:30 Uhr waren wir startklar. Es gab noch ein Frühstück mit vielen hausgemachten Zutaten sowie Honig und Eier aus eigener Zucht und wir bekamen eine Flasche Haus-gebrannten Wodka und einige andere Köstlichkeiten mit ins Gepäck.

Abschied in ShnoghDie Verabschiedung fand vor der Dorf-Schule statt, die gestern schon Basis unseres Besichtigungs-Programmes war: alle Lehrer und Schüler hatten sich versammelt und wünschten uns eine gute Reise und viel Erfolg. Es gab Geschenke von Schülern und Lehrern. Wir waren gerührt. Sevada und Sana begleiteten uns noch bis zum Dorf-Ende. Das war unser unvergesslicher Empfang in Armenien.

In dem Bewusstsein, durch einen tiefen Canyon zu fahren, ging es weiter leicht bergauf am Deped entlang bis Alaverdi. Ab hier wurden die Anstiege kerniger. Der Fluss zeigte sich seit Shnogh schon als ausgesprochen interessanter Wildwasserfluss: Verblockung und überschaubare Wasserwucht, Schwierigkeitsgrad 2 bis 3+ im Oberlauf. Da schlugen unsere Herzen wieder höher; sind wir doch auch leidenschaftliche Wildwasser-Paddler.

Der Deped in Armenien:    Clip1    Clip2

An einem kleinen Restaurant winkte uns eine Reisegruppe zu sich und lud uns auf einen kleinen Imbiss ein. Plötzlich hatten wir dazu ein viel zu volles Glas Wodka in der Hand. 2 Georgier, 2 Armenier und ein Iraner waren hier auf dem Weg nach Jerevan. Und sie boten uns an, samt Räder in ihrem Kastenwagen mitzufahren bis zur Hauptstadt. Doch wir lehnten dankend ab, weil wir eine andere Route nehmen wollen. Unsere Sprachkenntnisse erlaubten es, jedem in seiner Landessprache zuzuprosten. Da waren sie begeistert.

Nach 50 km Strecke und über 800 Höhenmetern suchten wir uns vor Vanadzor einen Zeltplatz an einem Seitenweg. Nachts um 2 Uhr hielt dann ein Wagen neben unserem Zelt. Der Motor ging aus und man hörte den Fahrer telefonieren. Wir dachten sofort, jetzt gibt es Ärger. Ich ging raus und wollte dem Fahrer alles erklären. Doch der signalisierte nur: zelten hier kein Problem, alles super. Er stieg aus und wollte alles über unsere Reise wissen. Dann wollte er uns in seinem Kastenwagen samt Zelt und Rädern hoch zu seinem Haus mitnehmen, weil es ja viel zu kalt sei in dieser Nacht. Und es war wirklich kalt; ich war jedenfalls ordentlich unterkühlt nach diesem nächtlichen Intermezzo im Schlafanzug. Wir konnten ihn dann am Ende überzeugen, dass es uns gut gehe hier mit dem Zelt und dann verabschiedete er sich.

Samstag, 26.3.16

Es ging weiter steil bergauf. 12% Steigung, Gegenwind und kurze Regenschauer machten das Vorankommen sehr kräftezehrend. Auch die kurzen Abfahrten waren kein Vergnügen: ein fürchterlicher Straßenbelag mit riesigen Schlaglöchern und Rissen zwang ständig zu Vollbremsungen und Ausweichmanövern. Das war nicht ganz ungefährlich, wenn gerade LKWs an uns vorbeifuhren. Die Berglandschaft, die wir entlang des Weges genießen durften, war dagegen ein Traum. Vor allem das Hochgebirge im Süden mit seinen voll eingeschneiten, bis zu 4000 m hohen Gipfeln beeindruckte uns.

VanadzorNachmittags erreichten wir dann Vanadzor, eine der wenigen größeren Städte in Armenien. Wir beschafften uns armenische Dram, gingen einkaufen und suchten uns ein ruhiges Plätzchen für eine Pause. Ein plötzlicher Wolkenbruch beendete die Pause abrupt und brachte unseren Plan für die weiteren Jobs in der Stadt gehörig durcheinander.

Wir suchten fluchtartig einen Unterstand, zogen unsere Regenkleidung an und standen vor der Entscheidung, entweder jetzt im Regen alles zu erledigen und bei Dunkelheit die Stadt zu verlassen oder jetzt die Stadt zu verlassen, bei Tageslicht einen Zeltplatz zu suchen und morgen zurückzufahren in die Stadt. Dann versuchten wir ersteres, aber das ging voll daneben, weil alleine für die Sucherei nach den richtigen Adressen zu viel Zeit drauf ging. So verzichteten wir auf einige Besorgungen und verließen Vanadzor bei Dämmerung.

Es ging nur bergauf und die Stadt wollte kein Ende nehmen. Entsprechend lange dauerte es, bis wir ein Zeltplatz-taugliches Gelände hinter der Stadt an der Straße fanden. Da war es dann auch schon stockfinster. Zerknirscht bauten wir das Zelt dann auf 1800 m Höhe neben der Straße auf und hofften auf gutes Wetter für den Ostersonntag.

Sonntag, 27.3.16

Ostersonntag. In unserer Heimat ein großes Fest. Wir hatten nichts vorbereitet und wollten den Tag auf uns zukommen lassen. Nachdem die ersten Sonnenstrahlen das Eis auf dem Zelt geschmolzen hatten, hielt ein Fahrzeug auf unserer Höhe, 3 Männer stiegen aus, wünschten uns frohe Ostern und dann gab es eine Oster-Überraschung für uns: bemalte Ostereier, Himbeerwein, Bier und ein Gebäck mit Spinat. Robert, Sergej und Ali wollten alles über unsere Reise wissen. Wir tauschten unsere Kontaktdaten aus und dann fuhren sie weiter. Das war ein toller Tages-Auftakt.

Wir packten und fuhren weiter den Berg hinauf durch eine wunderschöne Berglandschaft. Nach ca. 3 km luden uns Ana und Arthur auf eineunsere Osterfeiern Kaffee in ihr Restaurant ein. Dann gab es Obst und Brombeersaft. Wir legten unser „Ostergebäck“, armenische Teilchen, mit auf den Tisch. Eine Stunde später ging es wieder auf die Straße zurück.

Nach weiteren 5 km anstrengendem Aufstieg winkte uns eine Familie an einem Rastplatz zu sich. Und da waren wir mitten in einer Osterfeier mit einer großen, reich gedeckten Tafel, Musik und Tanz gelandet. Immer wieder gab es eine Runde Wodka, viel zu viel für unsere Verhältnisse. Als wir uns dann mit einem Geschenk verabschieden wollten, bekamen wir noch ein Lunchpaket mit ins Gepäck.

Auf ca. 1900 m Höhe begann es zu regnen. Wir suchten uns schnell einen Unterstand und machten derweil Pause. Als wir weiterfahren wollten, trafen Remy und Elisabeth ein, unsere französischen Radreise-Freunde. Ja, „Freunde“ kann man es schon nennen, so oft wie wir uns seit der Türkei getroffen hatten. Und groß war die Wiedersehens-Freude. Wir fuhren gemeinsam weiter und fanden hinter Dilijan an einer Tankstelle einen Zeltplatz für beide Zelte. Der Tankwart war sehr nett und wieder gab es Wodka.

Ein Filmclip zum    Panorama vor Dilijan

Montag, 28.3.16

Ostermontag. Heute standen 800 Höhenmeter auf dem Programm. Es ging hoch bis auf 1900 m. Je höher wir kamen, desto kälter war der Wind. Später kam noch etwas Regen dazu. Die Wolken hingen tief und ab 1700 m lag noch Schnee auf den Hängen. Oben erwartete uns ein Tunnel mit ca. 3 km Länge. Auf der anderen Seite des Tunnels hatten wir plötzlich klare Sicht auf die Berge und zeitweise sogar Sonnenschein, aber eisigen Gegenwind. Es ging auf 1900 m Höhe weiter bis zum Lake Sevan, einem der höchstgelegenen Seen der Welt.

Filmclip zum     Dilijan-Tunnel

Nach einer Pause fuhren wir weiter am Seeufer entlang Richtung Gavar. Es war Schneefall gemeldet, da wollten wir nicht zu spät einen Zeltplatz suchen. Und da trafen wir Remy & Elisabeth wieder. Sie hatten gerade einen Raum zum Übernachten gefunden. Und glücklicherweise war in dem Raum noch Platz für uns. Abends regnete es und wir waren froh um den Raum, ersparte er uns doch das Zelten bei Nässe. Wir verlebten zu viert einen netten Abend. Remy spielte Ukulele und wir schauten Fotos von unserer Reise und tauschten unseren Wissensstand zum Thema Iran-Visa-Verlängerung aus.

Dienstag, 29.3.16

Tatsächlich waren über Nacht ca. 15 cm Schnee gefallen. Unsere Räder waren dick mit Schnee bedeckt. Und es war ein Segen, dass wir diesmal nicht im Zelt übernachtet hatten. Wir waren um 8:30 startklar und fuhren gemeinsam mit Remy & Elisabeth weiter am Lake Sevan entlang.

Die Straße war gut befahrbar: weicher Schneematsch und große Pfützen. Leider konnte man durch die großen Pfützen jetzt die Schlaglöcher nicht mehr erkennen. Daher polterten wir ab und zu in diese tiefen Löcher. Nach einigen km Fahrt bemerkten wir, dass es kontinuierlich kälter wurde. Der Schneematsch auf der Fahrbahn war plötzlich eisglatt und man rutschte wie auf Seife. Das Schalten wurde schwergängiger und kurze Zeit später war bei mir der Schaltzug für das Schaltwerk eingefroren. Ich war gezwungen, in einem viel zu kleinen Gang hinter den anderen herzujagen.

Einige Unfälle hatten sich auf dieser Strecke ereignet: üble Blechschäden und viel Polizei flößten uns den nötigen Respekt vor den heiklen Straßenverhältnissen ein. Wir waren so angespannt und konzentriert bei der Sache, dass wir nach nur 9 km Strecke in einem Restaurant Pause machen mussten. Eine große Kanne Tee, WiFi, Kleidung trocknen und aufwärmen. Wie gut das tat.

Radeln bei Schnee am Lake Sevan:        Clip 1       Clip 2

Remy & Elisabeth fuhren nach einer Stunde weiter. Wir blieben noch länger. Nach dieser Pause lief es besser: die Sonne schien zeitweise, der Matsch war nicht mehr rutschig, die Reifen hatten wieder Grip. Wir waren erleichtert.
Wir besichtigten die Hayravank Monastery und einige kleine Gedenkstätten am Weg. Annett kaufte sich frischen Fisch aus dem Lake Sevan, der hier alle 500 m in kleinen Verkaufsständen angeboten wird.

Radeln am Lake Sevan:    Clip

Hinter Gavar lag weniger Schnee. Das Gröbste hatten wir jetzt wohl hinter uns. Aber wir bewegten uns weiterhin auf 1900 m Höhe. Und damit wurde es ab Mittag wieder kälter: 3°C. Nach einer kurzen Rast an einer Tankstelle bot man uns im beheizten Mannschaftsraum einen Schlafplatz an. Es war zwar noch nicht unsere Zeit für die Schlafplatzsuche, aber wir nahmen das Angebot sofort dankend an. Wer weiß, welche Wetterkapriolen kommende Nacht wieder auf uns zukommen.

Wir freuten uns auf den Abend im 23°C warmen Raum. Das gab uns endlich mal die Gelegenheit, die Dinge zu erledigen, die wir wegen dem Winterwetter aufgeschoben hatten. Doch wir hatten uns zu früh gefreut: alle 5 min kam einer der 5-köpfigen Mannschaft auf uns zu: einer wollte alles über unsere Reise wissen, ein anderer wollte eine Runde mit unseren Fahrrädern fahren, der dritte wollte wissen, wo man unsere Schlafsäcke kaufen kann, dann wollten sie Fotos von uns machen, dann wollten sie wissen, wo wir wohnen, dann ob wir Kinder haben… So ging es den ganzen Abend hindurch bis 22 Uhr.

Zwischendurch wurde großes Essen aufgetischt: Geflügel, gebratene Kartoffel, Fladen mit Käse und Kräutern. Wir steuerten unseren Wodka mit bei. Als wir um 23 Uhr unsere Schlafmatten auf dem Fußboden auslegten, hatten wurde zwar nichts geschafft von dem, was wir vor hatten, aber wir hatten wieder einen unvergesslichen Abend erlebt.

Filmclip zur rustikalen     Tankstellen-Technik in Armenien

Mittwoch, 30.3.16

Der Heizstrahler lief die ganze Nacht hindurch. Dadurch war es viel zu heiß und die Luft im Raum war sehr trocken. Auch der Fernseher blieb die ganze Nacht eingeschaltet, das Licht brannte und ab und zu rauchte einer aus dem Team im Raum. Trotzdem waren wir dankbar für diesen Raum.

Es ging auf einer fürchterlichen Schlagloch-Piste weiter am Lake Sevan entlang bis Martuni. In der Stadt winkte uns ein Tankwart in die warme Stube und damit waren wir Gäste auf einer kleinen Geburtstagsfeier. Es gab einen Becher Wodka und danach Orangenscheiben. Dazu sangen wir Geburtstagslieder. Dann gingen alle wieder an die Arbeit und wir verabschiedeten uns. Wir besorgten Spiritus, Feuerzeuge ohne Piezo-Zündung, die auch auf 2000 m Höhe noch gut funktionieren (unsere Piezo-Feuerzeuge taten es nämlich nicht mehr). Auf dem Weg aus der Stadt hoch in den Aufstieg begleiteten uns viele Kinder. Einige liefen sogar einen km neben unseren Fahrrädern her.

Nach 200 Höhenmetern hielt ein Kleinbus neben uns und der Fahrer bot uns die Mitnahme in seinem Auto an. Wir luden die Fahrräder ein und ich blieb im Laderaum und sicherte die Räder gegen Wegrutschen während der Fahrt. Er fuhr uns bis zum nächsten Abzweig. Das ersparte uns ca. 3 km Hochschieben. Trotzdem blieb noch genug zu tun für uns, in Summe wurden es 600 Höhenmeter bis zum Scheitelpunkt auf 2410 m.

Unterwegs trafen wir Christoph und Melanie aus München, die hier ihren Urlaub verbrachten. Sie waren mit dem Geländewagen unterwegs und staunten über unser Vorhaben, mit Fahrrad und Gepäck die Berge hier in Armenien im Winter zu durchqueren. Und wir wurden von drei Armeniern spontan zu einem Becher Wodka eingeladen; aus Freude und Respekt über unsere Reise und diesen anstrengenden Pass.

Und tatsächlich wurde der Pass oben sehr abenteuerlich: viele zugeschneite Streckenabschnitte, schlammige, rutschige Spurrillen, eisiger Gegenwind und sehr wenig Platz zum Ausweichen, wenn Autos und LKWs vorbei wollten. Ein LKW hatte mich dann auch gestreift. Zum Glück war nichts beschädigt am Gepäck. Annett rutschte derweil immer von den Pedalen, weil der Schnee unter ihren Schuhen an der kalten Pedale festfror.

Das Panorama auf dem Pass:    Clip1      Clip2     Clip3

Viele km lang genossen wir da oben ein sagenhaftes, eingeschneites Bergpanorama. Als dann einige Schneeflocken fielen, wurden wir aber doch unruhig und gaben Gas, soweit die dünne Luft das überhaupt zuließ.
Höhepunkt des Tages war dann die Aussicht von 2410 m Höhe hinunter ins Tal bis nach Getap auf 1100 m Höhe und die 3000er im Hintergrund. Für diesen Ausblick hatten sich die Anstrengungen gelohnt. Ab hier ging es 34 km nur bergab. Leider zwang die schlechte Straßendecke dabei ständig zum Abbremsen.

Unten in Getap angenommen, waren wir richtig unterkühlt. Und mit 70 km Strecke und der dünnen Luft oben in den Bergen waren wir am Ende unserer Kräfte. Wir suchten zügig einen Zeltplatz und freuten uns auf den warmen Schlafsack.

Donnerstag, 31.03.16

Wir genossen die morgentliche Wärme, die uns seit Vanadzor fehlte. Auf 2000 m Höhe ist halt noch Winter zur Zeit. Der Temperaturunterschied war gewaltig. Bis Wolken aufzogen. Dann wurde es sofort eiskalt. Zeitweise waren auch Regenschauern zu sehen in unserer Nähe. Wir blieben aber verschont. Wir gingen den Tag sehr gelassen an und nahmen uns viel Zeit, um die tolle Berglandschaft entlang der Straße auf uns wirken zu lassen: schroffe Felsenkulisse und skurrile Formationen aus Basaltsäulen, ähnlich wie der „Giants Causeway“ in Nord-Irland. Ab Vayk verengte sich das Tal entlang des Flusses Darb Schluch-tartig. Und zweimal wurden wir heute von Händlern bzw. Restaurant-Betreibern zu einem Plausch mit Kaffee eingeladen.

Filmclip zum Panorama:    Clip

Den vor uns liegenden Pass mit einer Höhe von 2344 m wollten wir uns für morgen aufheben. Daher suchten wir uns hinter Vayk einen Zeltplatz. Wir wollten am Flußufer aufbauen. Da bot uns ein Bauer gegenüber der Straße seine Obstbaum-Plantage an. Dann kamen uns Frau und Tochter begrüßen und kurze Zeit später sollten wir im Haus hinter der Plantage schlafen. Wir freuten uns natürlich riesig, denn es sollte wieder eine frostige Nacht geben.

Freitag, 1.4.16

Wir fuhren zeitig los, denn wir wussten, dass heute ein langer Aufstieg bevorstand. Und es sollte einer unserer härtesten Reisetage werden: 1300 Höhenmeter, 54 km Strecke, davon 21 km Aufstieg, eisige Kälte und fürchterlicher Straßenbelag. Nach zwei Stunden mühsamem Aufstieg rief mir Annett plötzlich entsetzt zu, sie habe ihre Thermoskanne im Haus unten im Tal vergessen. Das kann jetzt nicht wahr sein, dachte ich und wollte meiner Wut freien Lauf lassen. Bedeutete es doch, dass einer von uns wieder hinunter ins Tal muss. Doch dann zog ein Grinsen auf Annetts Gesicht: sie hatte mich nur in den April geschickt. War alles nur ein Scherz. Ich atmete auf.

Nach vielen Stunden Schieberei erreichten wir um 15 Uhr mit 2344 m den höchsten Punkt und dachten, jetzt ginge es nur noch abwärts. Doch da hatten wir uns getäuscht. Die Straße verlief nun über viele km in ständigem Auf und Ab oben auf ca.2200 m Höhe durch die verschneite Bergwelt. In der Ferne sah man die Schneedecke der 3000er im Sonnenlicht leuchten. Das Panorama war unbeschreiblich. Wir genossen es, sofern der eisige Wind das zuließ. Zum Glück hatten wir Rückenwind; also war es beim Fahren bzw. Schieben angenehmer als in einer Pause am Straßenrand, wenn man im Wind stand. Zivilisation gab es hier oben nicht, nur wilde, Tundra-ähnliche Wildnis: sumpfige Wiesen, zugefrorene Seen und Schneefelder.

Ab 18 Uhr wurde es deutlich kälter und wir hatten Sorge, es nicht mehr bei Tageslicht bis ins Tal zu schaffen. Dann erreichten wir den Abzweig nach Sisian, unser angepeiltes Ziel für heute. Wir dachten, diese Kreuzung läge im Tal. Tatsächlich waren wir auf 1850 m Höhe. Also stand uns wieder eine frostige Nacht bevor. Zum Glück sprach uns ein Restaurant-Besitzer auf der Straße an und bot uns einen Schlafplatz in einer leerstehenden Baracke an.

Wir waren erleichtert, so schnell einen Schlafplatz gefunden zu haben und bemerkten auf die Schnelle gar nicht, dass es durch die Fensterritzen und die nicht verschließbare Türe zog. Dafür gab es im Restaurant ein Holzfeuer im Ofen. Wir saßen den ganzen Abend zu viert um den Ofen, aßen Döner und Kartoffelscheiben, die auf dem Ofen gebacken wurden und dazu Lavash, das armenische Fladenbrot. Wir spendierten unseren Wodka dazu. Die Ofenwärme gab uns dann den Rest für den Tag und um 23 Uhr fielen wir, so müde wie selten, in den Schlafsack. Annett entdeckte noch ein großes Loch in der Decke direkt über ihr und wir hofften darauf, das es keinen Niederschlag gibt in der Nacht.

Samstag, 2.4.16

Heute weckte mich nicht der Wecker, sondern die Kälte. Ich fror im Schlafsack. Jetzt zeigte der Durchzug in unserer Baracke seine volle Wirkung. Wir packten schnell in der Hoffnung, dass im Restaurant wie angekündigt ab 8 Uhr wieder der Ofen brennt. Er brannte; und es war unsere Rettung vor der ersten Unterkühlung des Tages. Wir frühstückten im Warmen und genossen diese innere Ruhe, wenn man keine eisige Kälte um sich herum hat.

So schön die winterliche Berglandschaft auch sein mag, auf dem Fahrrad unterwegs fühlt man sich ununterbrochen auf der Flucht vor der Kälte. Keine warmen Räume unterwegs, nicht mal ein windgeschützter Unterstand; selbst bei einer Tasse heißem Tee aus unserer Thermoskanne kühlt uns der Wind schneller aus, als der Tee uns von innen aufwärmt. Aber es gibt nur den Weg über die Gebirge in den Iran, unserem nächsten Reiseland.

Vor der Abfahrt erfuhren wir noch, dass es in der Nacht unweit von uns in Bergkarabah Schusswechsel zwischen Armenien und Aserbaidschan gegeben hatte. 10 Tote. Wir checkten sofort die Sicherheit auf unserer geplanten Route über Goris und Kapan. Der Weg führt dicht an der Grenze entlang. Aber es gab Entwarnung von den Einheimischen. Also fuhren wir weiter wie geplant.

Die Straße führte weiter über diese Hochebene mit freiem Blick zu beiden Seiten auf die verschneiten Hochgebirge. Die Sonne schien und wir hatten klare Sicht. Ein tolles Erlebnis. Die Straße hingegen blieb sehr anstrengend. Lange Anstiege wechselten mit langen Abfahrten ständig. Die Abfahrten waren tückisch: man konnte das Rad keine 200 m laufen lassen, ständig musste man rechtzeitig vor diesen Trümmerfeldern bremsen und dann um die tiefen Schlaglöcher jonglieren. Hatte man zu spät gebremst und fuhr in eines dieser Löcher, gab es einen heftigen Schlag für Rahmen und Gabel. Wir waren froh, dass wir 26″-Laufräder haben; bei 28″-Felgen hätten wir jetzt schon massiv Probleme mit der Stabilität.

In einem armenisch-iranischen Hotel an der Straße machten wir Pause. Wir nutzten WiFi und verfolgten die Tänze am Nachbartisch zur iranischen Musik in Partylautstärke.

Shuttle nach GorisWieder auf der Straße zurück, wurde mir mehr und mehr bewusst, wie lange wir für den Weg bis zur Stadt Goris noch benötigen werden. Wir kamen trotz Rückenwind nur langsam voran wegen der fürchterlichen Straßendecke.

Da hielt plötzlich ein Kombi auf meiner Höhe an und der Fahrer bot uns die Mitnahme im Wagen an. Ich schaute etwas ungläubig wegen der Räder, doch er signalisierte, die würden flach aufs Dach gelegt. Wir nahmen das Angebot an und verstauten das Gepäck im Kofferraum. Die Räder hoben wir auf das Autodach. Ich sollte aufs Dach klettern und oben alles zurecht legen, damit Autodach und Räder möglichst keinen Schaden nahmen. Die Fußtritte auf dem Seitenwand vom Hochklettern und Schrammen auf dem Dach sind hier in Armenien ganz normal. Mit 2 starken Expandern wurden die Räder fixiert. Wir waren gespannt, ob die Räder den Transport heile überstehen.

GorisEine halbe Stunde später erreichten wir Goris. Wir hätten per Rad bis in den Abend benötigt. So blieb uns Zeit für Einkauf und Pause. Goris ist malerisch gelegen in einer Mulde zwischen Bergen mit felsiger Kulisse. Das gesamte Erscheinungsbild ist einmalig und sehr sehenswert. Wir verschlossen, bis morgen in der Stadt zu bleiben und fanden auf einer Wiese neben einem kleinen Hotel einen Zeltplatz. Die Einladung auf einen Tee im Haus entpuppte sich dann als Dinner im Kreis der Familie.

Sonntag, 3.4.16

Vor der Abfahrt bot unser Gastgeber uns noch WiFi an. Wir schauten nach dem Wetterbericht und da traf uns der Schlag: heute sollte es schneien, 36 Liter/m² Niederschlag. Sowohl in Goris als auch in Kapan, unserem heutigen Ziel. Etwas ungläubig suchten wir am Himmel die dunklen Wolken. Trotzdem nahmen wir die Vorhersage ernst. Also wurde der geplante, längere Aufenthalt in Gori gestrichen und wir fuhren zügig los Richtung Kapan.

Man verlässt Goris auf einer Straße mit Gefälle. Es geht 800 Höhenmeter herunter ins Tal mit Blick auf den Vorotan-Canyon. Dann überquert man einen Fluss und es geht wieder hoch: eine Serpentinen-reiche Strecke, die sich scheinbar endlos in den Berg hochschraubt. Landschaftlich ist die Strecke ab Goris ein Traum: schroffe Felsen und Erdpyramiden ragen immer wieder aus den Berghängen hervor. Man fährt an vielen kleinen Dörfern und alten Steinbrücken vorbei. Sehr malerisch. Diese Strecke gehört mit zu den schönsten Passagen unserer Reise.

Das Wetter wurde zunehmend schlechter: die Sonne verschwand, es begann zu regnen und je höher wir wieder aufstiegen hinter dem Fluss, umso kälter wurde es. Nach 700 Höhenmetern Aufstieg ging der Regen in Schnee über. Wir waren aber noch lange nicht am höchsten Punkt angekommen und bis Kapan lagen noch 40 km Weg vor uns. Dabei war es schon 15 Uhr. Wir waren uns einig: wenn ein Wagen hält und uns einen Shuttle-Transport anbietet, lassen wir uns mitnehmen.

Ich hielt den Daumen raus beim nächsten Mitnahme-tauglichen Transporter und tatsächlich hielt der sofort an. Der Fahrer kam heraus und fragte uns nur, ob wir nach Kapan wollten. Ja, gerne, und wir bedankten uns. Zufällig war der gesamte Laderaum des Kastenwagens leer. Was für ein der Schaden am SattelGlück. Wir hoben die bepackten Räder in den Wagen. Der Fahrer half kräftig mit. So kräftig, dass er mein Rad am Sattel hochheben wollte und dabei meinen Sattel aus der Elastomer-Federung riss. Ich nahm es mit Entsetzen zur Kenntnis und redete mir blitzschnell ein: „das bekommen wir schon irgendwie wieder hin“.

Festbinden konnte man die Räder nicht. Also blieb ich im Laderaum und wollte die Räder gegen Umkippen sichern während der Fahrt. Es roch sehr streng nach Schwefel im Laderaum, aber ich hoffte darauf, dass ich das aushalte. Die Tür wurde geschlossen und dann war es stockfinster im Laderaum. Es gab keine Fenster. Ich hielt beide Lenker fest und zog gleichzeitig beide Vorderradbremsen.

Der Wagen fuhr los und für mich begann eine spannende volle Stunde Achterbahnfahrt im Stehen quasi mit verbundenen Augen. Ich versuchte, rechtzeitig zu erfassen, ob eine Links- oder Rechts-Kurve begann. Dementsprechend stemmte ich mich gegen die Räder. Bei heftigen Schlaglöchern hoben die Vorderräder ab. Ich war sehr angespannt und schwitzte. Mir lief die Nase, aber es war unmöglich, die Lenker samt Bremsen auch nur für 3 Sekunden losgelassen. Der Fahrer ging nicht gerade zimperlich mit der Karre um. Und die Serpentinen-reiche Strecke, der schlechte Straßenbelag und der ständige Wechsel zwischen bergauf und bergab forderte ununterbrochen meine Aufmerksamkeit. Eine Stunde kann ganz schön lange dauern. Ich malte mir auch schon aus, was alles kaputt geht, wenn die Räder gleich wieder aus dem Wagen getragen werden.

Dann war es soweit: der Wagen hielt an, der Motor ging aus. Endlich waren wir da. Die Türe ging auf: es goss in Strömen, wir waren in Kapan an einer Tankstelle. Wir trugen die Räder aus dem Wagen und stellten uns erst einmal irgendwo unter und prüften, ob noch weitere Schäden entstanden waren.

Und wir bedankten uns ganz herzlich, denn das war unsere Rettung vor einem fürchterlichen Kanossa: Annett berichtete, dass zeitgleich mit dem Beginn der Autofahrt heftiger Schneefall einsetzte der dann auch die gesamten 40 km anhielt und erst kurz vor Kapan in Regen überging. Dazu gab es schlechte Sicht. Sie hatte sich natürlich Sorgen um mich gemacht: durch die Schwefeldämpfe würde mir schlecht, ich kippe um und die Räder fielen in der nächsten Kurve auf mich drauf. Doch alles war gut gelaufen. Sie war froh, mich heile wiederzusehen nach der Fahrt. Diesen Wagen hatte uns wohl ein Schutzengel zum richtigen Zeitpunkt geschickt.

Den Rest des Tages (es war 17 Uhr) nutzten wir, um einen geeigneten Übernachtungsplatz zu finden. Denn bei diesem Schneeregen wollten wir nicht weiter. Und in Erwartung besseren Wetters planten wir für morgen Einkäufe in Kapan, der letzten größeren Stadt vor der iranischen Grenze. An einer Tankstelle am Stadtrand bauten wir dann das Zelt auf und hofften, dass der nasse, schwere Schnee über Nacht das Zeltdach nicht zu stark eindrückt.

Montag, 4.4.16

KapanEs hatte nicht mehr viel geschneit. Auf dem Zelt lag nur wenig Schnee. Also konnten wir ohne Probleme weiterfahren heute. Gut so. Wir fuhren ins Zentrum der Stadt. Obwohl wir noch einen Pass mit 2535 m Höhe vor uns hatten, kauften wir Lebensmittel für mehrere Tage, denn wir würden auf den letzten 100 km bis zur iranischen Grenze wahrscheinlich keine Geschäfte mehr vorfinden. Da wollten wir lieber mehr Gewicht mitschleppen als ohne Futter durch die Berge zu fahren.

Während wir beim Bäcker einkauften, rammte ein Autofahrer beim Ausparken Annetts Fahrrad. Das Rad kippte um, fiel gegen die Bordsteinkante und blieb im Matsch liegen. Ich rannte aus dem Laden und signalisierte dem Fahrer, dass er nicht einfach davon fahren kann. Er wirkte betroffen, stieg aus und schaute sich die Sturz-Schäden an. Ich zeigte deutlich, dass ich sauer war und sofort kam der Bäcker hinzu und versuchte, zu schlichten. Mir war schnell klar, dass wir keine Entschädigung zu erwarten haben in einer solchen Angelegenheit. Also blieb es bei ein paar passenden Kraftausdrücken. Glücklicherweise war der Schaden nicht groß. Die Packtaschen waren nur vermutzt und hatten Schürfspuren, aber sie hatten keine Löcher.

Mittags verließen wir Kapan und fuhren durch schönste Hochgebirgs-Landschaft hoch in den nächsten Pass: den Kajaran-Pass. Nach 600 Höhenmetern zogen wir in Erwägung, bei nächster Gelegenheit das Zelt aufzubauen und den Rest des Aufstieges auf morgen zu verschieben. Zu riskant erschien es uns, oben auf dem Pass in die Dunkelheit zu geraten.

Da hielt plötzlich ein Bus neben uns. Der Fahrer signalisierte, dass er uns mitnehmen wolle. Wir fackelten nicht lange, sondern sagten spontan zu und trugen das Gepäck und die Räder in den leeren 30-Personen-Bus. Nach einigen km Fahrt fuhr er auf ein Privatgrundstück, machte den Motor aus und sagte: „jetzt gibt es erst mal Tee“. Er hieß Tigran und wohnte hier in einer Holzbaracke.

Wir machten deutlich, dass uns die Zeltplatzsuche wichtiger wäre als ein Tee in gemütlicher Runde und darauf bot er uns einen Abstellraum als Schlafplatz an. Wir freuten uns und ab da lief alles entspannt ab: wir tranken Tee, verfolgten die Nachrichten im Fernsehen (die Terroranschläge der aserbaidschanischen Islamisten in Armenien am 1.4.16 waren immer noch das Thema Nr. 1 im ganzen Land) und nach einem kleinen Imbiss tranken wir gemeinsam armenischen Cognac.

Was hatten wir heute wieder ein Glück. Wir bekamen langsam Zweifel, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht bei so vielen Einladungen und Mitfahrgelegenheiten in den letzten Tagen.

Dienstag, 5.4.16

Nach eder Shuttle-Businem gemeinsamen Frühstück mit Tigran und seiner Frau Ani verabschiedeten wir uns mit einem Geschenk und fuhren weiter den Pass hinauf. Die Sonne schien und wurde so warm, dass die Schneeschmelze überall regelrechte Sturzbäche erzeugte. Das Wasser lief über die Straße, füllte die riesigen Schlaglöcher auf der Straßendecke und verwandelte die Fahrbahn stellenweise in eine Seenlandschaft. Mancher Autofahrer bretterte durch diese Pfützen und erzeugte dann diese großen Fontänen, die wir Radler so lieben.

Hinter Kajaran ging es mit 12% Steigung hoch in die Berge. Und mit jedem Meter wurde das Panorama spannender. Insgesamt kamen heute 1020 Höhenmeter zusammen, bis wir den höchsten Punkt auf 2535 m erreichten. Und der Weg dorthin war nicht einfach: die Fahrbahn war sandig und man rutschte beim Schieben des Fahrrads leicht nach hinten weg. Das war gefährlich. Die Luft war dünn und uns fehlte schnell die Puste dort oben. Annett konnte ihre Trinkflasche nicht füllen, weil ein Brunnen unerreichbar unter den Schneemassen lag. Sie aß stattdessen Schnee.

Das Panorama auf dem Pass:      Clip1      Clip2

Der Ausblick auf die bis zu 3800 m hohen Berge unweit der Straße war grandios. Mit dem Wetter hatten wir Glück: als wir Richtung Meghri wieder herunter fahren wollten, zogen dickere Wolken auf und es sah nach Schneefall aus. Also fuhren wir zügig wieder herunter. Aber auch die Abfahrt war anstrengend: 12% Gefälle zwangen zu ständigem Bremsen, sonst fuhr man zu schnell auf die Trümmerfelder zu und das gab dann wieder unangenehme Schläge fürs Rad. Über 35! km Abfahrt waren es bis nach Meghri. Die Straße verlief dabei durch ein enges, Schlucht-artiges Tal entlang am gleichnamigen Fluss Meghri, einem wunderschönen Wildbach.

Plötzlich fiel ein Schuss. Wir dachten sofort an die aktuellen Kämpfe zwischen Aserbaidschan und Armenien in Bergkarabah und suchten das Gelände flüchtig mit den Augen ab. Dann sahen wir vor uns ein parkendes Fahrzeug auf der Straße. Ein Mann stand hinter dem Fahrzeug und hielt ein Gewehr im Anschlag, glücklicherweise nicht auf uns gerichtet. Es war wohl nur ein Sportschütze. Trotzdem mussten wir scharf abbremsen und geduldig abwarten, bis der zweite Schuss fiel. Wir wären sonst vor seinem Lauf vorbeigefahren.

Ein unangenehm scharfer Gegenwind zog uns während der gesamten Abfahrt entgegen und kühlte uns derart aus, dass wir im Tal erst einmal einen heißen Kaffee brauchten.

Meghri erschien uns sehr sehenswert, aber es dämmerte schon. Wir beschlossen, hinter der Stadt schnell einen Zeltplatz zu suchen und uns die Stadt morgen anzusehen. An einer Garten-Siedlung fragte ich einen Hobbygärtner um Erlaubnis und wurde direkt eingeladen auf Wodka und Geflügel. Ich lehnte dankend ab, weil es schon fast dunkel war. Der Zeltaufbau ging halt vor.

Mittwoch, 6.4.16

Wir waren noch nicht fertig mit dem Frühstück, da stand „Aro“, einer der Hobbygärtner, mit einer Runde Kaffee vor unserem Zelt. Wir bedankten uns herzlich. Danach zeigte er mir seinen Garten, holte den Wodka und sein Frühstück hervor und dann wurde angestoßen auf Armenien.

beim FriseurWir packten und fuhren zurück nach Meghri. Annett wollte zuerst zum Friseur. Da war mal ein Grundschnitt fällig nach meinen vielen Versuchen, genauso professionell zu schneiden wie die gelernten Fachleute. Und es war wohl ein Erlebnis: erst wurde geschnitten und dann gewaschen. Das Wasser wurde in einem Eimer per Tauchsieder erhitzt. Zum Waschen beugt man sich stehend über das Waschbecken und dann wird Becher-weise gegossen. Selbst der Friseurbesuch ist in Armenien also ein Erlebnis. Annett war jetzt zwar wieder gut gestylt, aber ab morgen gilt für sie im Iran die Kopftuchpflicht. Schade eigentlich.

Die Sonne schien und es war ausgesprochen warm. Wir genossen diese Wärme nach den vielen kalten Tagen oben in den Bergen und blieben bis nachmittags in der Stadt. Um 15 Uhr fuhren wir weiter Richtung Grenze zum Iran. Die Straße führt auf den letzten km an dem Grenzzaun entlang. Man fährt durch ein wunderschönes Tal zwischen schroffen Bergen bis nach Agarak. Ich machte Fotos von der tollen Landschaft, wie üblich, und prompt hielt ein Militärposten und forderte mich auf, alle Fotos der Grenzzone zu löschen, sonst käme ich in den Knast. Seine Gestik war eindeutig. Ich befolgte natürlich sofort seine Aufforderung, um nicht unseren Grenzgang in den Iran zu gefährden.

Filmclip zum Panorama:      Clip

Auf der Suche nach einem Zeltplatz in Agarak lud uns Igor, ein Gärtner, zum Zelten in seinen Garten ein. Wir hatten das Zelt noch nicht fertig aufgebaut, da spendierte er uns einen Laib Brot und kam mit zwei Dosen Bier zu uns. Auf meine Frage nach Strom zum Laden nahm er spontan unser Smartphone mit zu sich nach Hause und brachte es später vollgeladen wieder mit.

Nach unserem Abendessen wurde es dann spannend. Er kam mit zwei Tassen und einer Flasche Wodka zu uns und dann teilte er aus. Nach der zweiten Runde lehnten wir dankend ab und er trank den Rest. Er bestaunte unser Zelt und wollte mal im Innenzelt auf der Matte sitzen. Ist ja auch viel bequemer als draußen auf dem feuchten Rasen.

Als die Wodka-Flasche leer war, holte er eine mittelgroße Cognac-Flasche hervor und es ging weiter. Plötzlich legte er sich quer über unsere beiden Matten und wollte schlafen. Er war sternhagelvoll. Das war uns dann doch zu viel. Ich schaffte es mit Mühe, ihn zum Aufstehen zu bewegen und geleitete ihn wie einen Blinden zwischen den Gewächshäusern hindurch Richtung Ausgang. Er ging dann tatsächlich alleine weiter.

Wir dachten, jetzt ist endlich Ruhe, doch 10 min später schlich er sich heimlich wieder ans Zelt und wollte wieder reinkommen. Er taumelte und stützte sich auf dem Zelt ab. Wir dachten, gleich bricht eine der Zeltstangen. Das Spiel mit dem zum-Ausgang-führen wiederholte sich und danach war wirklich Ruhe. Eine schlaflose Nacht wurde es trotzdem, weil wir bei jedem Geräusch dachten, er kommt wieder.

Donnerstag, 7.4.16

Igor war wieder nüchtern, als er um 7 Uhr an unser Zelt kam. Wir waren uns nicht sicher, ob er sich an die Ereignisse der Nacht erinnern konnte. Er brachte uns noch Eier aus seinem Hühnerstall und zeigte mir, wo wir den Schlüssel deponieren sollten, wenn wir gehen. Er selber musste jetzt zur Arbeit. Seine beiden Schafe liefen derweil um unsere Räder herum und knabberten alles an, um zu prüfen, ob es essbar ist. Bei Annetts Lenker wurden sie dann fündig und fraßen die Blumen aus der kleinen Plastikvase.

Heute stand der Grenzübergang Armenien-Iran auf dem Programm. Nach wenigen km erreichten wir die Grenze. Was bisher bei anderen Grenzen in 5 min erledigt war, dauerte hier 1,5 h. Zweimal wurde unser gesamtes Gepäck gescannt und wir mussten viele Fragen beantworten. Unsere Pässe wurden mit Hilfe einer Lupe auf Echtheit überprüft. Jede manuelle Notiz in unserer Iran-Karte wurde kritisch hinterfragt. Dann war es endlich soweit: wir waren im Iran.

Resume Armenien

Insgesamt waren wir 15 Tage in Armenien und haben dabei auf 530 km Strecke 9000! Höhenmeter erklommen. Das hat Kraft gekostet.

Armenien war unser härtestes Reiseland bisher: die Passstraßen, der Schnee, der viele Wodka, die Schwierigkeit, bei Gesprächen die Länder Türkei, Turkmenistan und Aserbaidschan nicht zu erwähnen und die Eskalation zwischen Aserbaidschan und Armenien in Bergkarabah Anfang April.

Wie verbittert müssten die Menschen in Armenien sein im Hinblick auf die Leiden, die sie vor 100 Jahren durch die türkischen Kurden ertragen mussten. Doch wie großartig war die Gastfreundlichkeit, die uns zu teil wurde: wir waren noch keine 5 Stunden im Land, da wurden wir schon eingeladen und erlebten armenische Kultur und Lebensfreude. Und am Ostersonntag beschenkte man uns mit Ostereiern und integrierte uns gleich dreimal in die familiären Feierlichkeiten. Mehrfach boten uns Autofahrer die Mitnahme in ihrem Fahrzeug an, wenn wir einen Pass hochschoben.

Wer die Berge liebt und gerne Serpentinen-reiche Straßen fährt, wem extrem schlechte Straßen und steile Anstiege bzw. Abfahrten nichts ausmachen, für den ist Armenien ein traumhaftes Urlaubsland.

Mülltonnen findet man selten. Da wird die Entsorgung zum Suchspiel. Das Toilettenpapier ist rauh wie Schmirgel, öffentliche Sanitäranlagen sind oft in fürchterlichem Zustand. Jeder zweite Wasserhahn ist undicht, technische Anlagen sind oft völlig veraltet. Viele Straßen ebenfalls: überall lauern tiefe, große Schlaglöcher, die auch vom Autoverkehr mit großem Respekt umfahren werden wie ein Minenfeld. Für Radler sind diese Krater vor allem bei steilen Abfahrten extrem gefährlich.

Die Straßentunnel in Armenien sind ein kleines Abenteuer für sich: keine Beleuchtung, Schotterbelag, schlecht belüftet. Begegnen sich im Tunnel in einer Kurve 2 LKWs, geht oft nichts mehr. Deren Befahrung ist per Fahrrad kein Vergnügen.

Einige schöne Wildbäche gibt es in Armenien. Ein Eldorado für Wildwasser-Paddler.

Die Duduk, die armenische Flöte, hat eine große Bedeutung in der Musik hier in Armenien. Kein Instrument kann die Stimmung der Bevölkerung besser zum Ausdruck bringen (sie „weint“, wenn man sie spielt). Wir haben sie gerne gehört; nicht nur, wenn Djivan Gasparyan sie gespielt hat.

Und wir fühlten uns verbunden mit diesem kleinen Land, dessen Bevölkerung oft von der Zeit schwärmt, in der Armenien ein mächtiges Reich war.

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2 Kommentare:

  1. Schön is der Taschenwärmer ers bei Eis + Schnee oben auf’m Pass un mit die Spikes auf die dünnen Mäntel kann’se mal bremsen, wenn’se mal bremsen wills, oder muss eh rollen lassen bis’se wieder ganz unten bis, wo’e wieder nah oben kucken kanns, wo deine Spur von eben, noch da is. Ja und dann eh wieder steil rauf, besser ’n bisken datt Rad schieben, macht die Finger, die Mauken und den Body bisken warm. Datt hatt watt in’ne janz hohen Berge mit Zelt wenn’se Kalt mags. Ich sach nur Ramazotti on the rocks… Grüße aus’m Pott Heino

  2. Beeindruckend einfach nur beeindruckend.
    Euch weiterhin alles Gute.
    Liebe grüße aus Köln.

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